Hier lest ihr den dritten und letzten Teil der Abenteuer-Reise von Minna, die von ihren spannenden Erfahrungen vom Couchsurfing in Marokko berichtet.

Schon früh morgens werden wir von den warmen Strahlen des Sonnenaufgangs geweckt. Es ist gerade mal 05.30 Uhr, für Omar eine ganz normale Aufstehenszeit. Er steht bereits putzmunter in der Küche und brüht Berberwhiskey auf. Heute planen wir, seine Familie in der Stadt zu besuchen. Wir freuen uns schon darauf, den marokkanischen Familienalltag live miterleben zu dürfen. Als wir das Wohnzimmer betreten,  sitzen sieben Familienangehörige Omars auf dem Boden und schauen Fernsehen. Hier ist es sehr stickig und düster. Nur durch eine offene Luke an der Decke fällt ein wenig Tageslicht in das sehr schmal geschnittene Zimmer. Als sie uns bemerken, werden wir herzlich in Empfang genommen. Wieder einmal gibt es Berberwhiskey. Doch leider können wir uns nur richtig mit seinem Onkel unterhalten, da die anderen kaum Englisch sprechen.

 

 

Dieser ist jedoch sehr warmherzig und aufgeschlossen und erzählt uns von seiner Zeit als umherstreifender Nomade. Da es in Zagora kaum Infrastrukturen gibt, begleiten Nomaden oft Kunden, die materielle Güter von einem Ort zum anderen bringen müssen, gegen ein kleines Entgelt für längere Zeit durch die Wüste.  Auch schon davor  verbrachte er gerne seine Zeit in der freien Natur und machte erst später seine Leidenschaft und seinen Lebensstil zum Beruf.  Er kennt jeden einzelnen Fleck in der Wüste, weiß, wie man am schnellsten von einem Punkt zum anderen kommt, wo sich Oasen befinden und wo die Dünen am günstigsten zu durchqueren sind.  Einmal hielt er sich sogar ein halbes Jahr lang mit seinem Kamel in der Wüste auf und ließ sich einfach treiben. Die Fotos, die er uns zeigt, sind ziemlich imponierend. Es ist schön zu sehen, dass er einer der Menschen ist, der nicht zwangsläufig auf materielle Werte fixiert ist und den Mut hat, sich von einem sesshaften, vorbestimmten Leben abzuwenden, um einfach seinem Frohsinn nachzugehen.

Handwerk in Zagora

Bis zum frühen Mittag hängen wir bei Omars Familie herum. Anschließend fahren wir mit Omar in eine etwas heruntergekommenere Gegend Zagoras, wo wir einen alten Freund und Händler Omars Familie besuchen. Dort wird uns von einem Mitarbeiter an einer Schmiedestation gezeigt, wie Schmuck traditionell und hergestellt wird. Es ist sehr mühsame Arbeit, vor allem bei diesen schweißtreibenden Temperaturen.

Schmuckmacher

 

Nach dem kurzen Besuch fahren wieder zurück zu Omars Familie. Diese haben in der Zwischenzeit einen riesigen Tajineneintopf mit etwas Brot für uns zubereitet, was wir sehr liebenswürdig finden, da die Familie selbst noch bis abends fastet. Während dem Essen bietet uns Omars Onkel noch dazu ein tolles Kurztripangebot in die Sahara an, welche knapp 80km von Zagora entfernt wird. 250 DH, also umgerechnet 25,00 € p.P. würden wir für eine Nacht inklusive Kamelreiten zum Wüstenlager, Abendessen und Frühstück bezahlen. Das ist ein super Preis für eine Wüstentour; normalerweise würde man dafür etwa das dreifache zahlen. Aus diesem Grund nehmen wir das Angebot sehr dankbar an und verabschieden uns nach dem Essen von der nette Familie, um uns auf das nächste Abenteuer vorzubereiten. Omar schafft es leider nicht, uns in die Wüste zu begleiten, da er für den kommenden Abend weitere Couchsurfer aus Japan zu sich eingeladen hat. Allerdings würde sich vor Ort ein Wüstenführer um uns kümmern. Er begleitet uns noch bis zum Wüstentreffpunkt und nimmt danach wieder ein Taxi zurück nach Zagora, was für Einheimische recht preisgünstig ist. Am nächsten Morgen würden wir ihn wieder sehen, um unser Gepäck bei ihm abzuholen.

