Er sitzt in einer Reihe mit millionenschweren Scheichs, mit Weltsportlern und internationalen Filmstars. Seit mehr als zehn Jahren fliegt Ben Schlappig First Class, wenn’s nicht anders geht auch mal Business Class durch die Welt. Aber so eine Dusche im Flugzeug ist schon eine nette Annehmlichkeit. Ben kommt ursprünglich aus Seattle, USA, ist 25 Jahre alt, nicht überdurchschnittlich vermögend, ist kein Sohn von und zu, aber er hat ein ungewöhnliches Hobby, das ihn seit seinem Teenageralter quer durch die Welt reisen lässt – für kleines Geld. Ben sammelt Bonusmeilen von Airlines – nicht in dem Maße, als dass er sich am Ende des Jahres ein paar neue Calvin Klein Socken aussuchen kann. Nein. Im Alter von 17 Jahren hatte Ben eine halbe Millionen Bonusmeilen gesammelt, tagelang flog er First Class von einer Stadt in die nächste, residierte in Luxushotels – alles nahezu kostenlos. „Ich bin besessen von der Luftfahrt, vom Reisen – genauer gesagt, ich benutze Bonusmeilen und Kreditkarten Bonuspunkte, um diesen Lifestyle zu leben.“

Jährlich fliegt Ben über 600.000 Kilometer, 16 Mal um den Globus würde er damit kommen. Am Freitag flog er nach Utah, einen Tag wandern, Montag geht’s zurück nach Kalifornien, danach wieder über den großen Teich. In einem Interview zwischen Willkommenschampagner und Zimmerservice erzählt Ben, wie er die Bonusprogramme der Airlines ausreizt, womit er nebenbei Geld verdient, und warum ein Flugbegleiter den Service in der ersten Klasse etwas zu weit ‚getrieben‘ hat.

Raffinierte und matheaffine Nerds – Meilensammler jetten durch die Welt für kleines Geld

Es ist Monate her, dass Ben zu Hause geschlafen hat. Als Zuhause bezeichnet er den Ort, wo er seine Klamotten lagert, bei seinen Eltern in Florida. Eine Wohnung hat er nicht, braucht er nicht. „Eigentlich bin ich non-stop unterwegs. Diese Woche bin ich von Florida nach New York geflogen, weiter nach Chicago, nach San Diego und nach Los Angeles. Freitag ging es weiter nach Utah, einen Tag wandern, und Montag fliege ich wieder nach Kalifornien. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich so lange in den USA unterwegs war. Aber ist auch mal ganz nett.“ Das Reisen ist Bens Leben – oder ist sein Leben das Reisen? Es ist nichts Ungewöhnliches, dass er mal einen Wochenendtrip durch Asien macht, Hongkong, Jakarta, Tokyo und zurück nach New York, alles in 69 Stunden. „Das Flugzeug ist mein Schlafzimmer, mein Büro, und mein Spielzimmer.“

Ben ist kein verwöhnter Sohn, der nie arbeiten musste und einfach alles kriegt, was er möchte. Der 25-Jährige gehört zu einer Gruppe raffinierter und matheaffiner Nerds, die mit ausgefeiltem System die Bonusprogramme der Airlines zum Brennen bringen. „Ich war 14, als in jenem Sommer ein Flyer von United Airlines in unserem Briefkasten lag. Es ging um eine Promotion-Aktion, bei der man 5000 extra Meilen bekam pro geflogener Strecke bekam – maximal 50.000 Bonusmeilen. Zu der Zeit hatte ich keine Ahnung von Meilen und Punkten und all dem Kram, aber das hörte sich nach einem ziemlich guten Deal an“, erzählt Ben. Er fing an, im Internet weiter über Bonusprogramme etc. zu recherchieren und stieß auf „FlyerTalk“ – ein Forum von und für Airline Nerds mit heute über 500.000 Mitgliedern. „Dann änderte sich meine komplette Weltwahrnehmung.“

