Ein ehemaliges Nazi-Areal wird zum Erholungsort. Prora, das riesige Gelände direkt am Strand soll hip und beliebt werden. Kann man die Nazi-Vergangenheit aber überhaupt abschütteln?

In unmittelbarer Strandnähe erhebt sich der monströse, massive Bau. Ungefähr 4,5 Kilometer zieht er sich entlang der Küste. Von Schönheit keine Spur, im Gegenteil, Verfall und die Farbe Grau dominieren das Bild. Bei dem Bauwerk handelt es sich um ein geplantes Urlaubsdomizil aus der Zeit der Nazis. Das trostlose Bild passt irgendwie so gar nicht zu seinem Standort. Denn wir befinden uns auf Rügen, einer der schönsten, bekanntesten und auch beliebtesten Urlaubsinseln Deutschlands. Wie ein gigantisches Monument tut sich der schier endlose Bau im Binzer Ortsteil Prora direkt hinter dem Strand auf. Doch was macht diesen hässlichen Bau so besonders?

Prora Aerial 03

Die bewegte Geschichte des Nazi-Areals auf Rügen

Zunächst nochmal ein Blick zurück: Baustart ist im Jahr 1936, das Kraft durch Freude-Areal soll ein weiteres Kapitel der größenwahnsinnigen Bauvorhaben der Nazis werden. 20.000 Menschen sollen hier ihren Urlaub verbringen können, die Bedingungen dafür sind allerdings genauso widerlich wie die sonstigen Machenschaften dieses Regimes. So sollen nur „reinrassige Deutsche“ ihren Urlaub auf Rügen verbringen dürfen, die Zimmer werden mit 2,5 mal 5 Meter nicht gerade großzügig geplant und die Anlage – natürlich – mit Lautsprechern und Aufmarschplatz ausgestattet. Doch fertig wird das Projekt nie. Der Zweite Weltkrieg beginnt und macht einen Strich durch die Baupläne.

Das halbfertige Gebäude wird später als Kaserne der DDR verwendet. Auch nach der Wende dienen die Häuser zwei Jahre lang als Kaserne der Bundeswehr, sind ab 1993 jedoch wieder öffentlich begehbar. Ein Jahr später wird der Bau unter Denkmalschutz gestellt.

Starker Verfall und Vandalismus setzen dem Gebäude extrem zu. Dennoch werden 1995 einige Museen im Block 3 eröffnet, über die Geschichte von Rügen, eine Ausstellung zur ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR, aber auch über den Nazi-Ursprung hinter dem Gebäude. Zehn Jahre lang zieht die „Museumsmeile Prora“ mal mehr mal weniger Besucher in den ehemaligen Nazi-Bau. Bis dann die ganz großen Pläne wieder aus der Schublade geholt werden. Warum sollte man ein so riesiges Gebäude in einer derartigen top Location einfach verkommen lassen? Die Blöcke werden zum Verkauf angeboten und Investoren schlagen direkt zu.

Luxusresort aus Nazi-Gebäude – Große Pläne, großer Protest

Es dauert nicht lange bis detaillierte Pläne für das graue und geschichtsgeschundene Gebäude an die Öffentlichkeit kommen. Der Investor Inselbogen GmbH kündigt etwa an, eine riesige Hotelanlagen bauen zu wollen. Den Museen wird kurzerhand gekündigt. Bitte keine offensichtliche Erinnerung an die Nazi-Vergangenheit! Proteste sind die Folge. Es wrd kritisiert, dass die tragische Geschichte bei den Bauvorhaben völlig ignoriert würde, und mit den neuen Hotels quasi die Baupläne der Nazis lediglich fortgesetzt würden. In der Tat wird die Vergangenheit des Gebäudes auf den Seiten der Investoren kaum bis gar nicht behandelt.

Noch bevor die aufwändigen Luxusapartments angesetzt werden, eröffnet bereits 2011 eine Jugendherberge in Block 5. Viel verändert wird vom ursprünglichen Bau nicht. Restauriert ein wenig, dennoch bleibt die Unterkunft – wie bei einer Jugendherberge üblich – relativ karg. Neben Block 5 wird noch ein Campingplatz gesetzt, ein Hochseilgarten und ein Dokumentationszentrum, womit auch viele Kritiker erstmal zum Schweigen gebracht werden können. Hier wird die Geschichte zum Bau erzählt, alte Bilder und Pläne gezeigt, sowie politische Hintergründe angesprochen.

Rügen Prora Jugendherberge
Ein Teil von Block 5 dient heute als Jugendherberge. Foto: tripadvisor

Luxuriöse Apartments in einstigem Nazi-Bau zum Verkauf

Zehn Jahre nach dem Verkauf der Nazi-Blöcke stehen die ersten Räumlichkeiten nun kurz vor ihrer Fertigstellung. Die Berliner Firma Metropole Marketing GmbH hat sich für ihren Block 2 so einiges einfallen lassen. Die Wohnungen sind nämlich keine einfachen Domizile, wie es einst die Nazis planten. Nein, hier trifft purer Luxus auf bedeutsame Geschichte. Die Nachfragen für den Kauf dieser frisch renovierten Apartments ist groß.

Block 2 besteht etwa aus zehn zusammenhängenden Häusern, die allesamt einen etwas anderen Charakter erhalten. Das größte Vorhaben gibt es in Haus 7. In der „Düne 7“ gibt es ganze 14 unterschiedlich große Ferienwohnungen, dazu gehört auch das größte Penthouse Rügens, die „Family and Friends Suite“. Das Apartment ist mit einer Sauna ausgestattet und umfasst eine Fläche von 350m². Die Preise für die exklusiven Wohnungen belaufen sich auf zwischen 250.000 Euro und 1,9 Millionen Euro. Zehn Apartments wurden bereits verkauft.

Neben Haus 7 werden auch noch sechs weitere Häuser in Block 2 von dem bestrebten Investor zu schicken Wohnungen umgebaut. So entsteht in den Häusern 8, 9 und 10 das 5 Sterne-Ferienresort „Prora Solitaire Hotel | Apartments & Spa“. Das Resort besteht aus etwa 130 Ferienwohnungen unterschiedlicher Größe – sie sollen an Kapitalanleger verkauft und dann vorrangig an Touristen weitervermietet werden. Die ersten 48 Wohnungen sollen bereits im Oktober fertiggestellt werden und buchbar sein. Habt ihr Interesse an einer Nacht im ehemaligen Nazi-Gebäude, könnt ihr auf der Internetseite des Prora Solitaire Hotel Apartments & Spa Kontakt aufnehmen.

Wellness & Spa im ehemaligen Nazibau

Neben den Apartments entsteht auf dem Gelände ebenfalls ein 1000m² großer Spa-Bereich mit Hallenbad und Wellness! Entspannung und Wohlfühlfaktor im ehemaligen Nazibau :-) Im Erdgeschoss der Gebäude ziehen bald ebenfalls diverse Shops und Gastronomie-Betriebe ein – ein Bäcker mit Café hat bereits eröffnet.

Ein paar Impressionen von der Geschichte, der aktuellen Baustelle und der geplanten Nutzung gibt es hier im Video:

Was haltet ihr von der Luxus-Renovierung des ehemaligen Nazi-Gebäudes? Mal etwas anderes oder nicht in Ordnung?