Mara wandert in La Paz Hauswände hinunter und rast mit dem Mountainbike die Straße des Todes entlang. Dieser Ausflug endet für sie unglücklicherweise im Krankenhaus…

Nachdem ich im Rahmen des Praktikums meines Lebens eine knappe Woche im Dschungel Boliviens bei Rurrenabaque im Madidi Nationalpark und in den Pampas verbracht habe, bin ich wieder in den Norden nach La Paz zurückgekehrt. Sowohl die drei Tage mitten im Dschungel als auch die Bootstour durch die Pampas waren der Wahnsinn und haben mir eine für mich völlig neue Seite Boliviens gezeigt – trotzdem war ich nun gespannt darauf herauszufinden, was La Paz so zu bieten hat.

Bereits kurz nach meiner ersten Ankunft in La Paz war mir bewusst geworden, was auf diese Stadt vor allem zutrifft: Sie ist laut, dreckig und bunt. In La Paz spielt sich das gesamte Leben auf der Straße ab und ich hätte Stunden damit verbringen können, mich einfach ziellos durch die Straßen treiben zu lassen. Überall gibt es etwas zu entdecken – langweilig wird einem hier mit Sicherheit nicht.

Eindrücke La Paz (2)

Spiderman-Feeling beim Abseiling im Kuhkostüm

Als ich erfuhr, dass man sich in La Paz von einem der höchsten Hochhäuser der Stadt abseilen kann, war für mich sofort klar, dass ich mir das nicht entgehen lassen konnte. Meinen letzten Adrenalinkick dieser Art hatte ich letztes Jahr im Dezember, als ich vom Stratosphere-Tower in Las Vegas (zum Video) gesprungen bin. Da das inzwischen bereits wieder fast drei Monate her ist, war es allerhöchste Zeit für eine weitere Aktion dieser Art. Abseiling hatte ich das erste Mal im Rahmen einer Canyoningtour an einer steilen Felswand eines Wasserfalls in Da Lat in Vietnam ausprobiert. Beim Urban Rush Abseiling in La Paz sollte es die 50 m hohe Wand des Hotels Presidente hinuntergehen.

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Foto: Urbanrush

Das Besondere hierbei war, dass ich die Möglichkeit hatte, mich anstatt wie sonst üblich rückwärts, auch vorwärts mit Blick zum Abgrund abzuseilen, was das Ganze für mich nochmal spannender machte. Nachdem ich die Jungs des Urban Rush Teams davon überzeugen konnte, mich mit meiner Weltkugel (der aufblasbare Globus, den ich stets dabeihabe) abseilen zu lassen, musste ich mir nach einer ausführlichen Einweisung noch eines der bescheuerten Kostüme aussuchen. Meine Wahl fiel auf das Kuhkostüm – wenn schon bekloppt, dann wenigstens richtig. Kurz darauf hing ich auch schon im 90° Winkel zur Wand des Hochhauses und hüpfte dem Abgrund entgegen. Nach den ersten drei kleineren Hopsern fühlte ich mich bereits – trotz des Kuhkostüms – wie ein Ninja-Frosch, probierte immer verrücktere Sprungkreationen aus, doch da war die Wand auch schon zu Ende. Zum Glück beinhaltete das von mir gebuchte Paket zwei Durchgänge, sodass ich mich, jetzt wo ich die Technik raushatte, natürlich liebend gern nochmal in die Tiefe stürzte.

Wow – ich hätte nie gedacht, dass das so viel Spaß machen würde. Mir persönlich hat das sogar um einiges besser gefallen als der Sprung in Vegas, da ich beim Urban Rush Abseiling selbst viel aktiver sein konnte und nicht nur passiv durch die Luft gesaust bin. Dementsprechend war das Ganze auch viel anstrengender als ich mir je hätte ausmalen können, sodass ich am Ende doch recht zittrige Beine hatte. Kaum hatte ich den monströsen Muskelkater meines Machu Picchu Hikes überwunden, bahnte sich nun schon der nächste an – ich werde wohl auch diesen überleben. ;)

Mountainbike-Tour auf der Straße des Todes

Schon wenige Stunden später ging es dann mit dem nächsten Adrenalinkick weiter. Die Yungas Straße, die gefährlichste Straße der Welt, auch Death Road oder spanisch „El Camino de la Muerte“ genannt, ist eine einspurige Schotterstraße, die La Paz mit Coroico verbindet. Die ca. 65 km lange Straße überwindet stolze 3600 Höhenmeter und schlängelt sich in unzähligen Haarnadelkurven, dicht am Abgrund entlang und meistens ohne Leitplanke, durch die Berge Boliviens.

