Eigentlich bin ich ja nicht so der Festival-Gänger. Diese ganzen Paparazzi und Fans.. ihr wisst schon ;-) Nichtsdestotrotz habe ich mich am vergangenen Wochenende mal unter einen Haufen Dreadlocks begeben. Das Ruhr Reggae Summer Festival lud zu einem sensationellen Wochenende ein. Bei weit über 30 Grad war die Stimmung super gechillt, und die vielfältigen Reggae-Künstler konnten über 12.000 Besucher drei Tage lang bestens unterhalten. Die Location ist seit neun Jahren die gleiche – aber was für eine! In – haltet euch fest – Mülheim an der Ruhr findet jährlich das Ruhr Reggae Festival statt. Auf dem Gelände mitten im Ruhrpott befindet sich ein Naturbad, das kostenlos benutzt werden kann, und gecampt wird an den Ruhrauen, zwischen Kühen und A40. Hier ein kleiner Einblick in mein sensationelles Wochenende beim Ruhr Reggae Summer.

Ruhr Reggae Summer 2015 – Festival mit Poollandschaft

Sturm und Regen haben viele Festivals vor zwei Wochen in den Brunnen fallen lassen. Letztes Wochenende kam die große Wiedergutmachung. Schon am Donnerstag reisten Reggae-Fans aus ganz Deutschland nach Mülheim – die Heimatstadt von Helge Schneider. Direkt ans Festivalgelände grenzen hier die Ruhrauen. Über 6000 Zelte standen hier unweit von fröhlich grasenden Kühen. Die Stimmung war ausgelassen, relaxed bis schweißnass. Kam hier überhaupt mal negative Stimmung auf, so lediglich während einer der etlichen „Flunkyball“-Meisterschaften, die an jeder Ecke ausgetragen wurden.

Von einigen Stammbesuchern habe ich mir sagen lassen, dass es in diesem Jahr wohl etwas ruhiger zuging auf dem Campingplatz… Grund dafür waren wohl die 30 Grad draußen und mindestens 120 Grad im Zelt, ab morgens 9 Uhr. Lange schlafen und auskatern – keine Chance! Dafür schleppte sich der gefühlte komplette Campingplatz am frühen Vormittag ins Naturbad. Das war der absolute Hammer! Auf dem Gelände des Mülheimer Ruhrstadions befindet sich nämlich ein Naturbad, das während des Festivals von den Besuchern kostenlos benutzt werden darf. Mehrere grünliche Naturpools sorgten für ordentlich Erfrischung am Wochenende. Und Erfrischung ist hier so zu verstehen, dass es absolut schweine-kalt war. Gut, ich bin ja auch nur karibische 25 Grad Wassertemperatur gewohnt, aber doch, es war schon ziemlich kühl. Nichtsdestotrotz konnte man sich hier den lieben langen Tag auf der Wiese entspannen, oder wahlweise beim „Bingolinchen“ mitmachen. Mit herausragendem körperlichen und geistigen Einsatz konnten Besucher originelle Gewinne absahnen. Bei einem Spiel mussten die Teilnehmer etwa einen Shot trinken bei jedem Mal, wenn das Wort „Roxanne“ im Song auftauchte – der war von The Police und hieß „Roxanne“. Gute 36 Mal in etwa wurden die Schluckspechte aufgefordert, wegzukippen. Gut, dass der Pool nicht allzu weit war :-)

Nach einem kurzen Plausch mit Marketing-Leiter Robert erzählte er mir von einem ziemlich krassen Wetteinsatz bei „Bingolinchen“ vor zwei Jahren. „Derjenige, der verliert, musste sich den Kopf des anderen auf den Arsch tätowieren lassen… und er hat es tatsächlich gemacht”, erzählt mir Robert. „Und der Typ hatte auch noch einen riesigen Afro – das Tattoo ist einfach mal mega lustig.”

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Die Orsons, Nosliw, Irie Rèvoltès – Grandiose Line-up beim Ruhr Reggae 2015

Richtung Nachmittag hatte sich die Mehrzahl der Besucher entweder bereits einen blasenträchtigen Sonnenbrand eingeholt, oder der Durst nach Getränken aus den eigens mitgebrachten, aber mittlerweile kochend-heißen Kühlboxen wurde zu groß. Nach ein paar semi-leckeren Bieren, einigen erfolgreichen und -losen Kämpfen mit Mörder-Wespen und einem, zwei oder auch drei selbstgedrehten Zigaretten mit grünlichem Vitamin ging es für die Mehrzahl der Besucher Richtung Mainstage. Schon ab 14, 15 Uhr startete hier das tägliche Programm, doch erst in den Abendstunden krochen auch die letzten Dreadlocks aus ihren Zelten. Was das Line-up angeht, haben sich die Veranstalter, wie schon in den letzten Jahren, nicht lumpen lassen. Mainstream – Fehlanzeige! Die meisten Acts sind nur in bestimmten Kreisen ein Begriff, oder kommen aus dem befreundeten Hip-Hop Kreis. Nichtsdestotrotz schafften es die individuellen Künstler, das Publikum mitzureißen und eine neue Fanbase zu schaffen.

