Nun seid ihr an der Reihe. Ihr atmet einmal tief ein, schiebt euch ganz langsam auf dem schmal zulaufenden Weg in Richtung Spitze. Aus 10 Metern werden 5 und plötzlich steht ihr schon kurz vor dem Abgrund. Ihr setzt euch und rutscht die letzten Zentimeter an den Abgrund, bis ihr mit euren Händen den Rand umgreifen und eure Beine über den Abgrund baumeln lassen könnt.

Ich habe euretwegen Blut und Wasser geschwitzt, das kann ich euch sagen. Ich habe da ja schließlich nicht nur am Rand des Abgrunds gesessen, sondern musste auch noch den Guru-typischen Gruß vollführen. Und das alles nur, um euch mit diesen wunderbaren Fotos versorgen zu können. Solltet ihr demnächst einen Urlaub in Norwegen planen (und fließt Abenteurerblut durch euren Körper), dürfte ein Besuch der Trolltunga hoch oben auf eurer „To-Do-Liste“ stehen. Und vielleicht kann ich auch bald zu euch sagen: „Herzlichen Glückwunsch, ihr habt Norwegens Trolltunga erfolgreich bezwungen!“

Trolltunga in Norwegen

Vorbereitung | Allein oder in der Gruppe | Anreise | Der Weg zur Spitze | Bezwinger der Trollzunge

Hiker on Trolltunga, Norway

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!

Doch der Weg bis zur Trolltunga und zu dessen Spitze ist ein langer und vor allem beschwerlicher. Die Trolltunga, übersetzt „Die Trollzunge“, ist die wohl spektakulärste Felsformation in Norwegen. Mit 1100 Metern Höhe und 700 Metern über dem künstlich angelegten See Ringedalsvatnet gelegen, ist sie zudem ein ganz schöner Brocken, im wahrsten Sinne des Wortes. Konntet ihr die Trolltunga bis zum Jahre 2014 noch mit der Seilbahn erklimmen, müsst ihr nun einiges an Arbeit investieren, denn die 23 Kilometer Wanderweg wollen von euch selbst bezwungen werden. Um diesen Weg erfolgreich bewältigen zu können, gilt es, Folgendes zu beachten:

  • ihr seid in guter und sportlicher körperlichen Verfassung
  • ihr habt ausreichend Proviant eingepackt (Wasser könnt ihr zur Not an einem Wasserfall auffüllen)
  • ihr habt wetterfeste und warme Kleidung dabei (gerade nachts wird es sehr kalt dort oben)
  • eine Taschenlampe, ein Kompass und eine Karte haben einen Weg in euren Rucksack gefunden
  • ihr habt ein Zelt dabei, falls ihr vorhabt, dort oben zu übernachten
  • bei schlechtem Wetter (Nebel, Regen, Schnee) bleibt ihr bitte unten im Tal!

Zu guter Letzt: die Kamera nicht vergessen! Ihr wollt eure Meisterleistung doch auch für die Daheimgebliebenen dokumentieren!

Was noch wichtig ist

Ganz schön viel zu beachten, nicht wahr? Aber ein Aufstieg ist auch kein Kinderspiel, das kann ich euch sagen. Traut ihr euch nicht allein dort hoch, könnt ihr auch geführte Touren buchen oder ihr verabredet euch mit einigen anderen Wanderern und startet gemeinsam.

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Von Oktober bis März ist das Wandern jedoch nicht erlaubt, erst ab Mitte März dürft ihr (aber auch nur) in Begleitung eines erfahrenen Tourenführers und mit Schneeschuhen ausgestattet auf die Trolltunga. Ihr wollt lieber mit einer geeigneten Kletterausrüstung die Trolltunga bezwingen? Auch das ist kein Problem. Klettertouren werden ebenso angeboten wie eine kombinierte Wander-, Rad- und Klettertour, die sogenannte Himmelsstiege. Da sollte doch für jeden Abenteuerhungrigen etwas dabei sein.