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Die Straße wurde in den 30er-Jahren zu Kriegszeiten von paraguayischen Kriegsgefangenen gebaut. Der Bau erwies sich als äußerst schwierig, da die steil abfallenden Felswände des bolivianischen Gebirges eine denkbare schwierige Barriere darstellten, sodass die Arbeiter die Straßen an vielen Stellen regelrecht aus dem Felsen heraushauen mussten, wodurch klar wird, warum diese so gefährlich ist. 1995 wurde die Schotterpiste offiziell zur gefährlichsten Straße der Welt erklärt, da noch bis 2006 an die 200 bis 300 Menschen jährlich auf ihr verunglückten. Inzwischen wird die Yungas Straße kaum noch als Verbindungsstraße zu La Paz genutzt, da eine weitaus weniger gefährliche alternative asphaltierte Umgehung gebaut wurde, wodurch eine deutliche Senkung der Todeszahlen erzielt werden konnte. Die Death Road selbst ist inzwischen überwiegend Ziel von Downhill-Mountainbike-Touren, aber sie erfreut sich auch großer Beliebtheit bei dem ein oder anderen Motorradfahrer, der den Nervenkitzel sucht.

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Klar, dass ich mir solch eine Downhill-Mountainbike-Tour nicht entgehen lassen konnte. Frühmorgens ging es los: Nach einer ausführlichen Einweisung wurden wir komplett mit Protektoren, Schutzkleidung und Helmen ausgestattet und schwangen uns dann auf unsere vollgefederten Mountainbikes, um den ersten noch geteerten Teil der Route zurückzulegen. Die Tour begann auf dem 4500 Meter hohen La Cumbre Pass und ich war vom ersten Moment an begeistert! Nicht nur vom Bike an sich, als ich herausfand, wie einfach es war, mit so einem Full-Suspension-Prachtstück kleinere Sprünge zu machen, sondern auch von der atemberaubenden Landschaft, durch die wir fuhren. Da der erste Teil der Strecke keine große Herausforderung darstellte, konnten wir unsere Bikes einfach rollen lassen und die Aussicht genießen, fragten uns aber alle insgeheim bereits, wann denn endlich die richtige Death Road kommen würde. Die ließ dann auch nicht lange auf sich warten – nach der ersten noch recht gemütlichen Dreiviertelstunde, gelangten wir schließlich an den höchsten Punkt der eigentlichen Death Road. Schotter, enge Kurven, tiefe Schluchten und nach wie vor eine beeindruckende Natur erstreckten sich vor uns.

don’t forget to push the breaks

Nach einem letzten „don’t forget to push the breaks“ unserer Guides ging es los. WOW, was für ein Riesenspaß! Jeder in der Gruppe konnte zum Glück sein eigenes Tempo bestimmen, sodass die etwas Langsameren sich mehr Zeit ließen und diejenigen, die rasanter unterwegs waren, alle 20 Minuten auf die anderen warteten. Während ich am Anfang versuchte, das Ganze etwas entspannter anzugehen, um mit meinem Bike und dem rutschigen Schotter-Matsch-Untergrund vertraut zu werden, musste ich mit der Zeit immer weniger die Bremsen benutzen und konnte mir dann das ein oder andere lauthalse Jauchzen in den Kurven nicht verkneifen. Wenn Downhill Mountainbiking auf Dauer nicht so ein teures Vergnügen wäre, hätte ich vermutlich in Deutschland ein neues Hobby für mich gefunden.

Die Yungas Route war wirklich ein Traum: Nach jeder Kurve taten sich solch beeindruckende Landschaften auf, dass man kaum noch aus dem Staunen herauskam. Die Strecke variierte nicht nur von der Landschaft her, sondern auch von ihrer Beschaffenheit. Große Teile bestanden aus Geröll und Schotter, gespickt mit recht großen vereinzelten Felsbrocken. Dann kamen auch einige Parts, die matschiger waren und den Schwierigkeitsgrad des ganzen Spektakels ordentlich anhoben. Wir bretterten mit Karacho durch einige kleinere Bäche und stellenweise führte die Route sogar unter Wasserfällen hindurch, sodass wirklich jeder nass wurde.

