Die Abrichtung und Haltung von Tanzbären hat in Osteuropa eine lange, traurige Tradition. Ich habe mich mit der Tierschutzorganisation VIER PFOTEN unterhalten und mehr über das Verbot, die Befreiung und den Verbleib der letzten Tanzbären erfahren.

Gefangen genommen in den Wäldern Osteuropas, getrennt von ihrer Mutter und mit grausamen Methoden darauf trainiert, mit ihrem gezwungenen Tanz zahlendes Publikum zu unterhalten – so sieht das Leben eines Tanzbären aus. Mittlerweile ist die Abrichtung und Haltung der Tanzbären in der EU verboten, auch Dank des unermüdlichen Einsatzes von Tierschutzorganisationen. Ich habe mit der Organisation VIER PFOTEN gesprochen, um mehr über die Tradition der Tanzbären in Osteuropa und den Verbleib der letzten geschundenen Bären zu erfahren.

Tanzbären in Osteuropa

Geschichte | Die Befreiung | TANZBÄRENPARK Belitsa

Ein gefangener Braunbär

Die Geschichte der Tanzbären

Der Leidensweg der Tanzbären geht bereits auf das Mittelalter zurück. Die meist aus Osteuropa stammenden Bärenführer zogen schon damals von Stadt zu Stadt, ließen ihre Bären vor einem erstaunten Publikum tanzen und verdienten so ihren Lebensunterhalt. Die eigentlich als wild und unberechenbar geltenden Braunbären werden als Jungtiere von ihren Müttern getrennt und früh mit Peitsche, Stock und heißen Platten darauf konditioniert, sich beim Ertönen bestimmter Melodien aufzurichten und Bewegungen auszuführen, die an einen Tanz erinnern.

Um die Bären besser kontrollieren zu können, wird ihnen ein Ring durch Nase und Lefze gezogen

Um den Bär noch besser kontrollieren zu können, wird ihm ein Ring durch Nase und Lefze gezogen – den schmerzempfindlichsten Körperteilen der Tiere. Bis vor wenigen Jahren war dieses Vorgehen in Ländern wie Bulgarien, Serbien, Rumänien, Albanien und im Kosovo traurige Normalität. Erst ein gesetzliches Verbot der Abrichtung von Tanzbären innerhalb der EU führte zu einer fast vollständigen Beendigung dieser Tierquälerei und zur Befreiung der Tanzbären. Die Stiftung VIER PFOTEN ist seit dem Verbot in den betroffenen Ländern vor Ort und gibt den befreiten Bären bis heute ein neues, artgerechtes Zuhause, in dem die Tiere zur Ruhe kommen können.

Ein Bär mit Nasenring vor der Befreiung
Ein Bär mit Nasenring vor der Befreiung © VIER PFOTEN

Interview: Die Befreiung der Tanzbären

Mit der Durchsetzung des Verbotes von Tanzbären kam schnell die Frage auf, was mit den verhaltensgestörten Tieren geschehen soll. Eine Auswilderung ist aufgrund der frühen Trennung von der Mutter und durch die grausame Prägung an und durch die Bärenführer ausgeschlossen – die Tiere würden in der freien Wildbahn nicht mehr zurechtkommen.

Eine Lösung wurde durch die gemeinnützige Tierschutzorganisation VIER PFOTEN gefunden: Diese eröffnete gemeinsam mit Tierarzt Dr. Amir Khalil im Jahr 2000 den TANZBÄRENPARK Belitsa, eine durch Spenden finanzierte Einrichtung, in die die befreiten Bären gebracht und ein Leben ohne Nasenring und Kette verbringen können.

Spatenstich für den BÄRENPARK Belitsa
Spatenstich für den BÄRENPARK © VIER PFOTEN

Ich möchte von Dr. Khalil wissen, auf wie viel Widerstand er und sein Team bei der Befreiung der Tanzbären gestoßen ist: „Bei der Rettung der Tanzbären sind wir damals auf relativ wenig Widerstand gestoßen […] Mancherorts gab es jedoch Tränen und Klagen, weil die Bären für einige Halter bislang als profitable Einkommensquelle dienten und auch als Teil der Familie betrachtet wurden. Auch von Seiten der Regierung gab es kaum Widerstand, immerhin war man auch froh mit dem TANZBÄRENPARK Belitsa eine Lösung und Unterkunft für die vielen verbliebenen Tanzbären in Bulgarien gefunden zu haben.

