Für viele ist es die absolute Traumvorstellung: Das ganze Jahr um die Welt reisen und nachher vom Erlebten berichten. Reisejournalisten haben demnach ein absolut traumhaftes Leben, anscheinend sogar mit nicht enden wollendem Urlaub. Monatelang durch ferne Länder reisen, fremde Kulturen kennenlernen und einzigartige Orte erleben, anstatt täglich im Büro zu sitzen? Das klingt wirklich wie ein Traum. Doch wie sieht die Realität aus? Ist es wirklich nur ein langer Urlaub, von dem man dann seine Geschichten erzählt? Oder artet die Arbeit schnell in Stress aus oder ist gar total langweilig?

Um das herauszufinden, habe ich mit Kerry Christiani gesprochen. Kerry übt eben diesen Job aus, von dem so viele träumen. Sie schreibt als Autorin für Lonely Planet. Die Reiseführer sind weltbekannt, helfen vor allem Individualreisenden rund um den Globus weiter und bringen euch Gepflogenheiten, aber auch Insidertipps der abgelegensten Ortes näher. Welche Arbeit dahinter steckt und ob es wirklich der Traumjob ist, lest ihr hier!

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So wird man Lonely Planet-Autor

Es beginnt alles im Jahr 2000. Nach ihrem Studium macht Kerry sich aus ihrer englischen Heimat auf in die große, weite Welt – ohne viel Geld oder genauere Pläne, dafür mit einem stylischen Wohnwagen aus den 60er Jahren. Jahrelang genießt sie die grenzenlose Freiheit, besucht die Orte, auf die sie gerade Lust hat und freut sich über die Unbeschwertheit, einfach machen zu können, was sie möchte. Es klingt wahrlich wie ein Traum eines jeden Reiselustigen, so ist es auch wenig verwunderlich, dass Kerry sich nach ihrer Rückkehr nach England dazu entschließt, das aus ihrer Leidenschaft einen Beruf zu machen. Kerry erzählt mir, es sei sprichwörtlich vergleichbar mit „der Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war“, wenn es darum geht, wie man sich für einen solchen Job entscheidet. Bei ihr seien es eben die Reisen, die sie inspirieren und antreiben, andere durch ihre Berichte daran teilhaben zu lassen.

Genau das ist auch der Grund, weshalb sie sich dann als Autorin bei Lonely Planet bewirbt. Erste Erfahrungen im Reisejournalismus hatte sie schon während des Studiums gesammelt. Kerry kennt zudem die hilfreichen Reiseführer, hat jahrelang selbst mit ihnen die Welt erkundet und liebt den Charakter der Bücher, die eben genau auf Individualreisende wie sie, die unabhängig die Welt entdecken wollen, zugeschnitten sind. Es ist „wie auf eine Goldgrube zu stoßen“, sagt sie, wenn irgendwo, in den abgelegensten Ecken unseres Planeten, im Bücherregal des Hostels ein Lonely Planet-Werk bereitliege und über den Ort und seine Menschen informiere.

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Eine Autorin, viele Werke

Sie bekommt den Job, der Sprung vom Leser und Fan zum Autor klappt – ihr seht also, auch „normale“, reisebegeisterte Menschen haben die Chance, einen solchen Traumjob zu ergattern! Ihren ersten Auftrag für Lonely Planet erhält sie 2007, sie ist gerade nach Deutschland, genauer in den Schwarzwald gezogen. „Ich konnte es kaum abwarten, über die wundervollen Orte zu schreiben, die ich gerade ganz neu für mich entdeckt habe“, erzählt Kerry über ihre Anfänge. Heraus kommt ihr erstes Werk für Lonely Planet: „München, Bayern und der Schwarzwald“ – eine der beliebtesten Regionen Deutschlands, gerade für ausländische Touristen.