Was bei mir mitunter ein sehr beklemmendes Gefühl auslöste, waren die unzähligen Kreuze, die die „Route de la Muerte“ zierten. Jedes einzelne stand für ein oder sogar mehrere Todesopfer. Natürlich war ich bereits vor der Tour darüber im Bilde gewesen, dass hier nach wie vor Jahr für Jahr einige Menschen ihr Leben ließen. Wenn man dann aber all diese Mahnmale mit eigenen Augen sieht, ist das natürlich noch viel bedrückender.

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Ich konnte mir kaum vorstellen, dass auf der gesamten Straße bis vor zehn Jahren noch reger Betrieb geherrscht hatte und etliche Autos, Busse und sogar Lastwagen regelmäßig verkehrt haben sollen. Die Straße war überwiegend so schmal, dass sie maximal Platz für ein Fahrzeug bot. Wenn uns mit unseren vergleichsweise schmalen Mountainbikes an manchen Stellen schon das Herz gehörig schnell schlug, wie muss es dann erst gewesen sein, die Strecke in einem riesigen Koloss von Linienbus zu passieren?

Ein Ausflug mit Folgen

Ca. 65 km weiter und etliche Höhenmeter tiefer näherten wir uns am Nachmittag (eher schnell als langsam) dem Endpunkt der Death Road nahe des schönen, vom Regenwald umgebenen Städtchens Coroico, das uns auf nur noch ca. 1200 m Höhe mit einem angenehmen subtropischen Klima empfing. Ich war beinahe am Ende angelangt, da nahm ich eine Kurve wohl doch ein oder zwei km/h zu schnell, konnte diese zwar noch ausfahren, aber kurz darauf rutschte mir das Hinterrad weg, sodass ich schließlich stürzte. Glück im Unglück (zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch): An meinem rechten Unterarm hatte ich mir zwar einige gehörige Schrammen zugezogen und mein linkes Handgelenk, mit dem ich den Sturz fast komplett abgefedert hatte, fing schmerzhaft an zu pochen – ansonsten schien ich aber soweit unversehrt zu sein. Also sprang ich – noch völlig unter Adrenalin – wieder auf mein Bike und fuhr die letzten drei Minuten bis zum Schluss, wo der Rest der Gruppe auf mich wartete.

Da der Schmerz im Laufe des Nachmittags und Abends aber immer weiter zunahm, musste ich am Tag darauf in La Paz ins Krankenhaus, wo meine linke Hand geröntgt wurde. Die Ärzte teilten mir mit, dass ich mir eine feine Fraktur am Handgelenk zugezogen hatte und verpassten mir einen Gips, den ich zunächst für knapp zwei Wochen tragen sollte.

Torotoro, Dinosaurier-Fußspuren (Größenverhältnis, Mara vs. Fußstapfen Dino)
Arm im Gips – zum Glück aber halb so schlimm. Außerdem auf dem Bild zu sehen: Riesige Dinosaurier-Fußabdrücke im Toro Toro Nationalpark.

Shit happens – doch ich bereute es trotzdem keineswegs, die Death Road Mountainbike Tour gemacht zu haben. Zwar war ich jetzt erheblich eingeschränkt und würde die nächsten Wochen wohl alles etwas langsamer angehen müssen, aber diesen großartigen Tag auf der Yungas Straße würde ich trotzdem (bis auf vielleicht den Ausgang) nicht missen wollen.

Unterm Strich zähle ich die Downhill Tour ganz klar zu einem meiner bisherigen absoluten Highlights in Bolivien und würde diese jedem, der auf ein bisschen Action, Nervenkitzel und schöne Berglandschaften steht, empfehlen.

Ich werde die nächsten Tage auf jeden Fall ein paar Gänge zurückschalten müssen, um mein Handgelenk gut auszukurieren. Aber macht euch keine Sorgen – so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen und ihr erfahrt natürlich trotzdem wie immer, hier auf meinem Blog, wie es bei mir weitergeht. Ich brauche jetzt zwar gefühlt drei Mal so lange für einen Artikel, aber tippen kann ich schließlich auch mit einer Hand! ;)