Ich habe ein tolles Projekt entdeckt, das ich euch unbedingt vorstellen möchte, denn hier seht ihr, wie Integration richtig funktioniert. Aber lest selbst!

Prime Location, mitten in Berlin, da hat er eine richtig geile Wohnung. Von morgens bis abends ist er auf Achse, mehrmals in der Woche ehrenamtlich beim Roten Kreuz, mit Freunden unterwegs, Kaffee, Eis, am See relaxen. Er will mal mit alten Menschen arbeiten, am liebsten eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen – das ist sein größter Wunsch – alles andere ist perfekt.

Bakary ist 39, kommt ursprünglich aus Mali und ist einer von über einer halben Millionen Flüchtlingen bei uns in Deutschland. Das letzte halbe Jahr hat er bei Mareike und Jonas gelebt. In einem freien Zimmer, wie eine WG halt – nicht mehr, nicht weniger. „Es war spitzenmäßig, wir haben uns super gut verstanden.“ Mareike wollte irgendwas tun, irgendwie helfen, mal einem Flüchtling ein ganz normales Leben ermöglichen. Erst in den eigenen vier Wänden, jetzt in ganz Deutschland. Das Projekt Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt Flüchtlinge an Privathaushalte, die ein freies Zimmer zur Verfügung stellen und jemanden aufnehmen wollen. 1200 Menschen sind in der Datenbank – 61 Flüchtlinge konnten schon vermittelt werden. „Wir haben sogar ein homosexuelles Ehepaar, die einen Schwulen aus Bangladesch aufgenommen haben.“

Ein Bericht über das unpolitischste und integrativste Projekt Deutschlands und einem Flüchtling, der so überhaupt gar nicht dem typischen Klischee entspricht.

„Flüchtlinge kann man nicht pauschalisieren“ – Projekt „Flüchtlinge willkommen“ begann mit dem Wunsch zu helfen

Mit einem Touristenvisum ist Bakary damals von Mali nach Frankreich gekommen. Er war Goldschmied, hatte gerade seine Ausbildung beendet und wollte die Welt erobern, wie man das halt will mit 20 Jahren – oder zumindest ein bisschen Geld verdienen für sich und seine Familie. Doch welche Jobaussichten hat man in einem Land, in dem 64% der Menschen in Armut leben, 35% in extremer Armut, welche Zukunftsperspektiven hat man? Die ganze Familie sparte für das Ticket nach Europa. In Frankreich angekommen, machte Bakary illegale Jobs. Von da ging er weiter nach Italien. Irgendwann erhielt er eine offizielle Arbeitsgenehmigung. Als Techniker fand er einen Job. Er lernte eine Frau kennen – auch aus Mali, sie bekamen ein Kind. Es war gut, sein Leben war gut – er konnte seine Familie Zuhause unterstützen, verstand sich mit den Italienern. 13 Jahre lebte er in Italien.

Dann kam die Wirtschaftskrise. Ein Wort, das uns Deutschen schon längst aus den Ohren hängt – für andere Menschen bedeutet es den Verlust der eigenen Existenz. Bakary wurde arbeitslos. Seine Frau ging mit dem Kind zurück nach Mali – wo sollten sie sonst hin? Auf der Straße schlafen? Bakarys Bruder lebte aber noch in Italien, da konnte er erst einmal wohnen, für einige Monate, bevor er gehen musste. Bakary landete dann auf der Straße. Obdachlos – so schnell kann es gehen. Bakary schlief in Parks, auf der Straße. Bekam hier und da mal etwas zu essen. Trinken tut er nicht, kein Alkohol, er ist Muslim. Ende 2013 kam er nach Deutschland – hier sollte es bessere Chancen geben, vielleicht ein neues Leben – irgendein Leben. Bakary landete auf dem Alexanderplatz. Prime Location. Er schlief in den Ecken mit den anderen Obdachlosen. Er war jetzt einer von ihnen. Für viele ist der Alexanderplatz ihr Leben, ihr Zuhause. Hilfe will man nicht annehmen. Bakary schon. Sozialarbeiter zeigten ihm die Caritas Obdachlosenunterkunft. Da könnte man schlafen, in einem kleinen Bett, ab 20 Uhr darf man rein, morgens um 7 Uhr muss man raus sein. Perfekt. Tagsüber war Bakary ohnehin viel unterwegs. Er begann ehrenamtlich zu arbeiten, schrieb sich in einen Deutschkurs ein. Genau da lernte er Svenja kennen – die junge Frau engagiert sich gerne für Flüchtlinge, bringt ihnen deutsch bei – gibt ihnen eine Chance, Integration zu leben.