Eines der großen Highlights des Ruhr Reggae Summer 2015: Die Orsons. Die Stuttgarter Jungs schwirrten vor ein paar Jahren mal kurz im TV herum, als sie beim Bundesvision Song Contest 2012 ihren Song „Horst & Monika“ aufführten. Seitdem haben sich die Hip-Hopper eine nicht allzu kleine Fangemeinde Deutschlandweit aufbauen können. Am Freitagabend rockten sie die Bühne, wie kaum eine andere Band am Wochenende. „Es war sehr sehr geil. Das Publikum war grandios”, sagten die Orsons nach ihrem Auftritt. „Eigentlich kommen wir ja aus dem Hip Hop, aber insgeheim sind wir eine Reggae-Band.”

Gleich im Anschluss an Die Orsons legte der 67-jährige Jimmy Cliff seine jamaikanischen Beats auf. Hartgesottene Reggae-Fans standen bereits in der ersten Reihe, doch als Jimmy seinen Song „I can see clearly now the rain is gone“ anstimmte, war auch der Rest des Publikum lautstark mit dabei. Weitere Highlights waren etwa „Groundation“ mit ihrem souligen Reggae-Sound, Stammgast Nosliw, aber auch – die haben mich wirklich von den Socken gehauen – die deutsch-französische Band „Irie Rèvoltès“. Etwas politisch angehaucht, so ist das bei Reggae nun mal, und es ist auch gut so, hatten sie das Publikum zwei Stunden in ihrer Macht. Es wurde gesprungen, mitgesungen und einfach nur Spaß gehabt. Selbstverständlich habe ich mich auch unters Reggae-Volk begeben und so einige Dancemoves abgeliefert :-)

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Nosliw rockte die Bühne / Foto: facebook.com/reggaesummer

Party bis spät in die Nacht – Kurzurlaub in „Vibesstadt“

Bis 1 Uhr spielten die Band auf der Hauptbühne, danach wurde die Nacht zum Tag gemacht. Auf dem Freibadgelände wurde ein Zelt aufgebaut, in dem bis in die allerfrühsten Morgenstunden heiße Beats aus Hip Hop, Dance und Reggae aufgefahren wurden. Quer über das Schwimmbad gab es einen kleinen großen Strandbereich namens „Dubstage“, wo es mehr Richtung Trance, Dupstep tendierte, gekrönt mit minütlichen Feuerfontänen. Vor 4 Uhr war hier tatsächlich keiner im Bett.

Friedliches Festival unter Freunden

„Wir sind absolut zufrieden“, sagte mir Marketing-Leiter Robert in einem kurzen Plausch zwischen Bierpong und Turmspringen. „Die Leute waren sehr gut drauf, und es herrschte ein entspanntes Feeling unter den Besuchern, aber auch in der Crew und bei unseren Partnern von Polizei und DRK.“ Tatsache! Das will ich hier mal betonen, egal wo man hinging, die Mitarbeiter waren super freundlich, und auch bei der Ganzkörper-Untersuchung sehr sensibel :-) „Für Donnerstag hatten wir sogar extra einen Entertainer engagiert, der die Leute beim Schlange stehen etwas unterhalten sollte. Mit gefühlten 100kg Gepäck kann die Stimmung da schnell mal kippen, wenn man an der Kasse anstehen muss, dafür hatten wir aber unseren Samba, der da ein bisschen musiziert hat, Späße gerissen hat – das war schon ziemlich cool.”

Wichtig sei es den Veranstaltern, dass ein vielfältiges Programm angeboten werde, damit sich viele und verschiedene Leute angesprochen fühlen. „Wir haben hier Familien mit kleinen Kindern, ältere Leute, Schüler, Afrikaner, Jamaikaner”, sagt Robert. „Hier kommen alle zusammen.” Auch die Polizei sowie das DRK gaben positive Rückmeldung. Vorkommnisse gab es keine. Mal ein bisschen Alkohol, ein paar Drogen, das größte Übel aber waren die Wespen. „Wespenstiche hatten wir dieses Jahr im Angebot”, sagt DRK-Einsatzleiter Martin Meier. „Ansonsten war es eine sehr friedliche und nette Veranstaltung, wie jedes Jahr.

