Die aktuelle Corona-Pandemie stellt uns vor noch nie dagewesenen Herausforderungen. Mittlerweile haben sich viele von uns im Alltag mit der „neuen Normalität“ weitestgehend arrangieren können. Doch wie sieht es aus, wenn man während der Pandemie außerhalb seines Alltags und seiner Heimat in einem fremden Land feststeckt? Genau in einer solchen Situation befand sich Christian Kohler, der während der Corona-Krise in Mexiko gestrandet ist.

Gefangen im Urlaubsparadies Tulum

Quick-Infos zu Christian

Wie gehen die Menschen in Mexiko mit der Krise um?

Wie sahen die Veränderungen im Detail aus?

Gibt es noch weitere gestrandete Touristen in Tulum?

Wie kommunizieren die Medien im Land das Thema?

Fühlst du dich trotz der Corona-Pandemie sicher?

Wie sah dein Alltag die letzten Monate aus?

Die Challenge seines Lebens

Blick auf den Strand in Tulum
Foto: © Christian Kohler

Quick-Infos zu Christian

Der 34-jährige Stuttgarter Christian Kohler hat sich im Dezember 2019 aufgemacht, um die Welt zu erkunden. Nach jahrelanger Erfahrung in der Eventbranche hatte er seine persönlichen Ziele aus den Augen verloren und wollte sich mit der neuen Herausforderung die Frage stellen, wer er eigentlich ist und was es für ihn heißt, „glücklich zu sein“. Nach Peru, Bolivien, der Karibik und Ecuador kam schließlich Corona. Ganze drei Monate befand er sich mit anderen Gestrandeten im Paradies Tulum, auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, in Quarantäne. Ab dem 1. August 2020 sollen die Grenzen wieder öffnen und Christian darf als eine der ersten Personen Mexiko verlassen und weiter nach Costa Rica reisen. Was er aber alles während seiner Zeit in Tulum erlebt hat und wie es ihm dabei ergangen ist, hat er uns in einem spannenden Interview verraten.

Interview mit Christian Kohler
Foto: © Christian Kohler

Wie gehen die Menschen in Mexiko mit der Krise um?

Christian Kohler: Die Mexikaner gehen sehr pflichtbewusst mit den Vorgaben um und halten sich an die Regeln. Grundlegend ist ein Verständnis für die Situation vorhanden und jeder versucht seinen Teil dazu beizutragen. Das Militär ist mehr und mehr präsenter in den Straßen unterwegs und über Lautsprecher wird den Menschen geraten, in den Häusern zu bleiben. Trotz der angespannten Lage begegnen sich Bürger und Polizei freundlich auf den Straßen. Letztendlich verfolgen alle das selbe Ziel: Die Pandemie so schnell wie möglich hinter sich zu lassen und so gut es geht, zur Normalität zurückzukehren. Man merkt aber, dass die Menschen etwas ungeduldig werden, da die Regierung die versprochenen Lockerungen der Maßnahmen jede Woche nach hinten verschiebt. Der entspannte, lässige Vibe, für den das Urlaubsparadies Tulum eigentlich bekannt ist, ist derzeit nicht zu fühlen. Momentan geht es den Einheimischen hier vor Ort einfach nur um das Überleben während der Krise.

Polizeiauto in Tulum
Foto: © Christian Kohler

Wie sahen die Veränderungen im Einzelnen aus?

Christian Kohler: In Tulum selbst haben alle Hotels geschlossen, Airbnb-Buchungen waren nicht mehr möglich, Strände wurden gesperrt, Restaurants und Cafés haben auf Take-away umgestellt, Einkaufsläden mussten laut Verordnung schließen und es gibt eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis 6 Uhr. Die Stadt bzw. alle Städte in Mexico sind zum Erliegen gekommen. Fährt man durch die Straßen, ist es gespenstisch still, wenn man bedenkt, dass sich Tulum normalerweise noch in der Hauptsaison befindet. Auch Touristenattraktionen wie Chichén Itzá oder die über 400 Cenoten auf der Halbinsel Yucatán wurden für Besucher geschlossen. Geschäfte des öffentlichen Lebens wie Supermärkte und Apotheken haben unter speziellen Auflagen, wie der 1,5 m-Abstand zwischen Menschen und die Maskenpflicht, geöffnet. Anfang April wurde beschlossen, dass nur noch eine Person pro Familie bzw. pro Wohngemeinschaft den Supermarkt betreten darf – was auch prompt mit Sicherheitskräften vor und im Supermarkt kontrolliert wurde. Ein Alkoholverkauf in den Supermärkten ist nur noch von 9-15 Uhr möglich.

