UnzĂ€hlige verlassene GebĂ€ude und der Wind, der durch die leeren Straßen heult, sind die einzigen Zeugen, die dauerhaft in der Stadt Prypjat in der NĂ€he des havarierten Atomkraftwerks in Tschernobyl geblieben sind. Die ukrainische Geisterstadt bildet die Kulisse zu einem realen Horrorfilm. Was euch auf einer Reise nach Tschernobyl erwartet und ob diese ĂŒberhaupt sicher ist, lest ihr hier.

Ein verlassener Freizeitpark: Die Gondeln des Riesenrads schimmern im Braun des Rostes, die einzelnen Wagen des Autoscooters sind von Gras ĂŒberwuchert. Wenn der Wind ĂŒber das GelĂ€nde weht, knirscht und Ă€chzt es aus allen Richtungen. Leerstehende HĂ€user mit zerbrochenen Fensterscheiben, teils schon eingefallen, sĂ€umen die leergefegten Straßen der Stadt. Jeder Schritt, jede Bewegung hallt nach. LĂ€sst man den Blick ĂŒber die Szenerie streifen, ist Verfall und Leere das Einzige, was dort bewundert werden kann. Das ist die gruselige Beschreibung der Geisterstadt Prypjat bei Tschernobyl. Nicht gerade ein Traumziel fĂŒr den nĂ€chsten Urlaub, doch seit 2011 ist die ehemalige 50.000 Seelen Stadt wieder offiziell fĂŒr Touristen zugĂ€nglich und zieht sie spĂ€testens nach dem Riesenerfolg der Netflix Serie Chernobyl magisch an.

Eine Reise nach Prypjat bei Tschernobyl

Die Katastrophe | Prypjat heute 

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Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verÀnderte alles

Prypjat wurde einst als Arbeiterstadt errichtet, um den Angestellten des Kernkraftwerks Tschernobyl ein Zuhause zu bieten. Mit einer Entfernung von etwa vier Kilometern zum Reaktor liegt sie inmitten der unbewohnbaren 30-Kilometer-Zone. Als am 26. April 1986 mit der Kernschmelze der GAU passierte, wurde die dem Kraftwerk am nĂ€chsten liegende Stadt erst 36 Stunden nach dem Unfall evakuiert. Seitdem hat man sie der Natur ĂŒberlassen mĂŒssen. Zu gefĂ€hrlich war es, die Bewohner wieder in ihre verstrahlten HĂ€user zurĂŒckkehren zu lassen. Mittlerweile sind einige wenige Bewohner in ihre alten Orte zurĂŒckgekehrt, die meisten aber meiden das Gebiet weitrĂ€umig.

Bei der Katastrophe trat radioaktive Strahlung aus, die sich ĂŒber Nordeuropa verteilte

Bei der Explosion im Reaktor 4 in Tschernobyl trat 1986 gefĂ€hrliche radioaktive Strahlung aus, diese verteilte sich ĂŒber einen Großteil Nordeuropas (z.B. Balkan, Norditalien, Finnland). Mehrere Hunderttausend Menschen aus den umliegenden verseuchten Gebieten in Weißrussland, Russland sowie der Ukraine selbst mussten umgesiedelt werden. Auch heute noch sind die Folgen der Katastrophe in der Bevölkerung zu spĂŒren – ganze Landstriche liegen brach.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl

Um Panik zu vermeiden, wurde die Bevölkerung nur sehr spĂ€rlich informiert. Lediglich eine Radionachricht am Folgetag des GAU forderte die Leute dazu auf, die Stadt mittels bereitgestellter Busse zu verlassen. Es folgte die Anweisung, sich fĂŒr eine dreitĂ€gige Abwesenheit auszurĂŒsten – eine unbedachte und natĂŒrlich völlig utopische Vorgabe. Dadurch, dass die Bewohner Prypjats erst so spĂ€t evakuiert wurden, waren sie lange einer extremen Strahlendosis ausgesetzt, die enorme gesundheitliche SchĂ€den, wie jegliche Art von Krebserkrankungen oder sogar den Tod, als direkte Folge der Kontaminierung zur Folge hatte.

