Unzählige verlassene Gebäude und der Wind, der durch die leeren Straßen heult, sind die einzigen Zeugen, die dauerhaft in der Stadt Prypjat geblieben sind. Die ukrainische Geisterstadt, nicht weit von Tschernobyl entfernt, bildet die Kulisse zu einem realen Horrorfilm.

Ein verlassener Freizeitpark: Die Gondeln des Riesenrads schimmern im Braun des Rostes, die einzelnen Wagen des Autoscooters sind von Gras überwuchert. Wenn der Wind über das Gelände weht, knirscht und ächzt es aus allen Richtungen. Leerstehende Häuser mit zerbrochenen Fensterscheiben, teils schon eingefallen, säumen die leergefegten Straßen der Stadt. Jeder Schritt, jede Bewegung hallt nach. Lässt man den Blick über die Prärie streifen, ist Verfall und Leere das Einzige, was dort bewundert werden kann.

Das ist höchstens ein Fall für den Vorschlaghammer, denkt ihr? Falsch! Das ist einfach nur die Beschreibung der Geisterstadt Prypjat bei Tschernobyl. Nicht gerade ein Traumziel für den nächsten Urlaub, doch seit 2011 ist die ehemalige 50.000 Seelen Stadt wieder bereisbar und zieht Tausende Touristen magisch an.

Prypjat als Mahnmal der Atomkraft

Geschichte | Prypjat heute | Aufenthalt | Sicherheit

UKRAINE. Chernobyl Exclusion Zone. – 2016.03.19. road sign

Die traurige Geschichte von Prypjat

Prypjat wurde einst als Arbeiterstadt errichtet, um den Angestellten des Kernkraftwerks Tschernobyl ein Zuhause zu bieten. Mit einer Entfernung von etwa vier Kilometern zum Reaktor liegt sie inmitten der unbewohnbaren 30-Kilometer-Zone. Als am 26. April 1986 mit der Kernschmelze der GAU passierte, wurde die dem Kraftwerk am nächsten liegende Stadt erst 36 Stunden nach dem Unfall evakuiert, seitdem hat man sie der Natur überlassen müssen. Zu gefährlich war es, die Bewohner wieder in ihre verstrahlten Häuser zurückkehren zu lassen. Mittlerweile sind einige wenige ehemalige Bewohner in ihre alten Orte zurückgekehrt, die meist allerdings meiden das Gebiet weiträumig.

Bei der Katastrophe trat radioaktive Strahlung aus, die sich über Nordeuropa verteilte

Bei der Explosion im Reaktor 4 in Tschernobyl  trat 1986 gefährliche radioaktive Strahlung aus, diese verteilte sich über einen Großteil Nordeuropas (z.B. Balkan, Norditalien,Finnland). Mehrere Hunderttausend Menschen aus den umliegenden verseuchten Gebieten in Weißrussland, Russland sowie der Ukraine selbst mussten umgesiedelt werden. Auch heute noch sind die Folgen der Katastrophe in der Bevölkerung zu spüren – ganz Landstriche liegen brach.

Prypjat Tschernobyl

Um Panik zu vermeiden, wurde die Bevölkerung nur sehr spärlich informiert. Lediglich eine Radionachricht am Folgetag des GAU forderte die Leute dazu auf, die Stadt mittels bereitgestellter Busse zu verlassen. Es folgte die Anweisung, sich für eine dreitägige Abwesenheit auszurüsten – eine unbedachte und natürlich völlig utopische Vorgabe. Dadurch, dass die Bewohner Prypjats erst so spät evakuiert wurden, waren sie lange einer extremen Strahlung ausgesetzt. Was das bedeutet, könnt ihr euch wohl denken: Enorme gesundheitliche Schäden, wie jegliche Art von Krebserkrankungen oder der Tod als direkte Folge der Kontaminierung sind für viele ehemalige Bewohner Prypjat traurige Realität.

