Während andere Kinder im Pool auf Mallorca planschen, reisten Gesines Eltern schon früh mit ihr nach Indien. Als sie sich nach dem Abi also entschied, für vier Monate in einem Kinderheim mitten im indischen Nirgendwo zu arbeiten, waren ihre Eltern absolut „cool“ damit.

Vielleicht guckt ihr hier und da auch gerne ein bisschen Bollywood, habt „Slumdog Millionär“ im Kino gesehen – aber, ja… das ist es wohl auch schon, was wir so über Indien wissen – weitere Eindrücke von dem Leben der Inder haben nur die wenigsten. Indien ist kein typisch touristisches Land. Nur wenige Urlauber probieren mal ein bisschen Neu-Delhi, vielleicht auch mal Mumbai. Wir sind abgeschreckt von Indien – das ist so. Nicht nur durch die Bilder von Menschenmassen auf engstem Raum, Armut, Dreck – auch sind es die Schlagzeilen, die wir immer mal wieder aus Indien importiert bekommen, Schlagzeilen über Vergewaltigungen und unmenschliche Arbeitsbedingungen.

City Palace. Udaipur, India

Die Touristen, die sich nach Indien verlaufen, fahren nicht mit dem Koffer – es sind Backpacker, Abenteurer, Menschen, die sich von TV-Bildern und schlechter Stimmung nicht beeinflussen lassen, Menschen, die die authentische Seite eines Landes, nicht ihre verkünstelte, ihre präparierte Seite kennenlernen wollen. Menschen wie Gesine. Die deutsche Sprachtherapeutin und Bodypainting-Künstlerin ist bereits fünfmal durch Indien gereist – für mehrere Monate jeweils. „Indien ist absolut faszinierend, die Kultur, die Menschen sind wundervoll.“ 2010 reiste Gesine das letzte Mal nach Indien. Drei Tage hielt man sie am Flughafen gefangen, ohne Essen, ohne Wasser. „Nein, ich würde nie wieder nach Indien fahren. Ich habe genug gesehen, absolut großartiges und wahnsinnig schreckliches, ich denke es reicht jetzt.“

Erfahrungen für ein ganzes Leben – Indien vereint das Schrecklichste und Schönste zugleich

Gesine erzählt mir von Erlebnissen, die selbst bei 9.650 km Entfernung Gänsehaut entfachen. „Ich hab es mir noch härter, noch schlimmer vorgestellt.“ Gesine hat einen Menschen sterben sehen. Nicht einfach so. „Eine Blutfontäne schoss aus seinem Mund. Alle Leute kümmerten sich nur um die Kühe, und er lag da einfach.“ Nur knapp entging Gesine einer Vergewaltigung. „Ich war gerade mit dem Bus unterwegs, für mehrere Stunden. Wenn dann irgendwann mal kurz angehalten wird, muss man sofort zur Toilette rennen, sonst fährt der Bus einfach weiter. Auf der Toilette drückte sich aus dem Nichts ein Mann gegen mich, mit aller Gewalt. Ich fing sofort an, auf ihn einzuschlagen. Zum Glück knallte er gegen eine Kante und ich konnte wegrennen.“

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„Auf etwas Schlechtes, kommt immer etwas Gutes!“

Negative Erlebnisse, die machte Gesine so einige. „Doch ich wurde auch immer wieder mit total positiven und wundervollen Erlebnissen entschädigt. Das hält sich in Indien immer die Waage – auf etwas schlechtes, kommt immer etwas gutes.“ Aber muss es immer so gruselig sein? „Wir sind irgendwann mitten in der Nacht in Goa angekommen – die einzige Stadt Indiens, wo Alkohol ausgeschenkt werden kann. Und wir haben einfach kein Hotel gefunden. Dann kam da dieser Typ auf dem Roller an und wollte uns ein Hotel außerhalb der Stadt zeigen. Meine Freundin war total begeistert und setzte sich direkt auf den Roller. Mir war das alles ziemlich unheimlich, aber gut… Wir fuhren aus der Stadt raus und mitten in einen Dschungel. Es war stockdunkel, weit und breit kein Haus, nichts. Ich sagte zu meiner Freundin: ‚Leonie, wir sterben jetzt.‘ Wir hatten höllische Angst, wir wussten, dass er uns hier vergewaltigen und umbringen würde. Nach einer Stunde tauchte tatsächlich ein Hotel auf mitten aus dem Nirgendwo. Eine Stunde fuhren wir durch den Dschungel und dann setzte er uns tatsächlich an einem Hotel ab und ist dann einfach weggefahren. Er war ehemaliger Policeman und wollte uns nicht alleine rumlaufen lassen. Am nächsten Tag stand er wieder vorm Hotel und hat uns zurück in die Stadt gefahren. Das war der absolute Wahnsinn.“

