Ich persönlich bin immer wieder erstaunt, welche alternativen Möglichkeiten es gibt, ein Land und seine Leute kennenzulernen. Couchsurfing stand bei mir bis jetzt noch nicht oben auf der Agenda. Dafür gefällt es mir in den vielen Hotels dieser Welt einfach zu gut. Stattdessen hat sich meine Leserin Minna mit ihrem Freund aufgemacht um genau diesen Trend in Marokko auszuprobieren. Was sie erlebt hat und welche Erfahrungen sie wieder mit nach Hause nehmen konnte, lest ihr in ihrem Gastbeitrag.

“One’s destination is never a place, but a new way of seeing things.” (Henry Miller)

Es war Juli 2013, als sich der Monat langsam dem Ende zuneigte und ich dieses leichte, aber immer stärker werdende Kribbeln im Bauch verspürte. Es war die Vorfreude, endlich wieder zu verreisen. Wahrscheinlich eine der schönsten Freuden der Welt. Ich hatte im Vorfeld einige Couchsurfer kontaktiert, um mich mit ihnen während unseres kurzen Aufenthaltes zu treffen und war nun sehr gespannt auf meine ersten Couchsurfing Erfahrungen im Ausland. Wohin es ging? Nach Marokko. Sieben Tage, sieben Nächte, 168 Stunden. Keine lange Zeit. Aber wahrscheinlich die schönste und aufregendste Zeit meines Lebens. Falls ihr euch fragt, was wohl für eine Person hinter diesem Artikel steckt, möchte ich mich euch kurz bekannt machen.

Mein Name ist Minna Tran, 22 Jahre jung, Amerikanistik- und Soziologiestudentin an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. und ich habe mir als Lebensziel gesetzt, die Welt zu bereisen. Nicht nur auf die konventionelle Art und Weise,  denn ich will viel mehr hautnah Kulturen miterleben, von Einheimischen lernen, aber auch selbst meine Erfahrungen weitergeben. Das Gastfreundschaftsnetzwerk www.couchsurfing.com bietet hierfür die besten Möglichkeiten. Ich bin ein ziemlich neugieriger, kontaktfreudiger und weltoffener Mensch. Ständig auf der Suche nach Abenteuern. Die Welt bietet zu viele Geheimnisse, interessante Kulturen und zahllose Facetten, um diese unentdeckt zu lassen. Am liebsten würde ich auf jedem Fleck der Erde gleichzeitig sein. Reisen macht glücklich, bedeutet die Freiheit, neue Energien zu tanken und zu tun und zu lassen, wonach einem der Sinn steht.  Es gibt für mich kaum bessere Möglichkeiten, sich weiterzubilden – vor allem sich eine eigene Meinung zu bilden – und über sich sich hinauszuwachsen. Dieser Bericht beschränkt sich ausschließlich auf meine Couchsurfing Erfahrungen in Marokko. Wer allerdings Interesse hat, Ausführlicheres über unseren Trip zu erfahren und Fotos in hochwertiger Qualität zu sehen, kann einfach auf meinem Blog www.mimisbulletin.blogspot.de vorbeischauen.