Es folgen Reiseführer über Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, Österreich, Portugal und die Schweiz, dazu kommen einige Titel, die mehrere Länder gleichzeitig behandeln. Ihr seht, Kerry spezialisiert sich in gewisser Weise auf Ziele in Mittel- und Südeuropa. Sie bezeichnet diese jedoch nicht als ihre Lieblings-„Reiseziele“. Es sind viel mehr die vielen Aufenthalte in diesen Ländern, die dazu führen, dass sie sich dort „genauso zuhause fühlt, wie Zuhause selbst“ und viel darüber berichten kann. Heute schreibt Kerry neben Lonely Planet noch für einige weitere Magazine, wie z.B. Sunday Times Travel, BBC.com, verschiedene Airline-Magazine und Blogs.

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Kerry auf den Färöer-Inseln

Das Leben als Reisejournalist

Wenn Kerry von ihren Reisen erzählt, werde ich schon fast neidisch. Sie liebt vor allem wilde Orte und extreme Bedingungen – einfach alles, was sie aus der gewohnten „Komfort-Zone“ bringt. So ging es allein in diesem Jahr beispielsweise schon zum Bären beobachten an der russisch-finnischen Grenze, zum Wandern nach Patagonien und nach Spitzbergen, um sich von Huskies durch die Polarnacht ziehen zu lassen, mal ganz abgesehen von einer Antarktika-Expedition, an der sie ebenfalls in diesem Jahr teilgenommen hat.

Für gewöhnlich ist Kerry 4-6 Monate pro Jahr unterwegs. „Zum Glück habe ich einen geduldigen, verständnisvollen Ehemann, ein Familienleben im gewöhnlichen Sinne wäre natürlich nur schwer realisierbar.“ Kerrys Ehemann Andy Christiani ist Fotograf, er reist ebenfalls gerne um die Welt. Und gerade dadurch, dass es nur wenige Momente sind, genießt sie die Zeit mit ihren Liebsten besonders.

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Auch eine Antarktika-Expedition stand dieses Jahr schon auf der Agenda

Reiseführer schreiben – Mehr als nur Urlaub und Bericht

Doch es ist eben nicht nur das Herumreisen, das monatelange Urlaub machen, was man in diesem Job tut. „Das ist ein Missverständnis vieler Leute“, sagt Kerry, „da steckt eine Menge harter Arbeit hinter, einen Reiseführer zu schreiben.“ Die Frage, ob sich die Arbeit tatsächlich wie ein langer Urlaub anfühlt, verneint Kerry entschlossen. Es ist auch „kein 9-to-5-Job, es ist fast ein Rund um die Uhr Job.“

Man müsse so viele Orte gesehen haben und die Informationen zu diesen beschaffen, auch Verkehrsmittel müssen studiert werden – wer würde sich schon im Urlaub ausführlich über sämtliche Bus- und Bahn-Verbindungen informieren? Die Recherche zu all diesen Aspekten, über die der Leser später alles wissen möchte, nimmt enorm viel Zeit in Anspruch, Urlaub und Entspannung sind da oft eher Fehlanzeige. Doch das wünscht Kerry sich auch gar nicht unbedingt – ihre Art des Reisens bezeichnet sie als „tiefgründiger“, es sei ein ganz anderes Gefühl, sich nach Wochen der Recherche, des Kontakts mit Einheimischen und dem Besuch sämtlicher Ecken eines Ortes selbst „als ein Teil davon zu fühlen. Die umfassende Kenntnis und die neuen Bekanntschaften entschädigen einfach für die harte Arbeit“.

Auch ihre Planung der Reisen erinnert wenig an Urlaub. Oft gibt es feste Aspekte, die sie sich anschauen und zu denen sie Informationen beschaffen muss. So gehört es auch zum Job, ältere Ausgaben zu einem Ort immer wieder zu aktualisieren und auf den neuesten Stand zu bringen. Neue Entwicklungen müssen dabei immer berücksichtigt werden, denn was bringt einem Reisenden ein total veraltetes Werk in einer Destination, die sich stetig weiterentwickelt?