Strand in Tulum
Menschenleere Strände in Mexiko | Foto: © Christian Kohler

Seit dem 1. Juni 2020 wurde die mexikanische Wirtschaft und der Alltag aber etappenweise wieder hochgefahren. Seit diesem Datum werden die mexikanischen Bundesstaaten gemäß eines festgelegten Farbschemas klassifiziert. Je nach Anzahl der Ansteckungsfälle und der Tendenzen je Bundesstaat wird vom Gesundheitsministerium eine Farbe pro Region festgelegt. Diese Farbe regelt in weiterer Folge die Bestimmungen in den Bundesstaaten. Zusammenfassend lassen sich die Farbbestimmungen wie folgt beschreiben:

  • ROT = Gilt für Bundesstaaten mit hohen Ansteckungsraten und negativem Trend. Die Konsequenz: Es gelten die Regelungen des Gesundheitsnotstandes die Folgendes besagen: „Sofortige, temporäre Aussetzung aller Aktivitäten des öffentlichen und des privaten Sektors unter bestimmten Bedingungen und mit bestimmten Ausnahmen.“ Insgesamt 41 als „essentiell“ eingestufte Wirtschaftssektoren müssen den Betrieb weiterhin aufrecht halten, darunter Folgende:
    • Krankenhäuser, Apotheken, Laboratorien und alle Einrichtungen, die medizinische Dienstleistungen anbieten
    • Einrichtungen des Finanzwesens
    • Telekommunikationsanbieter
    • Medien
    • Tankstellen und Lieferanten von petrochemischen Produkten (Erdgas)
    • Märkte und Supermärkte
    • Anbieter von Transportdienstleistungen
  • Generell gilt:
    • Veranstaltungsverbot für Events mit über 50 Teilnehmern
    • Verstärkte Hygienevorschriften
    • Es wird empfohlen, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte auf das absolut notwendige Minimum zu beschränken.
  • ORANGE = Sowohl „essentielle“ als auch „nicht essentielle“ Tätigkeiten können wieder unter strengen Auflagen aufgenommen werden. Arbeitszeitverkürzungen (30% der Personalkapazität), Sicherheitsabstände am Arbeitsplatz, chem. Reinigung des Arbeitsplatzes etc. werden vom Gesundheitsministerium vorgeschrieben und kontrolliert.
  • GELB = Sowohl „essentielle“ als auch „nicht essentielle“ Tätigkeiten können wieder aufgenommen werden. Keine Vollauslastung möglich. Einschränkungen für Restaurants, Cafés, Bars, Museen, etc. gegeben. Weiterhin besonderer Schutz für die „gefährdete Zielgruppe“ (z.B. Personen mit Vorerkrankung oder Schwangere).
  • GRÜN = Der „gewöhnliche“ Alltag kann wieder aufgenommen werden. Vollbetrieb möglich. Schulen öffnen wieder.

In jeder größeren Stadt gab es Polizei-Check-Points, an denen jedes Auto kontrolliert wurde. Es sind nämlich nur Personen zugelassen, die dort ihren Wohnsitz haben oder Transportunternehmen, die Waren zur Versorgung liefern. Allen anderen, wie auch uns als Touristen, wurde die Durchreise untersagt und wir mussten umkehren.

Menschen halten beim Einkaufen Abstandsregelungen ein
Abstandsregelungen beim Einkaufen | Foto: © Christian Kohler

Sind dennoch weitere Touristen vor Ort?