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Foto: facebook.com/reggaesummer

Festival-Grauen: Toiletten- und Duschensituation perfekt gelöst

Kritik hagelte es in den letzten Jahren vermehrt bezüglich der Toilettensituation. In diesem Jahr haben die Veranstalter aber gut nachgerüstet. Auf den Campingplätzen standen Dutzende Toiletten für Männlein und Weiblein bereit. Außer zu den Stoßzeiten, wo alle plötzlich großes Interesse an ihrer körperlichen Hygiene vorgaukelten, kam es nur selten zu Wartezeiten. „Wir haben mehr Toiletten auf dem Campingplatz aufgestellt, damit es für die Besucher angenehmer ist“, erklärt Robert vom Ruhr Reggae Team. Und wir sprechen hier nicht von irgendwelchen muffigen Dixi-Klos, nichts da… auf dem Gelände gab es lediglich Toiletten aus echtem Porzellan. Duschen gab es auf dem Freibadgelände – nicht sonderlich auf 12.000 Besucher gerechnet, also Wartezeit musste definitiv eingeplant werden, aber Duschen wird doch sowieso überbewertet auf einem Festival :-)

Unzufrieden zeigten sich in diesem Jahr jedoch einige Besucher vom Caravan-Campingplatz. Dieser lag nämlich einmal über die Brücke, also ein gut fünfzehn- bis zwanzigminütiger Weg bis zur Bühne. Der Kritik nehmen sich die Veranstalter sofort an. „Wir sind uns dessen bewusst und versuchen es irgendwie zu realisieren”, sagt mir Robert. „Wir werden uns da mal einige Gedanken machen und fürs nächste Jahr gucken.”

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„Die schönste Festivallocation” im neunten Jahr

Zum neunten Mal fand das Ruhr Reggae Festival in diesem Jahr statt. 2007 haben die Veranstalter das Ruhr Reggae Festival erstmals gestartet, direkt mit Mülheim als Standort. „Wir haben davor schon einige kleinere Sachen im Naturbad veranstaltet und kannten daher die Location“, erklärt mir Reggae-Organisator Mattia Rübenstrunk. „Mülheim bietet mit dem Naturbad eine super Location. Hier gibt es den Strand, man kann schwimmen, und die Campingflächen eignen sich auch hervorragend.“ Die Zahlen sprechen für sich. Seit anfänglichen 6000 Besuchern im Startjahr, pendeln sich die Besucheranstürme auf jährlich mindestens 12.000 ein. Der Grund ist für Mattia klar: „Ich finde, dieses Gelände hier in Mülheim ist die schönste Festivallocation, die Deutschland zu bieten hat.“ Seit drei Jahren findet ein zweiter Ruhr Reggae Summer in Dortmund im Revierpark Wischlingen statt. Die Nachfrage ist auch dort groß. Viel weiter wachsen kann das Festival nicht mehr – will es aber auch gar nicht. „Es können noch ein paar Tausend Leute mehr werden, aber unsere Kapazität ist limitiert, und daran werden wir uns halten.” Gerade die Größe dieses Festival ist das Besondere. Es ist nicht zu krass überlaufen, Dumpfbacken, die irgendwie andere Dinge im Kopf haben, gibt es kaum. Es ist noch ein bisschen familiär, selbst Hintern an Hintern bei 30 Grad im Freibad war bei den Leuten hier gar kein Problem.

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„Flucht aus dem Alltag” – Ruhr Reggae Summer bleibt sich treu

„Das Ruhr Reggae soll eine Mischung aus Festival sein, und etwas ganz besonderem, was es bei keinem anderen Festival gibt”, sagt Marketing-Leiter Robert in love. „Für viele ist das hier wie eine Flucht aus dem Alltag, wie ein Kurzurlaub in der Karibik.” Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Mich hat das Ruhr Reggae Festival absolut begeistert. Gut, das Wetter war auch sensationell und das Freibad war meine Oase in der Wüste – aber darüber hinaus habe ich nur coole Leute getroffen. Keiner war auf Streit aus, keiner hat den anderen aufgrund seiner Hautfarbe, seines Aussehens oder seines Geruches – und glaubt mir, da habe ich echt so einiges ganz schlimmes gerochen – verurteilt. Irgendwie war die Welt hier in Ordnung, das Leben war schön… ganz dem Motto: Love, Peace, Music!