Ein Jahr brauchte Ben ungefähr, um sich die verschiedenen Techniken anzueignen, um die Systeme der Airlines zu verstehen, um genau vorhersagen zu können, wann ein Ticket Algorithmus nicht aufgehen würde, also Flüge überbucht sein werden, und wie man die besten Bonusmeilen ausspielen kann. Nein, so ganz normal ist das nicht, oder sagen wir eher, Ben ist nicht ganz normal. Überdurchschnittlich smart könnte man sagen, schon in der Schule langweilte er sich. „Ben war immer einen Schritt voraus“, sagten Lehrer über ihn. „Besser, als wenn er Gras raucht“, soll sein Vater gesagt haben – das reichte wohl als Grund, ihm zu erlauben, die gesamten Sommerferien – Ben ist zu dem Zeitpunkt immer noch 14 Jahre alt – kreuz und quer durch die USA fliegen zu lassen. „Ich rechnete ihnen alles haarklein vor. Wenn ich so und so viele Strecken zurücklege, könnten wir unseren nächsten Flug nach Deutschland First Class fliegen, günstiger als in der Eco Class“, erzählt Ben. „Sie waren nicht begeistert, aber überzeugt.“ Wenige Woche danach erhob man den 14-Jährigen in den Elite Status bei United Airlines. Keine drei Jahre später hatte er eine halbe Million Bonusmeilen auf seinem Konto angehäuft.

So sammelt man Bonusmeilen – Prämien, Überbuchungen, Kreditkarten kaufen und stornieren

„Jeder kann komfortabler und günstiger reisen, indem er die Ressourcen richtig nutzt.“ Neben exklusiven Aktionen, bei denen auf einen Schlag Tausende Bonusmeilen abgesahnt werden können, haben Ben und seine Kollegen von FylerTalk – genannt „Hobbyisten“ – schon früh eine Software entwickelt, um genau zu analysieren, wann ein Flug aller Wahrscheinlichkeit nach überbucht sein wird. Bucht man sich sodann auf diesen Flug, versuchen die Airlines mit speziellen Boni den Passagier für eine Umbuchung zu begeistern. Alleine damit sammelt Ben Unmengen an Meilen.

Zweite große Einnahmequelle auf dem Meilenkonto schafft Ben durch die Sammlung von Kreditkarten. Pro beantragter Kreditkarte gibt ihm das Institut so und so viele Bonusmeilen. Beantragen, stornieren, beantragen, stornieren… durch eine Reihe von Tricks gibt es auch hierbei kaum ein Limit an Möglichkeiten.

„Nein, ich fliege nicht kostenlos um die Welt“ – Ben empört über falsche Darstellung in deutschen und amerikanischen Zeitungen

6000 Wörter, gefühlte drei Stunden Lesestoff. Vor wenigen Tagen erschien in der bekannten amerikanischen Zeitschrift „Rolling Stone“ eine umfassende Story über Bens Lifestyle. „Meet the Man who flies around the World for free“ fett als Überschrift. Keine zwei Tage dauerte es, bis auch deutsche Medien die Story übernahmen – copy, paste, translate: „Airlines ausgetrickst: Ben fliegt gratis um die Welt“ – das Foto darunter zeigt irgendeinen anderen Typen. Danke Bildzeitung! „Reden die hier über mich?“, schreibt Ben in einem Kommentar auf seinem Blog. „Die Wahrheit wurde hier klar verdreht. Ich gebe sehr viel Geld fürs Reisen aus. Sehr viel! Ich lebe in Hotels und in Flugzeugen – Fulltime. Ja, ich schreibe übers Reisen und damit verdiene ich Geld. Aber zu behaupten, dass alles kostenlos ist, ist lächerlich.“

Es sei ganz unterschiedlich, wie viel Geld er monatlich ausgibt. „Manchmal zahle ich mit Geld, manchmal löse ich Bonusmeilen ein“, erklärt Ben. „Es kommt darauf an, was mehr Sinn macht.“ Ein Beispiel: „Im April bin ich einige Male nach Beijing geflogen, Business Class hat hier lediglich 400$ gekostet. Das habe ich bar bezahlt, und auch die Hotels, weil sie nicht sonderlich teuer waren. Die vielen Meilen, die ich dadurch gesammelt habe, werde ich dann für andere Tickets einlösen, die normalerweise Zehntausende Dollar kosten würden.“

