Couchsurfing verkommt immer mehr zu einer interessanten Art und Weise, Bettgefährten auf Reisen zu finden – heißt es. Ich bin der Frage auf den Grund gegangen, ob die Couchsurfing Community langsam zu einem kostenlosen Sexportal wird oder ob das alles etwas übertrieben ist…

Sex unter Couchsurfern ist nichts Ungewöhnliches. Natürlich kann man nicht alle Couchsurfer über einen Kamm scheren, aber in den letzten Jahren hat sich das Ganze doch ziemlich ordentlich in Richtung kostenloses Dating-Portal entwickelt. Nicht, weil es so angedacht war, sondern weil viele Mitglieder die Bedienungsanleitung wohl etwas falsch interpretieren bzw. Ergänzungen einbringen, was die Beherbergung und Versorgung von Fremden angeht. Tinder lässt grüßen, könnte man meinen. Ich bin der Vermutung auf den Grund gegangen.

Couchsurfing als kostenloses Sexportal?

Erfahrungsberichte von Couchsurfern | „Sexsurfing“ | Frauen und Couchsurfing | Gefährliche Begegnungen | Solange es Spaß macht | Funfacts

Handsome man relaxing on sofa under blue blanket

Couchsurfing (CS) ist eine super Sache. Man übernachtet bei unbekannten Menschen, trifft ungewöhnliche Leute, hört spannende Geschichten, und kann die Stadt dank zahlreicher Insider-Tipps der Locals auf ganz andere Weise entdecken.

Wurdet ihr etwa schon mal an einem Porno-Set in Amsterdam verhaftet? Oder habt mit einer Rockband in Schweden gejammt? Das sind nur einige der krassen Erfahrungen, die drei Jungs aus England während ihrer Weltreise gemacht haben. 15 Monate fuhren sie mit einem englischen Taxi durch 50 Länder und haben bei mehr als 60 Leuten gecouchsurft. Als pure Sex-Objekte wurden die lässigen Briten natürlich nicht gesehen, doch wie häufig sie Absagen zum Übernachten erhielten, weil sie eben nicht weiblich und blond sind, war bezeichnend.

Group of friends holding an earth globe

Was dir als Couchsurfer alles passieren kann

Auf Platz 1 mit den meisten CS-Mitgliedern liegt selbstverständlich die USA, dicht gefolgt von Deutschland, auf Platz 3 finden wir Frankreich, knapp vor England. Vor allem in den letzten 5, 6 Jahren hat Couchsurfing einen wahnsinnigen Push erlebt. Nicht nur, weil das Übernachten bei anderen einen extrem kostengünstigen Trip ermöglicht – auch wegen der einmaligen Erfahrungen, die man fern des üblichen Touri-Programms erleben kann.

Skyline view of London before sunrise with Big Ben

Paul, Leigh und Johno sind drei Jungs aus England, die einfach mal raus, einfach weg, auf die Straßen der Welt wollten. Ihre Mission: Den Weltrekord für die längste Taxifahrt brechen, und £20.000 für das Rote Kreuz sammeln. Dafür kauften sie ein 20 Jahre altes Black Cab und restaurierten es. Die geplante Route von 50.000 Meilen sollte über Europa führen, Richtung Naher Osten, nach Australien, in die USA und zurück nach Großbritannien. Wichtigster Part der Planung: Sponsoren finden, um den Trip zu finanzieren. 15 Monate und 8000 Liter Diesel später wurde das Trio mit riesigem Tamtam zurück in London empfangen. Rekord abgesahnt, Spendenaktion geschafft und jede Menge krasse Erfahrungen gesammelt – das steht bei den Jungs jetzt auf der Liste.

„Der Trip war einfach unglaublich“, erzählt mir Paul, 25: „Wir haben einen Menge verrückte Sachen erlebt. In Moskau zum Beispiel, sind wir verhaftet worden und im australischen Outback haben wir uns aus Versehen mit einem zweifachen Mörder angefreundet. Im Iran wurden wir verdächtigt, Spione zu sein und konnten in Pakistan mit Mühe und Not einer Entführung entgehen. Wir haben Couchsurfing genutzt, weil wir Geld sparen wollten, aber natürlich auch, um mit den Locals in Kontakt zu kommen. Seit diesem Trip habe ich viele Freunde überall auf der Welt. Ein Typ in Amsterdam zum Beispiel hat uns mit zu einer Party genommen, die sich als ehemaliges Porno-Set herausstellte – wenige Stunden später wurden wir verhaftet. In Finnland hat uns unser Gastgeber auf einem Hundeschlitten mitgenommen – wir haben Polarlichter gesehen – das war unglaublich!“