Der Startpunkt eurer Reise zur Trolltunga

Ehe ihr euch an das Erklimmen der Trollzunge macht, müsst ihr erst einmal wissen, wie ihr überhaupt dorthin gelangt, oder? So einfach lässt sie sich nämlich nicht finden. Euer Startpunkt ist das Städtchen Odda, welches nur per Mietwagen, Bus oder eigenem Schiff zu erreichen ist. Der nächst gelegene Flughafen ist übrigens der von Bergen. Seid ihr in Odda angekommen, lautet eure nächste Station Skjeggedal. Seid ihr mit dem Mietwagen unterwegs, müsst ihr von Odda aus auf die Route 13 nach Tyssedal und von dort dem Schild nach Skjeggedal folgen. Von Skjeggedal aus verkehrt der sogenannte Trolltunga Shuttle, der euch einmal um 06:30 oder um 07:30 auf die Zunge und um 19:10 und 20:10 wieder zurück ins Örtchen bringt. Es empfiehlt sich, die Tickets für den Shuttle Bus bereits vorher im Internet zu erstehen!

Der Weg hinauf zur Spitze

Petrus ist euch wohl gesonnen, eure Ausrüstung erweist sich als tauglich und vollständig und ihr seid auch in bester Verfassung (von der Vorfreude mal ganz abgesehen)? Dann nichts wie los! Ihr solltet schon relativ früh aufbrechen, da sich viele weitere Wanderer mit euch auf den Weg machen und der Aufstieg schon einmal 3-5 Stunden in Anspruch nehmen kann. Zudem erwartet euch gleich zu Beginn eine echte Mammutaufgabe, denn die ersten Meter haben es bereits in sich.

Obsolete cable car – way to the Trull’s tongue Trolltunga Norway iStock_000077849621_Large-2

Ihr könnt entweder dem markierten Wanderweg folgen oder (hier bewegt ihr euch in einer rechtlichen Grauzone) ihr erklimmt die Holzstiege der ehemaligen Seilbahn. Betreten auf eigene Gefahr! Unterwegs werdet ihr dann nur noch mit ein oder zwei leichten Steigungen konfrontiert. Auf eurem Weg zeigen euch zusätzlich Schilder an, wie viele Kilometer bereits hinter euch und wie viele noch vor euch liegen. Segen und Fluch zugleich ;)

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Zwischen Herzklopfen und schierer Freude

Ihr habt es also tatsächlich bis nach oben geschafft, ja? Herzlichen Glückwunsch, jetzt liegt nur noch eine winzige Hürde (im Vergleich zu den vorherigen) vor euch! Da ihr wohl nicht die einzigen auf der Spitze sein werdet, heißt es nun: anstehen. Die Trollzunge ist nämlich ein so beliebtes Fotomotiv, dass es mitunter zu langen Schlangen kommen kann. Habt ihr aber auch dies geschafft, wartet ein absolut atemberaubender Ausblick auf euch.

trolltunga norway_294975638Mir zittern immer noch die Knie, wenn ich daran denke, dass gut 700 Meter freier Fall unter einem liegen. Aber irgendwie hat es mich doch so sehr in den Fingern gekribbelt, dass ich bis zum Rand treten musste. Aber auch von der Mitte der Zunge aus habt ihr Norwegens Schönheit gut im Blick. Seid nur vorsichtig, wenn ihr euch wieder auf den Rückweg macht: Die Trollzunge kann, je nach Wetterlage, auch etwas rutschig sein. Für den Abstieg solltet ihr dann noch einmal gute 3-4 Stunden anpeilen, ehe ihr wieder sicheren Boden unter den Füßen habt. ;-)

Na, strahlt ihr immer noch über das ganze Gesicht, wenn ihr euch an den wunderbaren Ausblick vor euch erinnert? Und auch die Wanderung dorthin war einfach ein absolut tolles Erlebnis, das ihr wohl so schnell nicht vergessen werdet. Wenn euch solche Abenteuer liegen oder ihr nach etwas Nervenkitzel sucht, solltet ihr unbedingt einen Blick in mein Reisemagazin werfen, denn dort habe ich den gefährlichen Huashan Pfad in China mal genauer unter die Lupe genommen.