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Leben fürs Reisen – „Ich könnte keinen normalen Bürojob machen.“

Berufstitel: Vielflieger? 2007 startete Ben sein Studium in Florida. Marketing sollte es sein. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits einer der leitenden Figuren bei FlyerTalk. Kurze Zeit später wurde er zum Vizepräsidenten gewählt. One Mile at a Time ist sein erstes eigenes Projekt. „Seit 2008 schreibe ich hier meine Gedanken runter, und meine Reisen.“ Doch Bens Blog ist noch viel mehr. Tipps, wie auch ottonormale Menschen Meilen sammeln und nutzen können, wie Ben und ein guter Haufen anderer Menschen da draußen es bereits insgeheim tun.

Bei Facebook hat er über 12.000 Fans, bei Instagram 29.000 Abonennten. Wer klickt nicht gerne auf coole Pics aus Luxushotels und Erste Klasse Flugzeugsitzen aus der ganzen Welt? Eine seiner größten Einnahmen, finanzieller Art, erzielt Ben durch Werbung auf seiner Seite und Affiliate Links. Für jeden User, der über seine Seite auf die Website eines Kreditkarteninstituts gelangt, und sich dort registriert, bekommt Ben eine Provision. „Außerdem habe ich ein Beratungsunternehmen, PointsPro, bei dem wir Menschen helfen, ihre Meilen und Punkte gut einzusetzen.“

Fürs Wochenende nach Bangkok – Ganz normale Freunde

2011 hat Ben sein Studium erfolgreich abgeschlossen. Seitdem ist er nahezu nonstop in der Welt unterwegs. „Diese Vielfalt da draußen fasziniert mich. Die Menschen, Kulturen – die Diversität unseres Planeten“, erklärt Ben seine Passion, durch die Welt zu jetten. „Ich finde es toll, dass ich auch immer mal wieder in eine Stadt zurückgehen kann, und jedes Mal aufs Neue unterschiedliche Dinge erlebe.“ Ob er sich nicht auch mal einsam fühle, muss ich ihn fragen. In der „Rolling Stone“ wurde ein ganzer Abschnitt seiner Isolation von Menschen, vom Leben gewidmet. „Um ehrlich zu sein, sehe ich meine Familie und Freunde heute mehr als noch vor ein paar Jahren. Es ist total praktisch, immer mal hier und da für einen kurzen Abstecher hin zu jetten. Ich reise auch ganz häufig mit Freunden – die leben überall auf der Welt. Es ist tatsächlich viel wahrscheinlicher, dass ich zu einer Verlobungsparty nach Hongkong eingeladen werde, als irgendwo in Miami.“ Viele seiner Freunde gehören ebenfalls zu der Gruppe der Hobbyisten. „Es ist sogar ziemlich lustig… Ich kann einfach einen von denen anschreiben und fragen, ob wir fürs Wochenende nach Bangkok fliegen wollen“, erzählt Ben. „Das ist eine ganz normale Sache.“

Lücken in den Regelungen – Wie Airlines die Spielchen der Hobbyisten mitspielen

Naja, nur weil wir noch nie davon gehört haben, heißt es nicht, dass es nicht existiert und floriert. „Es gibt mehr Hobbyisten als du denkst“, sagt mir Ben. „Jeder hat seine eigene Herangehensweise, aber ich höre ständig von Leuten, die dutzende Male im Jahr First Class reisen und in Hotels leben. Das ist echt spannend.“ Wer das nicht ganz so spannend findet, sind die zahlreichen Airlines, die wie Kühe gemolken werden – im ganz kleinen Sinne. „Diese Leute können den Fluggesellschaften großen finanziellen Schaden bringen“, heißt es seitens einiger Luftfahrt-Experten. Seit Jahrzehnten versuche man, die Fehlerlücken zu schließen, um den Hobbyisten ihr Spielzeug zu nehmen, jedoch ziemlich erfolglos. „Es gibt sicherlich einige Schlupflöcher innerhalb der großen Bonusprogramme, aber einen großen Teil an Leistungen kann man auch durch Lücken innerhalb weniger interessanter Programme generieren. In nahezu jedem Programm gibt es ‚versteckte‘ Leistungen, und die können ziemlich lukrativ sein.“ Selbst wenn sich eine Einnahmequelle schließe, „finden wir wieder neue Wege“.