VIER PFOTEN Bärenexperte Carsten Hertwig, der für den Aufbau vergleichbarer Projekte verantwortlich ist, gibt mir in einem Interview weitere Einblicke in die wichtige Arbeit der Tierschützer.

Herr Hertwig, wie läuft eine typische Rettungsaktion ab? Wie überzeugen Sie die Menschen davon, Ihnen die Bären zu überlassen?

In der Regel geht einer Bärenrettung zunächst ein Verbot der grausamen Haltung von Bären in dem jeweiligen Land voraus. Generell übernehmen wir nur Bären, die behördlich konfisziert worden sind oder die uns freiwillig übergeben werden. Wir zahlen den Haltern dieser Tiere grundsätzlich kein Geld, denn nur so kann vermieden werden, das neue Bären angeschafft werden und das ein „Geschäft“ daraus entsteht, Bären nicht artgemäß zu halten.

Ziel ist es, langfristige Lösungen zu schaffen

Grundsätzlich versuchen wir also, Bären immer in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen und Behörden eines Landes zu retten, um langfristige Lösungen zu schaffen und die Zahl schlecht gehaltener Bären nachhaltig zu reduzieren. Mit dieser Strategie ist es uns gelungen, die Tanzbärenhaltung in Bulgarien und Serbien sowie die illegale private Haltung von Bären im Kosovo endgültig zu beenden.

Dr. Khalil ist Schirmherr des BÄRENPARKS.
Dr. Khalil ist Schirmherr des BÄRENPARKS. © VIER PFOTEN International

Eine Bärenrettung bzw. ein Transport von Bären in unsere Bärenschutzzentren ist stets mit hohem bürokratischen und logistischen Aufwand und Kosten verbunden. Liegen alle notwendigen Papiere für den Transport des Tieres vor, wird der Transport des Tieres in der Regel von dem Team des Bärenschutzzentrums vor Ort oder speziell vom Team des TANZBÄRENPARKS Belitsa durchgeführt, welches über ein spezielles Transportvehikel – die Bärenambulanz – verfügt, das auch für Langstreckentransporte lizenziert ist. Neben Mitarbeitern der Bärenschutzzentren begleiten außerdem ein oder zwei professionelle Veterinäre jeden Transport und überwachen den Allgemeinzustand der Tiere vor, während und nach der Narkose bzw. während des Transports. 

Im Bärenschutzzentrum angekommen, kommen die Tiere in der Regel zunächst in eine Quarantänevorrichtung. Hier können sie sich ungestört von den Strapazen der Reise erholen und schrittweise an ihre neue Umgebung gewöhnen. Erst wenn der gesundheitliche Zustand und das Verhalten des Tiers es zulassen, wird der Bär in eines der Außengehege im Park entlassen.

Einer der gerettetn Tanzbären. © FOUR PAWS

Wie ist das Verhalten der geretteten Bären? Wie ist ihr Verhältnis zu Menschen? 

Die Erfahrungen in unseren sechs Bärenschutzzentren haben gezeigt, dass sich die Mehrheit der geretteten Bären gut von den Strapazen ihrer früheren Haltung erholt und stetig Fortschritte macht. So reduzierten sich die Verhaltensanomalien bei den meisten Bären bislang deutlich. Viele der Bären halten sogar Winterruhe, was ein sehr gutes Zeichen ist für ihre Genesung. 
Fast alle Bären in unseren Schutzzentren sind an Menschen und Besucher gewöhnt, was letztendlich aber auch ein Resultat ihrer haltungsbedingten „Fehlprägung“ ist, denn in freier Wildbahn würde der Bär dem Menschen in der Regel aus dem Weg gehen.