Eine Gasmaske in Tschernobyl

Prypjat heute

Prypjat ist heute eine Geisterstadt, die trotz der Strahlengefahr ĂŒber die Jahre von PlĂŒnderern und illegalen Besuchern heimgesucht wurde. Um fĂŒr einen weiteren Unfall schnelle Zufahrtswege zum Reaktor bereitstellen zu können, arbeiten dort immer noch rund 4.000 Arbeiter. Die Straßen der Stadt sind bereits dekontaminiert, das heißt, sie sind weitgehend von der gefĂ€hrlichen Strahlung befreit. Die aktuellen Messwerte liegen bei 0,97 Mikrosievert pro Stunde. Zum Vergleich: In Deutschland sind wir pro Jahr einer natĂŒrlichen Strahlung von etwa zwei Millisievert ausgesetzt, das entspricht einer Stundendosis von 0,23 Mikrosievert. Das Erstaunliche ist, dass sich die Tiere und Pflanzen in der Gegend scheinbar sehr gut an die RadioaktivitĂ€t gewöhnt haben und das, obwohl Pflanzen die radioaktive Strahlung viel lĂ€nger speichern. Forscher studieren seit Jahren die Vegetation und Entwicklung der heimischen Arten und suchen nach VerĂ€nderungen – ein spannendes und schier unerschöpfliches Thema fĂŒr die Wissenschaft.

Ein schrottreifes Auto in Prypjat

AusflĂŒge und Touren nach Tschernobyl

25 Jahre nach dem Vorfall wurde die Stadt fĂŒr den Tourismus freigegeben. Hat das noch was mit Urlaub zu tun? Dark Tourism lautet das Stichwort. Laut dem Forbes Magazin ist die kontaminierte Stadt sogar als Reiseziel der Kategorie „world’s unique place to visit“ einzustufen.

Anbieter von Tschernobyl Touren

Ein renommierter Anbieter ist TSCHERNOBYL TOURÂź. Hier könnt ihr euch einer Reisegruppe anschließen oder eine individuelle Tschernobyl Tour buchen. Die AusflĂŒge starten ab Kiew.

Um Zugang nach Prypjat oder in andere Dörfer der Sperrzone von Tschernobyl zu erhalten, braucht ihr eine gĂŒltige Zugangsberechtigung, die nur von den ukrainischen Reiseveranstaltern ausgehĂ€ndigt werden. Die Reise findet meist mit einem Bus ab Kiew statt. Geschulte Guides fĂŒhren euch durch Prypjat, außerdem sind Treffen mit Zeitzeugen eine oft angebotene Leistung, um den Besuchern einen exklusiven Einblick in die vergangenen Geschehnisse zu bieten. Wer einen noch intensiveren Eindruck haben möchte, kann außerdem mehrtĂ€gige Tschernobyl Touren buchen.

Eine eintĂ€gige Tour wird bereits ab etwa 80€ angeboten, dabei wird sowohl die Geisterstadt selbst, als auch das Atomkraftwerk in Tschernobyl besucht. LĂ€ngst verlassene Schulen und KindergĂ€rten, in denen umgefallene StĂŒhle, auf dem Boden verteilte BlĂ€tter und umgefallene Regale ein normaler Anblick sind, zĂ€hlen zu den Anlaufstellen der Tour. In einem Krankenhaus reihen sich immer noch die verrosteten Bettchen von SĂ€uglingen aneinander und von Tieren zerfetzte Puppen ergĂ€nzen das grauenerregende Bild. Das sich von Geisterhand drehende Riesenrad und die verfallene Schwimmhalle geben Prypjat die besten Voraussetzungen, um Schauplatz eines Horrorfilms zu sein.