Prypjat Chernobyl

So sieht Prypjat heute aus

Prypjat ist eine Geisterstadt, die trotz der Strahlengefahr über die Jahre von Plünderern und illegalen Besuchern heimgesucht wurde. Die Infrastruktur der Stadt wird auch heute noch durch ständige Bauarbeiten aufrecht erhalten, um für einen weiteren Unfall, zum Beispiel für das Einstürzen des um das Kraftwerk gebauten Sarkophags, schnelle Zufahrtswege bereit stellen zu können. Das heißt auch, dass dort rund 4.000 Arbeiter beschäftigt sind. Die Straßen der Stadt sind bereits dekontaminiert, das heißt, sie sind weitgehend von der gefährlichen Strahlung befreit. Die aktuellen Messwerte liegen bei 0,97 Mikrosievert pro Stunde. Zum Vergleich: In Deutschland sind wir pro Jahr einer natürlichen Strahlung von etwa 2 Millisievert ausgesetzt, das entspricht einer Stundendosis von 0,23 Mikrosievert. Das Erstaunliche ist, dass sich die Tiere und Pflanzen in der Gegend scheinbar sehr gut an die vorherrschende Radioaktivität gewöhnt haben. Forscher studieren seit Jahren die Vegetation und Entwicklung der heimischen Arten und suchen nach Veränderungen – ein spannendes und schier unerschöpfliches Thema für die Wissenschaft.

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Ausflüge und Touren durch Prypjat

25 Jahre nach dem Vorfall, also bereits 2011, wurde die Stadt dem Tourismus frei gegeben. Seitdem zieht Prypjat schätzungsweise jährlich eine Million Besucher an! Hat das noch was mit Urlaub zu tun? Ja! Extremtourismus heißt das Stichwort; laut dem Forbes Magazin ist die kontaminierte Stadt als Reiseziel der Kategorie „world’s unique place to visit“ einzustufen. Um Zugang nach Prypjat oder in andere Dörfer der Sperrzone zu erhalten, ist eine gültige Zugangsberechtigung nötig, die von den Reiseveranstaltern ausgehändigt werden. Die organisierten Touren durch das Gebiet dauern in den meisten Fällen zwei Tage und müssen im Voraus gebucht werden, da eine offizielle Registrierung notwendig ist. Die Reise findet meist mit einem Bus ab Kiew statt. Geschulte Guides führen durch Prypjat, außerdem sind Treffen mit Zeitzeugen eine oft angebotene Leistung, um den Besuchern einen exklusiven Einblick in die vergangenen Geschehnisse zu bieten.

Der Besuch von Prypjat ist nichts für schwache Nerven!

Eine ganztägige Tour wird bereits ab 81€ angeboten, dabei wird sowohl die Geisterstadt selbst, als auch das Atomkraftwerk in Tschernobyl besucht. Längst verlassene Schulen und Kindergärten, bei deren Betreten umgefallene Stühle, auf dem Boden verteilte Blätter und umgefallene Regale ein normaler Anblick sind, zählen zu den Anlaufstellen der Tour. In einem Krankenhaus reihen sich immer noch die verrosteten Bettchen von Säuglingen aneinander und von Tieren zerfetzte Puppen ergänzen das Grauen erregende Bild. Das sich von Geisterhand drehende Riesenrad und die verfallene Schwimmhalle geben Prypjat die besten Voraussetzungen, um Schauplatz eines Horrorfilms zu sein. Der Besuch der verlassenen Stadt ist definitiv nichts für schwache Nerven.

Sicherheitshinweise für die Reise nach Prypjat

Wer eine Reise in die ehemals stark kontaminierte Stadt wagt, sollte bei seinem Besuch einiges beachten. Durch die unmittelbare Nähe zum Reaktor sind trotz der bereits 30 vergangenen Jahre Gebäude und Pflanzen immer noch stark belastet. Deshalb ist das Sammeln von Beeren und Pilzen strengstens verboten, auch das Anfassen von Pflanzen und Gegenständen sowie der Wände innerhalb der Gebäude ist strengstens untersagt. Auch das auf dem Boden sitzen zählt neben essen, trinken und rauchen zu den Dingen, die ein Besucher in Prypjat tunlichst unterlassen sollte. Eine Schutzkleidung ist jedoch laut der Veranstalter nicht von Nöten. Festes Schuhwerk und langärmelige Klamotten seien zum Schutz vor der noch vorherrschenden Strahlung völlig ausreichend.

Arte hat die Region im Jahr 2016 ganz genau unter die Lupe genommen und spannende Erkenntnisse für uns:

Jetzt habt ihr mehr über eine etwas andere Art von Reisen erfahren, würdet ihr einen Ausflug nach Prypjat machen? Was haltet ihr allgemein von Extremtourismus? Sagt mir eure Meinung, ich bin gespannt, was ihr dazu zu sagen habt. Wenn ihr noch mehr über die geheimnisvolle Ukraine wissen möchtet, schaut einfach in mein Reisemagazin.