Kamelreiten in der Wüste

Eine Couchsurfing-Nacht in der Sahara

Mittlerweile ist es 19 Uhr. Die Hitze wird allmählich erträglicher. Knapp zwei Stunden brauchen wir mit den Kamelen zum Wüstencamp, sodass es schon dunkel ist, als wir ankommen. Abgesehen von uns ist noch ein französisches Paar auf dem Campingplatz, welche  ebenfalls in Marokko auf Durchreise sind. Während wir uns mit ihnen in ein Gespräch vertiefen, bereiten unsere Wüstenführer das Abendessen vor. Jedoch nicht ohne lauthals auf Arabisch über etwas zu diskutieren, was wir leider nicht verstehen. Allerdings hört man ab und zu Geschirr klirren. Es ist ziemlich erstaunlich, wie temperamentvoll und aufbrausend manche Marokkaner in Alltagssituationen miteinander umgehen. Dennoch auf eine sehr sympathische Art und Weise, die manchen Ortsfremden nichtsdestotrotz etwas irritieren kann. Irgendwann ist das Essen fertig. Wir kriegen ein stattliches Festmahl serviert: als Vorspeise marokkanischer Salat, die Hauptspeise wieder eine leckere Tajine und zum Nachtisch gibt es gekühlte Honigmelonen. Es ist köstlich. Nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen haben, lassen wir den Abend noch gemütlich mit traditionellen, marokkanischen Liedern ausklingen. Unsere Wüstenführer spielen uns diese in Begleitung von Bongos vor und singen dazu.

Sahara Sonnenuntergang

 

Im Verlauf des Abends  seilen wir uns von der Truppe ab und laufen barfuß die Dünen hoch. Der Sand ist so weich und angenehm warm. Ich liebe es, kleine Fußabdrücke zu hinterlassen. Am höchsten Punkt angekommen, bleiben wir einfach stehen und betrachten den sternenbedeckten Himmel. Alle paar Sekunden sehen wir Sternschnuppen herabfallen. Wir spielen Sternschnuppenzählen, bis wir müde werden. In dieser Nacht habe ich bestimmt über 80 kleine Kometen gesehen, so viele wie in meinem ganzen Leben noch nicht.  Es ist wunderschön. Wir beschließen, unsere Matratzen aus dem Schlaflager zu holen und draußen im Sand zu schlafen, da es in den Schlafhäuschen ohnehin zu stickig ist. An gefährliche Wüstentiere wie Skorpione, Giftspinnen oder Schlangen denken wir in diesem Moment gar nicht. Obwohl ich sehr müde bin, möchte ich nicht einschlafen, da ich noch ein wenig länger diesen Glücksmoment genießen möchte. Diese Nacht soll niemals enden. Doch von Sternschnuppe zu Sternschnuppe werden meine Augenlider immer schwerer und als ich aufwache, ist es längst wieder hell.

Sahara Übernachtung

 

Kurz nach Sonnenaufgang machen wir uns schleunigst zurück in die Stadt, bevor es zu heiß wird. Die letzte Nacht war ein unvergessliches Erlebnis, dass wir niemals vergessen würden. Selbst wenn ich heute daran zurückdenke, fühlt sich alles plötzlich sehr  viel leichter an und es kribbelt im ganzen Körper vor Freude, dass wir so etwas dank Omars Familie miterleben durften. Wir holen noch unser Gepäck bei Omar ab, verabschieden uns von ihm und versprechen, bald wiederzukommen. Wahrscheinlich nächstes Jahr. Dann fahren wir los. Unser nächstes Ziel sind die Ouzoud Wasserfälle, an denen wir noch vor Abenddämmerung ankommen möchten.

Wüstencamp

Fazit

Es war bitter, Marokko und all die Abenteuer, die wir erlebt haben, nach einer Woche zurücklassen zu müssen und in den Alltag zurückzukehren. Für uns war die Reise etwas ganz Besonderes, Einzigartiges und auch Lehrreiches. Hautnah haben wir die marokkanische Kultur kennenlernen dürfen, was ohne Couchsurfing in diesem Ausmaße wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen wäre. Es hat uns einen unvergleichbaren Einblick in das Alltagsleben der Leute in diesem Land gegeben, ein Bild, was man als „gewöhnlicher“ Tourist vermutlich nicht bekommen hätte. Als Couchsurfer fühlt man sich nicht länger als Außenstehender, welcher eine ihm völlig fremde Kultur von einer gewissen Distanz aus beobachtet, sondern ist direkt in die Geschehnisse und den Lebensstil involviert. Ob es nun positive oder negative Erfahrungen sind – es sind wertvolle Erfahrungen, die man sammelt und Erfahrungen, die unersetzbar sind. Über Omars Definition vom „einfachen Leben“ denke ich heute immer noch nach. Es ist ein Begriff, der mich in der kurzen Zeit sehr geprägt hat. Was bedeutet schon Glück? Es macht mich wütend und traurig zugleich, dass in der heutigen Konsum- und Massengesellschaft immer mehr verlernt wird, Glück aus den essentiellen Dingen des Lebens zu erfassen. Stattdessen streben wir nach Wohlstand, verbinden Glück zunehmend mit materiellen Gütern und verlieren die Fähigkeit, Glück aus eigener positiver Kraft und dem natürlichen Umfeld zu schöpfen. Die kurze Reise nach Marokko und das Treffen auf Omars Familie hat mich wieder daran erinnert, dass es doch viel zufriedener macht, an der Einfachheit des Lebens festzuhalten. Ich kann es jedem nur nahe legen, sich irgendwann einmal in ein Couchsurferabenteuer zu wagen. Denn es können wunderbare Freundschaften entstehen, man lernt unheimlich viel dazu und hat eventuell einen Ort, an den man jeder Zeit zurückkehren kann.