So steckt Kerry sich meist einen groben Rahmen, was besichtigt werden muss und wozu am besten Einheimische befragt werden. Doch auch Spontanität ist in diesem Beruf vonnöten, beschreibt sie, „man weiß nie, was man findet oder wen man trifft“ – da müssen perfekt durchgeplante Tagespläne eben manchmal in den Hintergrund treten.

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Insider-Tipps aus erster Hand

Unerlässlich sei dabei natürlich auch, offen zu sein für neue Dinge, doch in erster Linie für neue Bekanntschaften. Die Eindrücke und Tipps von den Locals sind schließlich aus erster Hand, auf keine andere Weise lernt man einen Ort und seine Besonderheiten besser kennen. Das Ganze jedoch stets ohne irgendwelche Beschönigungen, es ist schließlich das Ziel von Lonely Planet, ein Reiseziel so authentisch und realistisch zu präsentieren, wie nur möglich. Positiv gemachte Kunstwelten sind da fehl am Platz, die Reiseführer haben eben auch vor allem in wenig besuchten Gegenden eine hohe Verantwortung gegenüber dem reisenden Leser. Was bringen da beschönigte Wahrheiten im Buch, wenn es in der Realität durchaus auch mal gefährlich werden kann?

So machte auch Kerry schon die ein oder andere schlechte Erfahrung auf ihren Reisen, ganz natürlich bei der vielen Zeit, die sie unterwegs ist. Doch bislang ist ihr zum Glück noch nichts Schlimmeres passiert: „Mal ein Diebstahl, die ein oder andere Situation, wo ich um meine persönliche Sicherheit fürchtete“, doch nichts, was sie von ihrer großen Leidenschaft, dem Reisen, abbringen würde. Sie hört jedoch oft auch auf ihren Instinkt: „Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, ist es vielleicht auch nicht richtig“ – ein Schutzmechanismus, der sicherlich auch auf ihre Erfahrung aufbaut.

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Lonely Planet wartet mit einer großen Bandbreite an Reiseführern auf.

Lonely Planet-Autor: Wirklich ein Traumjob?

Zum Schluss frage ich Kerry, ob ihr Job wirklich der so oft dargestellte Traumjob ist. „Ich sehe es nicht mal wirklich als einen Beruf, es ist viel mehr ein Lebensstil„, sagt sie, „auch wenn eine Menge harter Arbeit dahintersteckt.“ Sie sieht es zudem als eine Art Sucht, immer weiter zu machen. „Je mehr du siehst, desto mehr willst du noch sehen. Je mehr du hörst, desto mehr möchtest du erzählen. Und je mehr du auf eine Weltkarte siehst, desto deutlicher realisierst du, wie viele Orte dort noch zu entdecken sind“.

Ich denke, das spricht doch eine klare Sprache. Es unterstreicht eben, dass dieser Job mehr ist als eine Arbeit, die mit dem Feierabend beendet ist, stattdessen prägt er einen Menschen entscheidend. Kerry könnte sich auch nicht vorstellen, jemals vom Reisen oder dem Berichten darüber gelangweilt zu sein, zu viel möchte sie noch entdecken. Für die Zukunft können wir von ihr einige Updates ihrer bisherigen Ausgaben erwarten, mit dem Guide über die portugiesische Stadt Porto kommt zudem bald auch etwas neues. Möchtet ihr Kerrys beeindruckende Reisen mitverfolgen, so sei euch ihr Twitter-Account ans Herz gelegt, ich verspreche euch, das lohnt sich!

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Beeindruckend und teils echt überraschend, diese Einblicke in einen wirklich außergewöhnlichen Beruf, oder? Hat es euch überzeugt, alles daran zu setzen, um im Reisejournalismus tätig zu werden, oder seid ihr dann doch zu überrascht von der Menge an Arbeit, die dahintersteckt?