Warum kicken ihn die Airlines nicht einfach aus ihrem Programm? „Alles, was ich auf meinem Blog schreibe, ist regelkonform“, erklärt Ben. „Zusätzlich versuche ich aber auch ein gutes Verhältnis zu den Airlines und den Hotel Treue Programmen aufrechtzuerhalten. Ich nutze meine Plattform, um die Bonusprogramme in einem guten Licht darzustellen – zumindest wenn es angemessen ist. Es ist ja auch in deren Sinne, zu zeigen, wie lohnenswert die Programme sind – dann machen ja auch mehr Leute mit.“

„Ich liebe mein Leben“ – Zukunftsperspektiven eines Meilen-Süchtigen

Seit er mit den Bonus-Spielchen angefangen hat, seit diesem einen Sommer, als der unschuldige Flyer im Briefkasten eine neue Dimension an Reiseverrücktheit anstupste, ist Ben über vier Millionen Meilen, umgerechnet mehr als sechs Millionen Kilometer geflogen. Er besuchte mehr als 50 Länder auf sechs Kontinenten – schlief Tausende Nächte in Flugzeugen… wenn nicht da, dann in Luxushotels. „Ich liebe mein Leben, und ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte“, sagt der 25-jährige junge Mann, einst aus Seattle. „Ich denke, in diesem Moment ist mein Leben perfekt – aber, wie es bei den meisten Menschen so ist, wird sich das eines Tages ändern.“ Ob er noch als Grandpa mit Rollstuhl täglich in ein Flugzeug gekarrt wird, kann er jetzt noch nicht sagen. „Warum sollte ich den ganzen Tag in einem Büro hocken, wenn ich durch die Welt fliegen kann? Ich werde immer schreiben wollen, auf meinem Blog Storys von meinen Reisen posten – ich kann mir gar nichts anderes vorstellen. Eines Tages werde ich wahrscheinlich etwas runterfahren, was das Reisen angeht, aber gerade habe ich es nicht eilig.“

Fliegen aus der Sicht eines Vielfliegers – Champagner in der Dusche, Handjob und die beste Airline der Welt

Wenn es einer weiß, dann er:

Urlaubsguru: Die beste Airline der Welt?
Ben: „Ich liebe Lufthansa! Aber ich liebe auch die kitschige Extravaganz der Airlines aus dem Nahen Osten. Ich kann es auch nicht beschreiben, aber es macht auf eine ganz lächerliche Weise totalen Spaß, in einem Flugzeug, hoch über den Wolken, zu duschen.“

Dein bestes Upgrade?
„Das erste Mal, als ich mit Emirates geflogen bin, wurde ich auf British Airways umgebucht, und dann erneut umgebucht auf Emirates First Class. Es war ein absolut verrückter, krasser Flug – und das erste Mal, dass ich im Flugzeug geduscht habe.“

Dein bester Service an Bord?
„Auf einem Flug wurde ich vom Purser wiedererkannt. Als ich duschen wollte, stand in der Dusche eine Flasche Dom Pérignon auf Eis für mich.“

Die krasseste Story?
Ob mir Ben diese krasse Story verheimlichen wollte, oder sie der pubertären Fantasie des Rolling Stone Kollegen entsprungen ist, kann ich euch nicht sagen – aber das hier müsst ihr hören. So heißt es in dem Artikel: „Auf einem Flug vor Kurzem wurde Schlappig [Ben] von einem Flugbegleiter in eine leere Reihe umgesetzt. Was folgte, bezeichnet er als das Angebot für einen ‚überraschenden und ungewollten Hand Job‘.“