Christian Kohler: Ja, man trifft hier immer mal wieder auf Reisende, die das gleiche Schicksal haben und man tauscht sich über die Situation aus. Zum Großteil haben die Weltreisenden, die hier im Paradies gestrandet sind, die gleiche Überlegung gehabt, wie ich.

Ich hatte lange und intensive Gespräche mit Familie und Freunden. Ein Großteil hat mir geraten, meine Reise abzubrechen und diese auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Aber du kommst irgendwann an den Punkt, an dem du dir eine Auszeit geben solltest von all den Meinungen und den Medien, die dich beeinflussen. Du musst dich fragen, was DU willst und nicht was ANDERE für richtig halten. Ich habe in Deutschland meinen Job auf Eis gelegt, mein Auto verkauft und meine Wohnung untervermietet. Es hätte mich eine zweiwöchige Quarantäne mit Kontaktverbot erwartet.

Mir wurde daraufhin schnell klar, das ich es als eine Art Herausforderung ansehen werde. Vielleicht die größte Challenge meines Lebens. Und ich habe sie angenommen und wisst ihr was? Ich fühle mich so gut damit und das ist zum jetzigen Zeitpunkt das wichtigste für mich. Glücklich und dankbar zu sein und gleichzeitig noch Land und Leute vor Ort in Mexiko unterstützen zu können in dieser schwierigen Zeit, erfüllt im Moment jeden Morgen mein bzw. unser Leben.

Aber es gibt hier auch einige Menschen, die vor ihrer Situation im eigenen Land geflüchtet sind. Ein großer Teil kommt aus den USA, Russland und Argentinien. Diese haben ihr Land mit einem Koffer auf unbestimmte Zeit verlassen.

Und zu aller Letzt gibt es noch die digitalen Nomaden, die ihren Job weiterhin nachgehen, auch wenn die Aufträge weniger geworden sind.

Mittlerweile kennt man sich untereinander und man meistert die Situation seit fast drei Monaten zusammen. Mexikaner, Besitzer von Unterkünften und Touristen kooperieren sehr gut und helfen sich gegenseitig.

Wie wird das Thema durch die Medien im Land kommuniziert?

Christian Kohler: Seit dem 1. Juni 2020 ordnet die mexikanische Regierung ein langsames Wiederhochfahren der Wirtschaft in Etappen an. Bis zum 31. Mai 2020 galt landesweit der nationale Gesundheitsnotstand, der in gewissen Regionen weiterhin Gültigkeit besitzt. Zu Beginn jeder Woche veröffentlicht das mexikanische Gesundheitsministerium ein vierfärbiges Ampelsystem (wie oben bereits beschrieben), aus dem sich die Regelungen und Handlungsempfehlungen für wirtschaftliche Aktivitäten ableiten lassen. Die meisten Informationen erhalten die Menschen vor Ort durch TV und aus Zeitungen. Es gibt in jeder Stadt aber auch einen einen Info-Point. Dort können sich die Einwohner vor Ort über die aktuelle Situation informieren, da es doch auch noch viele Menschen gibt, die sich weder TV noch Zeitung leisten können. Hier kann man sich auch von einem Amtsarzt untersuchen und Fieber messen lassen. Zudem erfolgt mehrmals die Woche eine Ansprache vom Gesundheitsminister über die Lage im Land. Auf Social-Media-Kanälen wie Facebook und Instagram werden auch viele wichtige Informationen weiter getragen. Diese Kanäle nutzen vor allem Bürgermeister von kleineren Städten, um die Einwohner zu informieren.

Die Medien haben nach langem Zögern den Ernst der Lage erkannt und arbeiten nun eng mit der Regierung zusammen.

Fühlst du dich während deines Aufenthaltes sicher?

Christian Kohler: Ich mache mir ehrlich gesagt keine Gedanken um das Corona-Virus in Tulum, eher darum, wie sich die Situation vor Ort verändert, wenn die Menschen, die fast alle vom Tourismus leben, kein Geld mehr verdienen und ihre Familien nicht mehr mit Nahrung versorgen können. Die Mexikaner erwirtschaften ihr Geld auf der Straße und wenn dies ausbleibt, könnte die Situation auch für die letzten gestrandeten Touristen gefährlich werden. Es gab hier einige Einbrüche in leerstehenden Apartments, jedoch war dies nur die Ausnahme. Fast alle Wohneinheiten, sei es Hotels oder Airbnbs, haben sich mit Security aufgerüstet, die nachts Sicherheit gewährleisten, um das Thema Plünderungen nicht zur Realität werden zu lassen.