„Svenja ist eine gute Freundin von uns“, erzählt Mareike, Initiatorin von „Flüchtlinge Willkommen“. „Wir erzählten ihr von unserem Wunsch, wir haben ein Zimmer frei und würden gerne jemanden bei uns aufnehmen, einfach ein bisschen helfen.“ Svenja dachte sofort an Bakary. „Jeder mag ihn, weil er einfach so ein cooler Typ ist.“ Bakary fand die Idee super – man soll zwar nicht zu viele Erwartungen haben, aber das hörte sich doch echt cool an. Jonas, Mareikes Freund, traf sich mit Bakary. „Wir haben uns sofort super verstanden, und beide Seiten haben zugestimmt, dass wir das mal probieren, dass er bei uns einzieht.“ Um die Kosten zu decken für die Miete, Essen und so, fragten Mareike und Jonas in ihrem Freundeskreis, ob sich jemand mit ein paar Euro beteiligen möchte. „Ein Freund startete einen Spendenaufruf über Crowd-Funding und es kam echt einiges zusammen, genug, dass Bakarys Kosten komplett gedeckt waren.“

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Große Hilfsbereitschaft – Über 1200 Deutsche bieten ein Zimmer an, 61 Flüchtlinge wurden vermittelt

Sechs Monate blieb Bakary bei Mareike und Jonas. Aus Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit wurde gute Freundschaft. „Er besuchte Deutschkurse, machte Berufsvorbereitungskurse, arbeitete ehrenamtlich beim Roten Kreuz – Er war immer unterwegs“, erzählt Mareike. „Manchmal haben wir uns mehrere Tage nicht gesehen, weil wir uns immer verpasst haben. Viele Leute meinen, dass Flüchtlinge den ganzen Tag zuhause sitzen und nichts tun. Aber die meisten sind super aktiv, versuchen Arbeit zu finden, sich nützlich zu machen, sich zu integrieren.“ Natürlich fühle es sich anders an, bestätigt Mareike. „Jemanden aus einem ganz anderen Land bei sich in der Wohnung haben, ist schon etwas anderes. Aber wir sind niemals aneinandergestoßen wegen irgendwelchen kulturellen Differenzen oder so. Ganz im Gegenteil. Wenn wir in eine Bar gegangen sind, hat er halt ein Wasser getrunken. Und Bakary ist wahnsinnig sauber. Er hat jeden Tag gespült, obwohl wir eine Spülmaschine haben. Er hat gesagt, dass die nicht so sauber mache, wie er. Häufig hat er uns mit einem tollen Abendessen überrascht. Er hat viel vegetarisch gekocht und auch sehr viel westafrikanische Gerichte, das war grandios.“

 

Viel Zustimmung haben Mareike und Jonas für ihr Engagement bekommen, für diese einfache und doch so effektive Idee. „Es gibt viele Menschen in Deutschland, die helfen wollen, doch wie und was, wissen die meisten einfach nicht. Deswegen haben wir mit „Flüchtlinge Willkommen“ gestartet. Und, ja, es ist ziemlich gut aufgenommen worden.“ 1200 Menschen haben sich schon auf der Seite angemeldet – unter ihnen sind PR-Berater, Tischler und viele Studenten, alle zwischen 21 und 65 Jahre alt. „Und insgesamt konnten wir schon 61 Menschen vermitteln, und es werden immer mehr.“ Kriterien gibt es nur wenige, um mitzumachen. „Welches Alter, Geschlecht, Beruf… das spielt alles keine Rolle. Wir möchten aber, dass der geflüchtete Mensch unter den gleichen Bedingungen lebt wie die anderen Mitbewohner. Aus diesem Grund vermitteln wir nur, wenn der geflüchtete Mensch ein eigenes Zimmer zur Verfügung hat. Auch sollte eine Kommunikationsbasis geschaffen sein, man sollte sich auf mindestens einer Sprache unterhalten können. Und die Vermittlung soll für mindestens drei Monate sein. “ Das Wichtigste aber, bei weitem: „Man muss sich sympathisch sein – beide Seiten müssen einverstanden sein.“

#flüchtlingewillkommen auf der #republica #rp15 in #Berlin morgen!

Ein von Flüchtlinge Willkommen (@fluechtlinge_willkommen) gepostetes Foto am 6. Mai 2015 um 5:32 Uhr