Kamelreiten in der Wüste

Das Couchsurfing-Konzept

„Couch4Couch“. Ich biete dir meine Couch an, stelle dir Familie oder Freunde vor, zeige dir die geheimsten Ecken, die du unbedingt kennenlernen sollst, offeriere dir ein Stückchen meiner Welt, teile mit dir den Lebensstil und die Kultur in der ich lebe. Im Gegenzug dazu darf ich vielleicht mal auf deiner Couch schlafen und du zeigst mir, wie die Menschen in deinem Land leben, wo du gerne hingehst, wenn du einsam bist oder dich nach Abenteuern sehnst. Geld spielt keine Rolle; alles was wir voneinander verlangen sind der gegenseitige Respekt und natürlich Gastfreundschaft. Das ist kurz gefasst das Konzept von Couchsurfing. Ein Trip kann ganz einfach unter der Suchoption „Surf“ geplant werden, in der das gewünschte Reiseziel- und datum eingegeben werden. Bevor eine Couchanfrage verschickt wird, sollte man das Profil des angefragten Mitgliedes möglichst genau durchlesen, um eine persönliche Nachricht verfassen zu können. Dies erleichtert enorm die Aufnahmechancen. Warum hat man sich für ein bestimmtes Mitglied entschieden? Was macht dich zu einem tollen Gast? Gibt es gemeinsame Schnittpunkte? Oft ist eine Menge Geduld gefragt, da natürlich mit Absagen zu rechnen ist. Aus diesem Grund sollte man ein Couchsurfing Abenteuer vorzeitig planen.

Marrakesch

Der Grund, weshalb ich ausgerechnet von meinen Couchsurfing Erfahrungen in Marokko berichte ist, dass Marokko ein unheimlich spannendes Land mit zahlreichen Facetten ist. Es war bis vor einiger Zeit ein recht umstrittenes Reiseziel und gerade zu dem Zeitpunkt, als wir die Reise nach Marokko buchten, warnte das Auswärtige Amt vor westlichen Entführungen, Terroranschlägen und möglichen Aufständen, insbesondere in den Grenzgebieten. Doch vor Ort merkten wir nichts von diesen Spannungen, obwohl wir anfangs leichte Bedenken hatten. Sieben Tage lang, Ende Juli bis Anfang August, durften wir die marokkanische Kultur hautnah miterleben. Die ersten zwei Tage verbrachten wir in einem traditionellen Riad in Marrakesch. Den Rest überließen wir dem Zufall.

Marrakesch

Vor Reiseantritt habe ich, wie bereits erwähnt, einige Couchsurfer kontaktiert und mit ihnen Nummern ausgetauscht. Allerdings haben wir keine festen Treffen vereinbart, da wir uns nicht im Vorfeld festlegen wollen und versprechen daher, uns während des Aufenthaltes zu melden. So kommt es, dass wir uns am zweiten Tag unserer Reise mit Aimad, einem Couchsurfer, der ca. 30 Minuten von Marrakesch entfernt wohnt, am Café France des berüchtigten Djemaa el-Fna Platzes verabreden. Nachdem wir in den letzten Wochen öfter miteinander geschrieben haben, warte ich nun voller Vorfreude darauf, ihn live kennenlernen zu dürfen. Ich stelle mir die Frage, ob er wohl in der „realen“ Welt wohl genauso sein wird, wie in unseren Chatgesprächen und ob wir uns in Wirklichkeit wohl auch so gut unterhalten können.

Mittlerweile ist es auf dem Djemaa el-Fna sehr belebt. Da  gerade Ramadan ist, strömen die ganzen Menschenmassen erst nach Abenddämmerung aus ihren kleinen, teils brüchigen Häusern, um mit Familie und Freunden zu feiern und zu speisen.  Von der Dachterrasse  aus haben wir einen besonders tollen Blick auf das Spektakel: in der immer noch sehr warmen Abendluft liegt ein appetitanregender Geruch der unzähligen Grillstände. Einige Meter weiter ruft der Muezzin die Moslems zum Gebet auf; im Sekundentakt hört man die durchdringenden Rufe der Markthändler, der ohrenbetäubende Lärm der feiernden Menschen, vermengt mit der orientalischen Klarinettenmusik der Schlangenbeschwörer – mit all unseren Sinnen lassen wir die Eindrücke  einer völlig fremden Kultur auf uns wirken. Ich fühle mich wie in Erzählungen aus 1000 und einer Nacht. Einige Momente später betritt Aimad mit Begleitung die Dachterrasse. Ich erkenne ihn von seinen Fotos auf der Couchsurfing-Website. Ein wenig erinnert er mich an einen Schauspieler aus einem Westernfilm: sehr lässig, charmant und dazu diese gewisse Coolness. Beide setzen sich zu uns und wir bestellen ein paar Drinks – alkoholfrei, da besonders an Ramadan strenger Alkoholverbot für Moslems besteht. Aimad spricht im Vergleich zu den meisten Marokkanern, die überwiegend Französisch als Handels- und Bildungssprache beherrschen, sehr gut Englisch, weswegen wir uns problemlos mit ihm verständigen können. Meine bisherigen Erwartungen werden bestätigt, denn er scheint, wie in unseren vorherigen Gesprächen auch, ein sehr weltoffener, intelligenter und nachdenklicher Mensch zu sein.