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Wenn Inder auf Weiße treffen

Immer wieder zog es Gesine nach Indien. Fünfmal reiste sie durch das Land, immer ohne Plan, ohne Angst. „Indien ist ein spektakuläres Land. Die Kultur ist faszinierend, die Natur mega, der Himalaya, die Strände, die Wüste. Mit kleinem Budget kann man hier alles sehen, und man erlebt Dinge, die einen prägen. Mal aus dem Luxus ausbrechen, mit einem Eimer als Dusche – auch das ist möglich. Man lernt hier auch die kleinen Dinge wieder schätzen. Und die Menschen, die sind super nett und freundlich, die meisten zumindest“, lacht Gesine. Das Aufeinandertreffen von Indern und westlichen Touristen ist nämlich etwas, sagen wir mal, kurios, auch angsteinflößend und echt crazy. „Man muss verstehen, die meisten Inder sehen nur wahnsinnig selten eine weiße Person. Die starren einen so penetrant an, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Sie gucken nicht mehr weg, stellen sich zwei Stunden neben dich. Wenn ich aus einem Gebäude gegangen bin, gingen direkt alle Augen auf mich. Wenn ich meine Tasche geöffnet habe, kommen alle auf mich zu und wollen in die Tasche gucken – wirklich, die wühlen dann in meiner Tasche! Geklaut wurde mir nie etwas – als ich mal meinen kompletten Rucksack irgendwo stehengelassen habe, mit allem drin – also mindestens ein Wert von zwei Monatslöhnen für die meisten – eine Stunde später stand er immer noch genau da. Inder meinen das auch nicht böse, aber es wird ständig gestarrt, die ganze Zeit.“ Selbst als Gesine mit ihrem damaligen Freund in Indien unterwegs war, wurde sie von Männern angesprochen. „Die tun einem nichts, aber fragen schadet ja nicht.“ Auch ihr Freund fand das permanente Starren doch sehr gruselig. „Er ist da nirgendwo auf Klo gegangen, er sagte mir: ‚Die starren alle auf mein Ding‘.“

Mit Bus & Bahn durch Indien – Destination: Unkown

Eine Route, einen genauen Plan hatte Gesine auf keiner ihrer Reisen. „Ich hab immer den Lonely Planet dabei, da findet man die beliebtesten Reiserouten – aber meistens lande ich einfach an einem Flughafen und gucke dann, was sich so ergibt.“ Nie im Leben würde Gesine selbst durch Indien fahren. „Die bremsen nur für Kühe. Selbst die Straße überqueren, ist der reinste Wahnsinn. Die einzige Regel ist: hupen und rasen.“ Mit dem Zug, vor allem aber mit dem Bus kann man problemlos durch ganz Indien reisen – die Frage ist nur wie, wann und ob überhaupt man irgendwo ankommt. „Mit dem Zug rumfahren ist in Indien echt einfach. Wir sind immer schön Holzklasse gefahren. Ich saß mal 14 Stunden oben in einer Gepäckablage auf einer Arschbacke mit dem Fuß an der Decke.“ Auch das Busnetz ist gut ausgebaut – die Bodenbeläge dagegen weniger. „Busfahrten sind ein absolutes Abenteuer. Es wird ohrenbetäubend laute Bollywood-Musik gespielt, und die Straßen haben eine Kurve nach der anderen. Alle müssen hier kotzen. Besonders schön ist, wenn du hinten sitzt. Vorne kotzen sie aus dem Bus raus und hinten kommt alles wieder rein. Ich dachte mal: ‚Oh, fängt es an zu regnen?‘ dabei war es Kotze, die durch mein Fenster flog.“ Hat man dann aber noch Zeit, sich auf anderes zu konzentrieren, „kann man überall Auto- und Buswracks liegen sehen – das ist hier ganz normal“.

