Mit Pfeil und Bogen bewaffnet verteidigen die Sentinelesen ihre Insel und beschützen sie mit ihrem Leben. Kommt mit auf eine unfassbar spannende Reise ins Unbekannte und entdeckt eines, wenn nicht das isolierteste Volk dieser Welt. Dem Mythos North Sentinel Island auf der Spur…

Könnt ihr euch vorstellen, dass es im heutigen Zeitalter der Smartphones, des Internets und der uns bekannten Gesellschaft noch Völker gibt, zu denen wir keinen Kontakt haben, ja manche sogar noch unentdeckt sind? Für viele ist das kaum denkbar, aber unsere Welt ist so groß, dass wir es in den vielen Jahren der Entdeckungen und dem ständigen Drang nach neuen Dingen noch nicht geschafft haben, jeden Winkel unseres Globus zu erkunden. Und das ist auch gut so, denn so haben es einige indigene Völker geschafft, in vollkommener Isolation zu überleben.

Kommt mit auf eine Reise in das Unentdeckte, das Ursprüngliche und das uns Unbekannte. North Sentinel Island ist ein solcher Ort:

North Sentinel Island

Überblick | Zeitreise | Sentinelesen heute

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© Google Maps

Ethnischer Hintergrund

Zunächst möchte ich euch einen Überblick über die verbleibenden drei Gruppen der indigenen Völker geben, damit ihr versteht, dass es auch im Jahr 2016 Bevölkerungen gibt, von denen wir kaum beziehungsweise nichts wissen:

Mit indigenen Völkern meint man „eingeborene“ oder „ursprüngliche“ Bevölkerungsgruppen.
  • Es gibt die freiwillige Isolation von manchen Gruppen, die aufgrund von schlechten Erfahrungen oder Gewalt lieber abseits unserer modernen Welt leben. Diese Menschen wollen ihre Identität und Kultur fernab von der uns bekannten Zivilisation wahren, wissen aber, dass es diese gibt.
  • Es gibt des Weiteren uns noch komplett unbekannte Gemeinschaften. Wir müssen uns also bewusst sein, dass es auf unserer Welt noch unerschlossene Gebiete gibt, von denen wir kaum eine Ahnung haben. Auch dort könnten noch ursprüngliche Stämme leben.
  • Und dann existieren noch Gruppen, von denen wir wissen, dass es sie gibt – es wurde aber noch kein erfolgreicher Kontakt aufgenommen – zu diesen Menschen gehört auch das Sentinelesen Volk. 

 

Zeitreise der Sentinelesen

Im Westen Indiens, neben den Andamanen Inseln, findet man North Sentinel Island, nur 60 km² groß und von einem wunderschönen Riff umgeben. Die dort lebenden Sentinelesen gelten als die älteste Bevölkerungsschicht Südasiens, zählen zu den nächsten Nachfahren der ersten Menschen Afrikas und leben auf den Inseln vor Indien bereits seit beinahe 60.000 Jahren. Eine wahrlich beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, wie sich unsere Gesellschaft in dieser Zeit verändert hat.

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© Wikipedia Einwohner der Andamanesen Inseln

Immer wieder versuchte man im Laufe der Geschichte Kontakt zu den Menschen aufzunehmen. Im 19. Jahrhundert hat man ein älteres Paar mit vier Kindern von der Insel entführt, um das Volk nach und nach zu „zivilisieren“. Jedoch starben die beiden älteren Menschen sofort, da diese nicht immun gegen die damaligen Krankheiten waren. Die Kinder des Sentinelesen-Stammes wurden danach wieder auf die Insel zurückgebracht.

1974 hat man sich im Rahmen einer Dokumentation („Man in Search of Man“) der Insel mit dem Boot genähert und versucht, die Menschen mit Geschenken wie Kokosnüssen zu besänftigen. Diese Bilder sind bisher einige den wenigen Aufnahmen, die das Volk der North Sentinel Island zeigen.

Ende des 20. Jahrhunderts ist dort ein Schiff auf Grund gelaufen – wegen der hohen Wellen schafften es die Sentinelesen nicht bis zur Besatzung – wodurch deren Leben vermutlich gerettet wurde. Die Schiffbrüchigen wurden dann nach und nach mit einem Helikopter gerettet. Dadurch hat sich im Laufe der Zeit auch das Leben auf North Sentinel Island unweigerlich verändert. Die Menschen konnten Werkzeug aus Metall und anderen Materialien bauen, die sie bei den Schiffswracks sammelten oder die durch unsere Gesellschaft an den Strand gespült werden.

Das abgeschiedenste Volk der Welt in der Gegenwart

Bis heute wissen wir fast nichts von diesem geheimnisvollen Volk. Man schätzt aufgrund von „Volkszählungen“, dass sich auf der Insel ca. 40 – 500 Menschen befinden – man hat also eigentlich keinen blassen Schimmer. Auch Anzeichen von Feuer gibt es seither nicht, was aber nicht heißt, dass man diese Gesellschaft als „zurück geblieben“ oder als „Steinzeitmenschen“ bezeichnen darf. Hier befindet sich ein Stück wahrer unangetasteter Geschichte, die wir so bewahren sollten, wie es die Sentinelesen wünschen.
Eine „Volkszählung“ bedeutet, man wirft Kokosnüsse an den Strand, wartet bis jemand kommt, macht ein Foto und zählt dann die Menschen. Plus Minus, versteht sich. ;-)

Indien hat immer wieder versucht, das Volk mit Geschenken zu besänftigen, damit sie im Anschluss auf der Insel eine Palmenplantage errichten und die Sentilesen zu Bauern machen können – dieser Versuch ist sichtlich gescheitert. Nun ist North Sentinel Island und die Gewässer herum zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Indien hat auch ein offizielles Verbot zur Kontaktaufnahme, zum Schutz der Inselbewohner, ausgesprochen. Diese sind nämlich nach wie vor nicht gegen unsere Krankheiten immun – ein Besuch dort könnte daher für beide Seiten tödlich ausgehen. Um diesen Schutz zu wahren, patrouilliert auch die indische Polizei vor den Küsten der Insel. 2006 haben sich dort trotzdem zwei Fischer illegal aufgehalten und haben dafür mit ihrem Leben bezahlt – die Sentinelsen bestrafen somit jeden Besucher mit dem Tod, der sich ihrer Insel nähert.

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© Google Maps

In dieser völligen Isolation sind diese Menschen aber keineswegs hilflos – sie waren die einzigen, die den Tsunami 2004 nahezu unbeschadet überstanden hatten, wie damals aus dem Helikopter festgestellt wurde, als man die Insel überflog. Auch auf diesen Besuch reagierte das Volk mit Speer-Attacken und Pfeil und Bogen. Aber sind wir einmal ehrlich – diese Stämme kennen uns und unsere Gerätschaften einfach nicht – wer würde sich also von einem lärmenden Ungetüm am Himmel nicht beängstigt fühlen?

Eine unfassbar spannende Geschichte will man meinen, findet ihr nicht? Dass es in der heutigen Zeit, so wie wir sie kennen, noch eine derartige Ursprünglichkeit gibt. Dieses Mysterium um die Menschen muss unbedingt gewahrt und ungelüftet bleiben. Man muss diese Lebensart respektieren und Wert schätzen, dass es in unserem Technik-Chaos auch noch derart faszinierende und unentdeckte Formen der Existenz gibt.

Wen die geheimnisvolle Geschichte der Sentinelesen gepackt hat, kann hier auch noch ein Interview aus anthropologischer Sicht mit einem Ethnologen lesen, der es einmal geschafft hat, die Insel zu betreten.