Island Tipps Nordlichter

Eine Absage nach der anderen erhielten die Engländer jedoch in vielen nahöstlichen Ländern und in Indien: „Da wollte uns niemand haben, weil wir eben keine Frauen waren.“ Auf den Profilen der eigentlich verfügbaren Couchsurfer konnten sie sehen, dass diese ausschließlich Referenzen von europäischen Frauen hatten. „Es ist ein bisschen schade, dass einige Surfer nur angemeldet sind, um möglichst viele Frauen kennen zu lernen.“

Sexsurfing – „Er nimmt nur junge blonde Europäerinnen“

Verführerisch ist es ja schon – Man sieht sich nur für ein paar Tage, schläft unter einem Dach, alles ist unverbindlich, frei, offen. Klar, dass so das ein oder andere Techtelmechtel beginnt. Da haben viele Couchsurfer bestimmt auch überhaupt nichts gegen. Nicht so cool wird es aber, wenn Mitglieder es nur darauf abgesehen haben, über das Netzwerk potentielle Bettpartner zu finden. So zum Beispiel in einer WG im australischen Surfers Paradise – alles dreht sich hier um die Chance auf Sex. Australier Danny lebte drei Monate in der stadtbekannten Party-WG. Sein Mitbewohner Steve (Name geändert) startete einige Monate zuvor, Couchsurfer einzuladen, und entdeckte recht schnell die speziellen Vorzüge, Backpacker bei sich übernachten zu lassen. „Surfers Paradise ist vermutlich die beliebteste Stadt bei Couchsurfern, wir bekamen jeden Tag bestimmt 50 Anfragen von Leuten, die bei uns übernachten wollten. Steve suchte sich allerdings immer nur blonde Frauen aus Europa aus – sah eine Frau nicht gut aus, haben wir die Anfrage abgelehnt. Schon am Tag meines Einzugs macht Steve klar, wie der Hase läuft: Wenn die Couchsurferinnen ankamen, hatte er immer die erste Wahl. Teilweise schliefen bis zu sechs Mädels bei uns im Wohnzimmer.“

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Steve hat 229 Freunde auf Couchsurfing, 228 positive Referenzen, 1 negative und ist sogar CS City Botschafter, also ein ehrlicher, aufrichtiger Gastgeber – wie es scheint. „Steve ist ein netter Typ und er hat es auch nie übertrieben“, erzählt Danny. Täglich wurden WG-Partys geschmissen, und wegen der vielen Couchsurfer kamen natürlich viele Freunde und Bekannte vorbei, um den Spaß zu teilen.

Frauen & Couchsurfing

Auf solche Leute hatte Claire überhaupt keine Lust. Die 29-jährige Australierin reiste letztes Jahr für einige Monate durch Europa und Nordafrika. Sie hatte vorher zwar schon einige Couchsurfer gehostet, selbst gecouchsurft hatte sie aber noch nicht. „Ich wollte nicht mit 20 anderen Aussies im Hostel sein, das kann ich Zuhause schon oft genug“, erzählt mir Claire. Bei der Wahl ihrer Hosts war sie schon vorsichtig. „Ich habe mir immer erst die Bewertungen durchgelesen, wenn die gut waren und auch andere Frauen schon positiv bewertet haben, dann habe ich meine Anfrage verschickt.“ Abgelehnt wurde Claire von niemandem. Sie bekam sogar Nachrichten von irgendwelchen Männern, die ihr anboten, sie rumzuführen und sie aufzunehmen.

Girl on a wooden veranda near the beach

Claire zeigt mir diese Nachricht auf ihrem CS-Account von einem wildfremden Typen: „hi Claire!how are u? i am ikhsan from makassar,south sulawesi, indonesia…..btw, are u in indonesia now? if u are in indonesia maybe u can come to my city makassar in south sulawesi, indonesia. i will show u many beautiful places here like toraja, togean island, bantimurung, cape bira, etc and many good foods too made of beef and fish…..u can stai at my lace, message me here or at my phone +628539418*** if u are interesting :) see you.“ Nett, aber die Intention ist da ziemlich klar, oder? Ziemlich häufig bekommt Claire Nachrichten von Männern aus Indien oder Nordafrika: „Die nutzen das Netzwerk nur, um Frauen kennenzulernen.“

Sie war ja schon so vorsichtig, und dennoch musste Claire eine unschöne Erfahrung in Marokko machen. „Ich saß im Café und ein Typ fing an, mit mir über seine Couchsurfing Erfahrungen zu reden – ich dachte, der wird schon in Ordnung sein.“ Sie gingen zusammen essen, unterhielten sich locker. Dann schlug er ihr vor, in eine coole Shopping Mall zu gehen. Dort warteten dann 4 Kumpels, die ihr Sachen andrehten. „Plötzlich sollte ich jede Menge Sachen kaufen, dass war schon etwas unangenehm.“ Annäherungsversuche gab es auch. „Sie versuchten mich anzufassen, als ich Klamotten anprobierte. Als andere Leute in den Laden kamen, ließen sie mich in Ruhe..“ Claire weiß, dass der Typ Couchsurfing bewusst erwähnte, um ihr Vertrauen zu gewinnen: „Viele Männer missbrauchen die Community, um Frauen kennenzulernen – viele denken, dass sie die Webseite als kostenloses Sex-Portal nutzen können und es so ganz einfach haben.“