Die Veranstalter weisen darauf hin, dass ihr als Teilnehmer euer eigenes Trinkwasser und Snacks mitbringen solltet, da das Wasser und die Lebensmittel der Region nach wie vor als kontaminiert und somit als gesundheitsschÀdlich gelten. Auch ein eigener GeigerzÀhler, der wÀhrend der Tour die Strahlenwerte misst, wird empfohlen. Habt ihr zufÀllig keinen zur Hand, könnt ihr euch das GerÀt meist vor Ort ausleihen.

Sicherheitshinweise fĂŒr die Reise nach Prypjat

Wenn ihr eine Reise in die ehemals stark kontaminierte Stadt wagt, solltet ihr bei eurem Besuch einiges beachten. Durch die unmittelbare NÀhe zum Reaktor sind trotz der mehr als 30 vergangenen Jahre GebÀude und Pflanzen immer noch stark belastet. Deshalb ist das Sammeln von Beeren und Pilzen strengstens verboten, auch das Anfassen von Pflanzen und GegenstÀnden sowie der WÀnde innerhalb der GebÀude ist strengstens untersagt. Eine Schutzkleidung ist jedoch laut der Veranstalter nicht von Nöten. Festes Schuhwerk und langÀrmelige Kleidung seien zum Schutz vor der noch vorherrschenden Strahlung völlig ausreichend.

GeigerzÀhler in Tschernobyl
Foto: meunierd/Shutterstock.com

Ein Hostel mitten in der Sperrzone von Tschernobyl

Wem eine einzige Tour durch die Geisterstadt Prypjat und das GelĂ€nde des havarierten Kernkraftwerkes von Tschernobyl nicht genĂŒgt, der kann gleich fĂŒr eine Übernachtung in die Sperrzone kommen. Tschernobyl lockt Touristen seit zwei Jahren mit einem Hostel, das ĂŒber insgesamt 50 Ein- bis Dreibettzimmer verfĂŒgt.

Übernachten in der Sperrzone

Die Kosten fĂŒr eine Nacht liegen hier gerade mal bei umgerechnet 7€ – inklusive Dusche, Fernsehen und WLAN. Möchtet ihr eine Nacht in dem Hostel in Tschernobyl verbringen, solltet ihr euch an einen lokalen Touranbieter wenden. Wichtig: Auch wenn ihr GĂ€ste des Hostels seid, könnt ihr die Geisterstadt nicht auf eigene Faust, sondern nur innerhalb einer gefĂŒhrten Tour erkunden.

Polissya Hotel in Tschernobyl
Foto: iStock.com/Tijuana2014

Chernobyl – eine Fernsehserie ĂŒber das UnglĂŒck

Die vom Fernsehsender HBO produzierte Serie „Chernobyl“ beschĂ€ftigt sich in eindrucksvoller und geradezu dokumentarischer Weise mit der Nuklearkatastrophe in der Ukraine – und löste damit ein reges Interesse an Reisen nach Tschernobyl aus.

Die Serie fĂŒhrt das Ausmaß der Katastrophe schonungslos vor Augen

Die Dreharbeiten der Serie, die uns das UnglĂŒck und seine Folgen mit krassen Bildern schonungslos vor Augen fĂŒhrt, fanden zum Teil sogar in der Ukraine statt, andere in Litauen, wo unter anderem das mittlerweile stillgelegte Kernkraftwerk Ignalina als Kulisse diente. So viel Realismus kommt an – die Serie wird schon jetzt als eine der erfolgreichsten aller Zeiten betitelt.

Ein Kontrollraum im Atomkraftwerk

Eine Reise nach Tschernobyl?

Nun sind wir vorerst am Ende einer un- und dennoch außergewöhnlichen Reise angekommen. Der Ausflug nach Tschernobyl hat mich beeindruckt zurĂŒckgelassen. Schließlich mahnt das havarierte Atomkraftwerk doch eindringlich zur Vorsicht und Demut und erinnert uns daran, was fĂŒr schlimme Folgen ein Unfall wie dieser fĂŒr Mensch und Natur haben kann. WĂŒrdet ihr einen Ausflug nach Prypjat bei Tschernobyl machen? Was haltet ihr allgemein von Dark Tourism? Nehmt an der Umfrage teil und verratet mir eure Meinung!

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