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Günstige Unterkünfte all inklusive Kakerlaken – „Da darf man nicht drüber nachdenken!“

In puncto Unterkünfte hören sich Gesines Erfahrungen doch recht human an. „Man kann hier sehr günstige und einigermaßen gute Unterkünfte bekommen zwischen 1,50€ und 5€. Ich hatte immer meinen eigenen Schlafsack dabei, auf den Bezügen will man nicht unbedingt schlafen.“ Auf meine Frage nach Krabbeltieren antwortet Gesine ganz lapidar: „Ja, Kakerlaken gibt es überall – aber die tun einem nichts. Als ich im Kinderheim gearbeitet habe, gab es eine Kobra, die tagsüber unter der Treppe geschlafen hat. Nachts haben wir dann immer so lange auf den Stufen getrampelt, bis sie weggerannt ist – da darf man nicht drüber nachdenken.“ Um sich vor dem Gröbsten zu schützen, schwört Gesine auf ein Moskito-Netz.

Die schönste Ecken Indiens

Indien ist kein touristisches Land. Nichtsdestotrotz kann man hier auch einen Badeurlaub machen, in 5-Sterne-Hotels residieren und vom Paradies gleich wieder im Flugzeug verschwinden, aber: „In Indien kommt man nicht drumherum, Indien zu sehen“, sagt Gesine. „Wer nach Indien reist, will das Land und die Leute kennenlernen, da gehört es dazu, dass man auch die Slums, die Armut sieht.“ Dennoch ist es vor allem die außergewöhnliche Natur, die besonderen Menschen, die Gesine immer wieder nach Indien zogen. Der schönste Ort Indiens?Kerala im Südwesten Indiens ist wunderschön, hier gibt es kilometerlange Mangrovenwälder. Und es gibt da ein kleines Bergdorf in der Nähe von Mumbai, Matheran. Hier ist Plastikmüll komplett verboten, und Autos dürfen hier auch nicht fahren – das ist nahezu der einzige ruhige Punkt in Indien.“ Ein Erlebnis, das Gesine bis heute mit am meisten fasziniert hat: „Im Norden von Indien habe ich eine dreitägige Kameltour durch die Wüste gemacht. Nachts haben wir neben den Kamelen im Sand geschlafen. Dieser Sternenhimmel war unglaublich.“ Zu Beginn verstanden sich Gesine und ihr Kamel zwar nicht so besonders… „Als ich aufs Kamel gestiegen bin, ist es einfach los gerannt, die ganze Zeit weiter, immer weiter weg von den anderen. Ich schrie nur, wie ich es reiten soll, und der Guide meinte nur ’no problem, no problem‘. Nach einigen Minuten drehte es dann auch wieder um – das war schon ziemlich abenteuerlich.“

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„Ich würde nie wieder nach Indien fahren!“

„Ich habe mich immer sicher gefühlt in Indien. Wenn man einigermaßen vorsichtig und selbstbewusst ist, ist Indien gar kein Problem“, sagt Gesine. Zwar starren sie dich penetrant an, aber dennoch seien Inder super freundlich, bestätigt Gesine. „In touristischen Gegenden werden westliche Touristen häufig als Geldquelle gesehen, aber sobald man etwas außerhalb unterwegs ist, sind die Menschen wundervoll. Wenn ich in einen Bus eingestiegen bin, wurde ich erst einmal gefragt, wohin ich möchte und dann jemand von den anderen Leuten angesprochen, wer ebenfalls dahinfährt, damit ich auch sicher ankomme.“ In kleinen Dörfern haben die meisten Menschen noch nie eine weiße Person gesehen, „die freuen sich wahnsinnig, man wird überall ins Haus eingeladen, zum Trinken und Essen“, erzählt Gesine. „Das ist so ein Erlebnis für die, da werden die noch ihren Enkeln von erzählen.“ Der Schlüssel für gegenseitiges Interesse sei die Kultur. „Wenn man den Menschen zeigt, dass man Interesse an der Kultur hat, dann freuen die sich, und sind absolut aufgeschlossen.