Wenn Couchsurfing gefährlich wird

Auch ein User in Leeds hatte super Referenzen, schien nett, extrovertiert, wie ein richtig guter Gastgeber. Jetzt sitzt er für 10 Jahre hinter Gittern. 2009 vergewaltigte der Mann eine Couchsurferin aus Hongkong. Über die Webseite nahm sie Kontakt zu ihm auf und wollte einige Tage bei ihm übernachten. In der ersten Nacht vergewaltigte der damals 34-Jährige die Frau und drohte ihr, sie zu töten. Sie schaffte es zu fliehen und alarmierte die Polizei. 2012 gestand ein Franzose, dass er Couchsurferinnen durch ein Guckloch beim Duschen filmte, ihnen Beruhigungsmittel einflößte und sie in der Nacht missbrauchte.

Es sind tatsächlich einige Straftaten bekannt, die beim Couchsurfing passiert sind. Ich muss jedoch betonen, dass man diese an zwei Händen abzählen kann. In 11 Jahren und nach über 20 Millionen Couchsurfing-Erfahrungen kam es zu sehr wenigen bekannten Zwischenfällen. Die Kritik an dem Netzwerk verstummt jedoch selten. Die Organisatoren von Couchsurfing weisen kontinuierlich jeden Vorwurf von sich. „Wir übernehmen keine Verantwortung für kriminelle Handlungen der User“, erklärt Pressesprecherin Heather O’Brien, „Wir bieten einzig den Couchsurfing Service an.“ Melden sich mehrere Mitglieder und beschweren sich über das Verhalten eines anderen Mitglieds, „dann kann es gut sein, dass dieser User entfernt wird“. Auf die Frage, wie sicher Couchsurfing sei, antwortet Heather: „Es ist so sicher wie jede andere Community auch. Jeder sollte vorsichtig sein und auf sein Bauchgefühl hören, wenn er auf fremde Leute trifft.“

Ob Couchsurfing oder Sexsurfing – Solange es beiden Spaß macht

Gut, wir halten also fest… Einige Couchsurfing-User verstehen doch ein bisschen was anderes unter kulturellem Austausch, Sightseeing und Gastfreundlichkeit. Viele suchen eben auch ein nächtliches Abenteuer, und daran ist ja nichts auszusetzen, solange natürlich beide Seiten damit einverstanden sind.

Es ist nur wichtig, dass man auf sein Bauchgefühl vertraut, das hilft meist bei der Auswahl von potentiellen Partnern. Kommt euch euer Host irgendwie nicht ganz koscher vor, könnt ihr ja immer noch abhauen und in ein Hostel gehen – da kann es ja auch ziemlich wild hergehen – das habe ich euch in meinem Artikel zu Sex im Hostel bereits ausführlich vorgestellt.

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Ansonsten ist Couchsurfing eine ziemlich sichere Angelegenheit, einfach weil man hauptsächlich auf Leute trifft, die ebenso reisebegeistert sind, ebenfalls andere Kulturen und Menschen kennenlernen und eine Lebensphilosophie des Gebens und Nehmens verbreiten wollen.

Insgesamt glaube ich, dass Couchsurfing unsere Welt ein kleines bisschen besser machen kann. Es gibt auf CS zum Beispiel eine super aktive „Turkish-Armenien friendship group“ und auch eine „Israeli-Palestinian friendship group“, die tagtäglich Vorurteile brechen und gegen jahrhundertealte Feindschaften ankämpfen. Couchsurfing unterstützt diese neue Generation von Menschen, die keine Lust mehr auf Feindschaft, auf Krieg und Habgier haben, und über Ländergrenzen und, viel wichtiger und schwieriger, über Kulturgrenzen hinweg Freundschaften errichten.

7 Fun Facts über Couchsurfing

Ein paar interessante Facts rund um Couchsurfing:

  • Die am nördlichsten auf der Erde angebotene Couch liegt in Longyearbyen, im arktischen Eismeer
  • 689 Nächte hat ein einzelnes Mitglied bereits gecouchsurft
  • 2593 Nächte hat ein Host fremden Reisenden bereits eine Couch zur Verfügung gestellt
  • Die meisten bereisten Länder eines einzelnen Couchsurfers: 197
  • Ein Mitglied alleine hat 1611 Referenzen
  • In der Antarktis, dem südlichsten Couchsurfing-Ort, gibt es 44 Mitglieder
  • Die 3 abgeschiedensten Mitglieder der weltweiten Community leben in Tristan da Cunha, eine Insel im Südatlantik zwischen Südafrika und Südamerika

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