Die Geschichte des Schufa Scores ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Von schufa-freier Kreditkarte ist immer mal wieder die Rede und es gibt unschöne Meldungen, wenn sich Betroffene falsch von der Schufa behandelt fühlen. Ich habe Beate Wagner von der Verbraucherzentrale NRW gefragt, was hinter der Schufa und der nebulösen Art, Score-Werte zu berechnen, steckt. „Das kann ich auch nicht sagen – das ist total intransparent und unklar“, gab sie mir einen Korb.

Treten wir einen Schritt zurück und ergründen also zunächst einmal die Sinnhaftigkeit des „Unternehmens Schufa“. Klar: Es muss einfach eine Instanz geben, die bewertet, wie wahrscheinlich es ist, dass Max Mustermann sich an Kredit-Verträge hält, die er abschließt. Früher war alles einfacher. Man ging mit Geld im Portemonnaie auf den Markt, kaufte sich einen Sack Kartoffeln und zahlte direkt mit Münzen oder Scheinen. Juristisch betrachtet war auch dies ein ganz normaler Kaufvertrag. Nur: Lieferung der Ware, bzw. Erbringung der Leistung wurden Zug um Zug mit der Begleichung der Rechnung erledigt.

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Erlaubte Kontoüberziehung – Deswegen gibt es die Schufa

Heute schließen wir – meist ohne es zu wissen – fast täglich Verträge ab. Viele von ihnen kosten keinen Cent; etwa wenn wir Webseiten besuchen, Apps downloaden oder allein schon ein Ladenlokal betreten. Immer gelten Allgemeine Geschäftsbedingungen, Beförderungsbedingungen, eine Hausordnung, sowie die entsprechenden Gesetze des Bürgerlichen Gesetzbuches, wenn man einen Handel eingeht. Immer wenn es allerdings um Geld geht, wird die Sache spannend. Derjenige, der eine Leistung erbringt oder eine Ware liefert, hat ja durchaus ein berechtigtes Interesse daran, zu wissen, wie sicher es ist, dass der Kunde die Rechnung auch bezahlen wird. Was für die Bestellung eines Paares Turnschuhe gilt, gilt auch und noch viel genauer für Finanzprodukte.

Viele Konten erlauben eine Überziehung. Die Bank räumt ihrem Neukunden also das Recht ein, mehr Geld auszugeben, als er eingezahlt hat. Es ist aus meiner Sicht durchaus nachvollziehbar, dass die Bank wissen möchte, ob Max Mustermann ihr das Geld auch zurückzahlen wird. Deshalb gibt’s die Schufa. Dieses Unternehmen berechnet aus Daten, die ausschließlich die Kredithistorie des Kunden betreffen, einen Wert zu der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Verbraucher seine Kreditverpflichtung erfüllt. Ausgedrückt wird das in einer Zahl. Die Schufa erhält die Daten aus öffentlichen Verzeichnissen und von denjenigen ihrer rund 9.000 Vertragspartnern, bei denen Max Mustermann schon Kunde ist oder war.

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Schufa Score errechnet die Wahrscheinlichkeit der Zurückzahlung

Die Schufa berechnet aber nicht nur einen Score, sondern gleich mehrere. Denn für unterschiedliche Branchen werden unterschiedliche Berechnungsmethoden und Variablen genutzt, um die Aussagekraft jeweils zu optimieren. Dass es für einen einzelnen Verbraucher durchaus unterschiedliche Score-Werte geben kann, ergibt also durchaus einen Sinn. So kann zum Beispiel die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand einen Kredit zur Finanzierung eines Hauses zurückzahlen wird, zu einem anderen Score-Wert führen als die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Rechnung nach einer Bestellung im Versandhandel termingerecht bezahlt wird.