Zwei Bären im BÄRENPARK Belitsa
Foto: © VIER PFOTEN Patrick Boncourt

In der EU ist die Ausbildung von Tanzbären heute offiziell verboten und VIER PFOTEN hat es 2007 geschafft, den letzten Tanzbären in Bulgarien zu befreien. Wie sehen ähnliche Projekte in anderen Ländern wie der Ukraine, dem Kosovo oder auch Vietnam aus? Haben Sie das Gefühl, dass auch hier ein Umdenken stattfindet?

Dank des Einsatzes von VIER PFOTEN hat vielerorts parallel mit der Einführung bzw. Umsetzung von Gesetzen bereits ein Umdenken begonnen. Im Kosovo ist es uns bereits gelungen, die illegale Haltung von sogenannten „Restaurantbären“ zu beenden. Seit unserem Einsatz 2013 und der Übernahme sämtlicher Tiere in unseren BÄRENWALD Prishtina gibt es dort keine Bären mehr, die zu Attraktionszwecken neben Restaurants gehalten werden.

Es gibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten

Anders sieht es jedoch noch in der Ukraine, Vietnam und vielen anderen Ländern aus. Trotz gesetzlicher Verbote werden Bären hier oft noch in kleinen Käfigen oder an Ketten gehalten und vorgeführt, oder sie werden sogar illegal zur Gallensaftproduktion missbraucht. Gerade in Vietnam gibt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, um den Tierschutz weiter voranzutreiben.

In Asien gibt es bislang kein Verbot der Bärenhaltung

Was muss sich in den betroffenen Ländern ändern, damit ein Umdenken bei den Menschen stattfindet und Bären nicht mehr als Ware angesehen werden?

Essentiell ist natürlich die Sensibilisierung der Bevölkerung, aber auch der hiesigen Entscheidungsträger, für die natürlichen Bedürfnisse von Bären mittels Aufklärungskampagnen und Umweltbildungsaktionen. Vor allem die Jugend gilt es zu erreichen, deswegen setzen die VIER PFOTEN BÄRENWÄLDER stark auf Bildungs- und Aufklärungsarbeit, insbesondere die Kooperation mit Schulen und Kindergärten, um junge Menschen im richtigen Umgang mit Tieren und der Umwelt zu schulen.

Bildungs- und Aufklärungsarbeit ist bei den Jüngsten am wichtigsten

Besucht den TANZBÄRENPARK Belitsa in Bulgarien

Ihr möchtet mehr über die Vergangenheit der Tanzbären erfahren? Der TANZBÄRENPARK Belitsa, der sich nur durch Spenden und Erlöse aus Eintrittskarten und Souvenirs finanziert, kann im Rahmen einer Führung besucht werden.

Öffnungszeiten

  • April – Mai: 10 – 18 Uhr
  • Juni – September: 10 – 20 Uhr
  • Oktober – November: 10 – 16 Uhr

Eintritt

  • 1-3€

Im Park leben derzeit 25 Bären auf insgesamt 12 Hektar Waldfläche – ein kleines Paradies für die geschundenen Bären, die ihr Leben Dank des Einsatzes der Tierschützer nun mit Spielen, Dösen, Klettern und Baden verbringen können. Gelegen ist der TANZBÄRENPARK am südlichen Rand des Rila-Gebirges, rund 170 Kilometer von der bulgarischen Hauptstadt Sofia entfernt. Mit eurem Eintrittsgeld unterstützt ihr die Arbeit von VIER PFOTEN und den Erhalt des Parks. Möchtet ihr auch von Deutschland aus helfen, könnt ihr zum Beispiel Bärenpate werden und die Tiere mit eurer Spende unterstützen. Bei mir erfahrt ihr außerdem mehr Wissenswertes über Land, Leute und die weiteren Sehenswürdigkeiten, die ihr in einem Bulgarien Urlaub nicht verpassen solltet.

Impressionen aus dem TANZBÄRENPARK BELITSA

Ich bedanke mich bei Dr. Amir Khalil und Carsten Hertwig für das spannende Interview und den Einblick in die Arbeit der Tierschutzorganisation. Weitere spannende Themen rund um das Thema Tier- und Umweltschutz findet ihr in meinem Reisemagazin.

Zum Reisemagazin

Beitragsbild: © VIER PFOTEN Mihai Vasile

Passend für euch ausgewählt