Ich hatte in den letzten 3 1/2 Monaten hier in Tulum nicht ein einziges Mal das Gefühl von Angst verspürt. Die Menschen sind unglaublich zuvorkommend und hilfsbereit. Jeder weiß, dass man im selben Boot sitzt und die Situation nur gemeinsam bewerkstelligen kann. Man sollte sich einfach an die Vorgaben vom jeweiligen Bundesstaat halten und nicht auf eigene Faust gefährliche Situationen heraufbeschwören, wie zum Beispiel nach 20 Uhr bei einer Ausgangssperre aus dem Haus gehen oder Regeln brechen.

Ich versuche, aus meiner Situation das Beste zu machen: Dinge, die ich in den letzten Monaten vernachlässigt habe, bekommen wieder einen hohen Stellenwert. Ich wünsche mir, dass die Menschen über ihr Konsumverhalten in den letzten Jahren nachdenken. Es sind kleine Dinge, die wir in unserem Leben wieder schätzen lernen müssen und ich bin gespannt auf die Veränderungen, die diese außergewöhnliche Zeit mit sich bringen wird.

Wie hast du deinen Alltag die letzten Monate verbracht?

Christian Kohler: Ich habe damit angefangen, mich vor Ort sozial zu engagieren, um einen kleinen Teil von dem zurückzugeben, was mir die Mexikaner in den letzten Wochen an Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft entgegengebracht haben. Ich möchte den Menschen helfen, die es während dieser Zeit besonders hart getroffen hat. Ich koche mit einem Team von 15 Leuten für mexikanische Familien, die sich sonst nicht über Wasser halten könnten, da sie momentan kein Einkommen beziehen. Durch örtliche Spenden von Supermärkten, Hotels aber auch Privatpersonen kann dieses Projekt umgesetzt werden. Ich arbeite gemeinsam mit einem bunten Haufen an Leuten: Gestrandete Touristen, Wirtschaftsflüchtlinge oder auch einfach nur hilfsbereite Mexikaner, die dieses Projekt trotz eigener Probleme ehrenamtlich unterstützen. Jede Woche gibt es unterschiedliche Gerichte: einen Salat, einen vegetarischen Hauptgang und ein Getränk. Alle Speisen und Getränke werden vor Ort produziert und im Nachgang an Ausgabestellen geliefert. Dort können sich die Familien unter Angabe ihrer Adresse und der Familiengröße Speisen abholen. Derzeit sind es fast 80 Familien, die täglich dieses Angebot vor Ort nutzen. Es ist ein unglaubliches Gefühl von Dankbarkeit, das einen überkommt, wenn man in ihre Augen sieht – und plötzlich erscheinen all unsere Sorgen und Probleme, die wir jeden Tag mit uns schleppen, nur noch so klein.

Die Challenge seines Lebens

Auch wenn die aktuellen Gegebenheiten alles andere als schön sind, hat Christian aus seiner Zeit in Mexiko das Beste gemacht und die Zeit sinnvoll für soziales Engagement aber auch für seine persönliche Entwicklung genutzt. Die außergewöhnliche Lage hat dazu beigetragen, dass er die Welt nun aus einem veränderten Blickwinkel betrachtet und auch den kleinen Dingen im Leben wieder mehr Beachtung schenkt. Den Aufenthalt in Mexiko beschreibt er selbst als die wohlmöglich „größte Challenge seines Lebens“, aus der er mit vielen neuen, wertvollen Erfahrungen gegangen ist. Ab August führt er seine Reise quer durch den Dschungel Richtung Costa Rica fort, wo er sicherlich auch noch die ein oder andere spannende Story erleben wird!

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Beitragsbild: © Christian Kohler