Travel, Indien, India

Es fällt Gesine leicht, die schönen Erlebnisse in Indien von den negativen zu differenzieren. Nichtsdestotrotz führte ein Ereignis auf ihrer letzten Reise dazu, dass Gesine heute sagt: „Ich würde nie wieder nach Indien fahren!“ Es war der Tag ihrer Abreise zurück nach Deutschland. „Wir waren in Mumbai am Flughafen, wo unser Flieger gehen sollte. Zu der Zeit gab es den Vulkanausbruch in Island und man konnte nicht zurück nach Deutschland fliegen – das wussten wir aber nicht. Wir haben eingecheckt und warteten dann im Eingangsbereich, bis man uns sagte, dass unser Flieger nicht gehen würde – der nächste erst irgendwann in ein paar Tagen. Wir wollten dann zurück in die Stadt, doch die Security-Männer ließen uns nicht mehr aus dem Flughafengebäude raus. Es sprach auch keiner Englisch und die wurden direkt aggressiv mit ihrem Maschinengewehr. Drei Tage wurden wir dort gefangen gehalten. Wir bekamen kein Wasser, kein Essen. Manche Leute haben uns ein bisschen was gegeben, aber das war nicht viel. Es gab kein internationales Telefon, sodass wir niemandem Zuhause bescheid geben konnten. Mein Freund brauchte dringend Medizin, die war ja schon längst aufgebraucht, aber man ließ uns einfach nicht raus. Am dritten Tag, wo wir schon komplett fertig waren, sind wir einfach aufgestanden und los gerannt. Wir haben geschrien ‚Erschießt mich einfach‘ – uns war alles egal – wir wollten nur raus. Ich habe ein richtiges Trauma davon, ich würde nie wieder an einen indischen Flughafen gehen, aber auch so eigentlich nie wieder durch Indien reisen. Ich habe da schon so viel gesehen, so viel erlebt, was mich bis heute geprägt hat und jetzt ist auch gut – es gibt auch noch andere Länder auf der Erde.“

Wäre Indien eine Destination für dich?

Eine Reise durch Indien ist sicherlich nicht für jeden eine gute Idee. Es gibt so einige Charaktereigenschaften, die man mitbringen sollte, einige Regeln, an die man sich halten sollten. Deswegen gibt Gesine ein paar Tipps, welcher Typ Mensch sich Indien problemlos stellen sollte und was es zu berücksichtigen gibt.

Bist du der Typ für Indien?

  • sehr selbstbewusst
  • Grenzen setzen können, vor allem gegenüber Männern
  • Stärke haben, auch schreckliche Armut und Leid zu sehen
  • flexibel sein
  • von schlechten Erlebnissen nicht runterziehen lassen
  • Interesse an der indischen Kultur
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Foto: istock.com/Meinzahn

An diese Regeln solltest du dich halten:

  • Begleitung: am besten zu zweit reisen
  • Transport: fahre kein Auto
  • Straßen: halte dich möglichst von Straßen fern – wenn du überleben willst
  • Essen: Du kannst alles essen, auch von den Straßenständen – aber da, wo die meisten Leuten sind, ist es garantiert am besten
  • Bedeckte Kleidung: Schulter und Knie sollten immer bedeckt sein, am besten das tragen, was auch die Einheimischen tragen
  • Bargeld: nicht mehr als 100€ mit sich tragen
  • Indische Männer: Bei Gesprächen mit Männern, direkt gleich sagen, dass dein Mann da hinten steht

Die wichtigsten Dinge in deinem Rucksack:

  • Klopapier
  • Moskito-Spray
  • Moskito-Netz
  • Schlafsack

Seid ihr schon einmal durch Indien gereist? Könnt ihr Gesines Erfahrungen bestätigen? Was habt ihr erlebt? Ich freue mich auf eure Kommentare!