„Ein Score drückt die statistische Wahrscheinlichkeit aus, mit der ein Kredit ordnungsgemäß zurückbezahlt wird“, erklärt Ingo A. Koch, Sprecher der Schufa aus Wiesbaden. Die Berechnung erfolge dabei nach wissenschaftlichen und behördlich überprüften mathematisch-statistischen Verfahren. Wie das Ganze genau funktioniert, wollte mir der Schufa-Mann nicht verraten. „Das ist unser Geschäftsgeheimnis. Würden wir das offen legen, könnten uns andere Unternehmen kopieren. Zudem könnte versucht werden, Scores zu manipulieren.“ Anhand dieser Scores und weitergehender Kriterien entscheidet etwa die Bank – oder jeder andere Handelspartner – ob die Ware geliefert, die Leistung erbracht oder ein Vertrag abgeschlossen wird.

Manchmal kommt es hier zu kuriosen Situationen. Das ZDF hat vor einiger Zeit eine Oma einen Test machen lassen, die einen Kredit für eine Küche haben wollte. Bei etlichen Banken ist sie (wohl wegen ihres Alters) abgeblitzt. Im Baumarkt hat sie dann aber die 0-Prozent-Finanzierung für ihre neue Küche bekommen – finanziert durch die gleiche Bank, deren Beraterin ihr zuvor noch ein „Nein, geht leider nicht“ überbringen musste. Festzuhalten ist: Es ist nicht die Entscheidung der Schufa, ob man einen Kredit bekommt oder nicht – sondern alles liegt im Ermessen des Geschäftspartners. Und nicht einmal die Beraterin der Bank kann etwas dafür, sondern es ist die Geschäftspolitik ihres Unternehmens.

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Neukunden-Bonus – Verschlechtert das Sammeln von Girokonten den Score?

Aber, wie ist es denn nun: Macht es denn etwas aus, wenn ich mehr als ein Girokonto besitze? „Die Anzahl der Konten kann durchaus zur Berechnung des Score-Wertes herangezogen werden“, sagt mir Herr Koch auf meine Frage, verweist aber auch darauf, dass die Zahl der Girokonten allein zumeist kein Indikator für besonders gute oder schlechte Kreditwürdigkeit sei. Einzelne Informationen hätten keine oder nur eine sehr eingeschränkte Aussagekraft. Es kommt auf die statistische Relevanz und die Abhängigkeiten einzelner Daten (wie etwa auch das Alter der Girokonten) untereinander an. Das heißt, eine generelle Aussage zu den Auswirkungen eines weiteren Girokontos im Datenbestand auf die verschiedenen Schufa-Scores ist nicht möglich.

Was auch gut ist: Denn manche Menschen nutzen ja beispielsweise ganz gerne die Werbe-Aktionen der Banken clever aus. Sie nehmen hier 100 Euro Neukunden-Bonus mit oder sichern sich dort eine Aktivitätsprämie über 200 Euro – da kommt aufs Jahr gerechnet ganz schön etwas zusammen! Dass sich durch so ein Verhalten der Score-Wert verändert, ist zwar möglich, aber nicht zwingend der Fall. Wenn Marianne Mustermann allerdings in der Vergangenheit schon häufiger mal eine Rechnung bis zur vierten Mahnung ausgereizt hat, vier offene Kredite bei Sparkasse und Möbelhaus nur schleppend zurückzahlt, und nun auch noch ein weiteres Konto eröffnet, dann kann eben diese Konto-Eröffnung schon einen schlechten Einfluss auf die Werte haben. Das allein hat aber noch keine Folgen. Jeder Kredit, der bei der Schufa hinterlegt ist und zudem ordnungsgemäß bedient wird, belegt ja auch die Kreditwürdigkeit eines Menschen. „Wir speichern die tatsächliche Kredithistorie – also die Informationen anhand derer ablesbar ist, welche Kreditverpflichtungen jemand hat und wie er damit umgegangen ist. Daraus lässt sich eine statistische Prognose – der Score – berechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit der ordnungsgemäßen Rückzahlung einer weiteren Kreditverpflichtung ist“, erklärt Ingo A. Koch und fügt hinzu: „Entscheidend dafür ist die statistisch nachweisbare Korrelation der Merkmale und Ihrer Ausprägung im Datensatz eines Verbrauchers.“