Djeema el-Fna Platz

Nach einer Weile halten wir den leckeren Düften der Imbissstände nicht mehr stand und suchen einen kleinen Grillimbiss auf, um uns die Bäuche mit marokkanischen Köstlichkeiten vollzuschlagen. Anders als in Deutschland liegt das noch rohe Fleisch offen in der Vitrine. Ein gewöhnungsdürftiger Anblick, meines Erachtens allerdings ein sehr bewusster und ehrlicher Umgang mit Essen. Aimad erzählt uns mehr über die einheimische Kultur und dem Leben als junger Erwachsener in Marokko. Es sei hier sehr schwierig, selbst nach anerkanntem Studienabschluss einen Job zu finden, weswegen er sich derzeit für ein Studium in Deutschland bewerbe, um sich eine beruflich sicherere Zukunft aufzubauen. Als wir ihn fragen, wie der Großteil der Leute in Marrakesch Touristen aus westlicheren Regionen wahrnehmen, die ja offensichtlich einen sehr anderen Lebensstil führen und sich eher freizügiger kleiden, erwähnt er, dass die meisten Marokkaner zwar sehr religiös sind und sich streng an die Vorschriften des Korans halten, jedoch recht tolerant gegenüber fremden Kulturen seien. Noch dazu sei Marrakesch durch den ganzen Tourismus im Vergleich zu anderen Städten Marokkos ziemlich verwestlicht, weswegen sich die hier lebende Bevölkerung zunehmend verstärkt am westlichen Lebensstil orientiere.  Natürlich gebe es hier und da auch gewisse Extreme, jedoch erlebe man relativ selten, dass in Marrakesch auffällig gekleidete Touristen schräg angeschaut werden.

Zum Ausklang des Abends tauchen wir noch einmal in das marokkanische Nachtleben ein. Aimad und sein Freund führen uns in eine angesagte Spielothek nahe des Djemaa el-Fnas. Eine Mischung aus bekannten Partyremixen und marokkanischen Sounds, sowie ein starker Zigarettengeruch empfangen uns beim Eintreten des Casinos. Hier befinden sich überwiegend Leute unserer Altersgruppe. Wir mieten uns einen Billardtisch und lassen uns etwas in dem Tumult treiben. Abgesehen davon, dass hier ein striktes Alkoholverbot herrscht,  scheint sich das Casino nicht besonders on denen in Deutschland zu unterscheiden.

Lange bleiben wir nicht mehr, denn mein Freund und ich sind etwas von dem langen Tag und den vielen neu gewonnenen Eindrücken geschafft, die wir erstmal verarbeiten müssen. Morgen müssen wir außerdem um 12 Uhr aus dem Riad auschecken, weswegen wir uns bald von Aimad und seinem Freund verabschieden. Aimad verspricht uns, sich zu melden, sobald er in Deutschland für einen Studienplatz angenommen wurde. Total erschöpft  machen wir uns auf dem Weg zurück zu unserer Unterkunft. Hätten wir gewusst, was uns in den nächsten Tagen noch erwarten würde…

 


Seid ihr neugierig, wie es weitergeht? Keine Sorge, hier habe ich den zweiten Teil von Minnas Gastbeitrag „Couchsurfing in Marokko: Teil 2: Atlasüberquerung und die Oasenstadt Zagora“ für euch.