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Für Schnäppchenjäger noch einen Tipp von mir: Alles ist irgendwann zuviel und das gilt auch bei der Schnäppchenjagd nach Bankkonten. Extrem-Kontoeröffner mit mehr als 30 Konten sind aber wohl ohnehin eher die Ausnahme. Guthabenkonten und Tagesgeldkonten werden der Schufa übrigens nicht gemeldet, da sie – anders als bei Girokonten mit Dispo – mit keiner Kreditoption verbunden sind. Wer sich so eine Prämie sichern kann, der geht garantiert kein Risiko ein. Und wer schon heute in Zahlungsschwierigkeiten ist, der sollte ohnehin auf weitere Kredite verzichten und sich beraten lassen, wie er seine Finanzen in den Griff bekommt.

Und wie schaut’s jetzt eigentlich mit meinen Daten aus, die die Schufa über mich gesammelt hat? Einmal im Jahr könne sich jeder bei der Schufa kostenfrei erkundigen, welche Angaben das Unternehmen über ihn oder sie gespeichert hat. Über das Portal meineSchufa.de kann man zudem seine Daten jederzeit einsehen, sich über Anfragen und Veränderungen informieren lassen oder Korrekturen veranlassen.

Schufa ermöglicht Spielraum für Händler

„Was die meisten nicht wissen: Zu mehr als 90 Prozent aller bei der Schufa gespeicherten Personen liegen ausschließlich positive Informationen vor. Wir tragen mit unseren Informationen dazu bei, dass Händler manche Bezahlverfahren, wie z.B. den Kauf auf Rechnung, überhaupt erst anbieten können oder Kreditinstitute günstigere Konditionen bereitstellen können“, erklärt Ingo A. Koch. Ja klar, denn Zahlungsausfälle müssen wieder verdient werden – auch durch höhere Preise, die dann zu Lasten der ordentlichen Zahler gingen. Wie die Schufa-Informationen in die Risikokalkulation der jeweiligen Unternehmen einfließen, entscheidet das Unternehmen für sich. Und genau darum geht es ja. Der Score-Wert fließt in die Risikobewertung der kreditgebenden Unternehmen (Bank, Mobilfunk-Unternehmen oder Versandhändler) mit ein. Anhand weiterer Kriterien legen diese fest, ob und zu welchen Konditionen sie ein Geschäft eingehen oder einen Kredit gewähren. Mag sein, dass ein Beamter mit sicherem Einkommen geliehenes Geld also zu einem besseren Zinssatz erhält als ein Selbstständiger mit stark schwankendem Einkommen.

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Scorewerte basierend auf Kredithistorie

„Das sind aber alles individuelle Entscheidungen des jeweiligen Unternehmens – und das hat dann nichts mehr mit der Schufa zu tun“, sagt deren Sprecher. Die Schufa speichert weder Beruf noch Einkommen. „Das ist auch nicht nötig, denn bei der Berechnung der Scorewerte kommt es auf die Kredithistorie an.“ Klingt einleuchtend, denn ebenso wenig wie ein hohes Einkommen bedeutet, dass jemand seinen Verpflichtungen auch tatsächlich nachkommt, bedeutet ein geringes Einkommen nicht, dass jemand dies nicht tut. „Wir wissen aus Untersuchungen, dass die Rückzahlungsquote von Konsumentenkrediten, die bei der Schufa gespeichert sind, seit vielen Jahren mit 97,5% auf konstant hohem Niveau liegt.“ Dies spricht wohl für die pflichtbewussten Verbraucher aber ebenso wohl auch für die sorgsame Kreditvergabe der Banken.

Andererseits fehlt mir persönlich dennoch jedes Verständnis für das Verhalten von Banken, die ihre Kunden teils schon seit vielen Jahren kennen – die also wissen, wie zuverlässig und treusorgend die meisten von uns sind – und die sich dann aber so wahnsinnig anstellen, wenn man mal einen 1000-Euro-Kredit aufnehmen möchte. Kann sein, dass manch ein Bank-Mitarbeiter behauptet, es läge an der Schufa – dabei sind die strengen Auflagen des eigenen Hauses meist die Wurzel allen Übels. Und das sollte man den Bank-Leuten auch deutlich zu spüren geben!