Mitmachen – So könnt ihr euch bei „Flüchtlinge Willkommen“ anmelden

Bis ein Flüchtling tatsächlich vermittelt wird, vergeht einige Zeit, denn man wolle sichergehen, dass es funktioniert und beide Seiten glücklich sind. Anmelden kann sich jeder, der ein freies Zimmer zur Verfügung hat. „Nach der Anmeldung wird die Person dann von uns kontaktiert und wir besprechen ein paar persönliche Dinge, also Hobbys, Erwartungen, aber auch, ob man sich schon über eine Finanzierung informiert hat.“ Am Geld habe es aber nie gehapert. „Inwieweit der Flüchtling vom Staat unterstützt wird, liegt an seinem Aufenthaltsstatus. Ist er in Deutschland anerkannt, dann bezahlt das Jobcenter. Bei dem Status ‚Duldung‘ organisiert jedes Bundesland das unterschiedlich. In dem einen darf man nur im Heim leben, in einem anderen bekommt der Flüchtling finanzielle Unterstützung. Ist der Flüchtling illegal hier, also hat keine Papiere, dann bekommt er keine Unterstützung, aber das bekommen wir dann mit Spenden und Crowd-Funding problemlos hin.“ Auch wenn die Flüchtlinge womöglich vom Staat Leistungen bekommen, haben die meisten dennoch kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt. Und auch illegale Flüchtlinge vermitteln Mareike und ihr Team. „Vor allem für illegale Einwanderer ist es sehr wichtig, hier Anschluss zu finden, mal für kurze Zeit einen festen Wohnort zu haben. Wir machen da keine Unterschiede. Keiner flüchtet ohne Grund. Jeder hat das Recht auf ein besseres Leben. Deswegen helfen wir.“

Nach der Anmeldung und kurzem Hin und Her zwischen der Organisation und der Privatperson wird nach einem passenden „Match“ gesucht. „Das Alter sollte in etwa übereinstimmen, ähnliche Hobbys, Personality – darauf wird auch geachtet.“ Seit Januar können sich Flüchtlinge auch selbst anmelden, „aber hauptsächlich läuft das über verschiedene Organisationen, AWO, Caritas. Die arbeiten mit den Flüchtlingen und schlagen uns dann einige vor.“ Es wird immer nur eine Person vorgeschlagen – das soll kein Casting werden. „Wenn wir glauben, dass wir ein gutes Match haben, dann treffen sich die Leute zusammen mit einem Paten. Das ist dann eigentlich ganz normal, wie als wenn man sich für eine WG interessiert“, erzählt Mareike. Man spreche über WG-Leben, Interessen, Kochkünste… „Wenn’s nicht funkt, dann lassen wir es, das ist ganz wichtig, ansonsten wird es hinterher viel zu kompliziert. Deswegen ist das Kennenlernen auch ein sehr wichtiger Part.“ Im letzten Moment zurückgezogen wurde auch schon einmal. „Das war ein junges Mädchen. Wir fanden auch einen guten Match, die beiden lernten sich kennen und es sah ganz gut aus. Dann fragte sie aber immer wieder nach neuen Infos, wollte mehr Unterstützung bekommen“, erzählt Mareike. „Da haben wir es dann besser gelassen. Das ist natürlich eine doofe Situation. Aber sie hatte halt Schiss vor der Verantwortung, war wohl überfordert und hatte auch gewisse Vorbehalte.“

Homosexuelles Ehepaar nimmt Schwulen aus Bangladesch auf

Aber 61 Mal ist alles super gelaufen. Eine von vielen besonderes Storys ist die eines älteren homosexuellen Paares. „Ja, wir haben sogar eine homosexuelle WG gegründet. Es hat sich ein schwules Pärchen bei uns gemeldet, und sie haben gesagt, dass sie sehr gerne auch einen Homosexuellen bei sich aufnehmen. Tatsächlich hatten wir einen jungen Mann aus Bangladesch, den wir dahin vermitteln konnten“, sagt Mareike, „und es läuft super.“

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Bakary aus Mali – Flüchtling, Ehrenamtler, guter Freund

Bakary ist Mitte Mai ausgezogen. Er hat eine Wohnung gefunden, mitten in Berlin – klein, aber seine eigene Wohnung. Regelmäßig haben die Drei Kontakt, gehen was trinken, kochen, hängen einfach ab. „Er ist mittlerweile zu einem richtig guten Freund geworden. Wir sehen ihn nicht als Flüchtling. Er hat viele Pläne, er wollte immer arbeiten und hoffentlich klappt das bald.“

Das Bild, das wir von Flüchtlingen haben, ist zumeist recht einseitig. Alle entfliehen dem Krieg, haben Kinder verloren, Eltern, haben Mord und Totschlag gesehen und haben viel Geld an irgendeine Schlepper-Bande gezahlt, um sie nach Europa zu bringen. „Natürlich gibt es auch solche Menschen, die das wirklich miterlebt haben, aber es gibt viele Flüchtlinge, die schon seit Jahren hier sind“, sagt Mareike. „Wir glauben immer, dass alle Flüchtlinge traumatisiert sind, dass sie Leichenberge und zerbombte Städte gesehen haben… aber das ist nicht so.“ Und trotzdem brauchen die Menschen Hilfe. Nicht nur, um ein Leben aufzubauen, fernab der Heimat, fernab von Familie und Fürsorge, sondern auch um sich zu integrieren, um überhaupt die Chance zu haben, sich zu integrieren außerhalb einer Massenunterkunft. „Wir sind von der Hilfsbereitschaft der Menschen überwältigt. Überall wollen Menschen die Idee in ihrem Land umsetzen und Flüchtlinge Zuhause aufnehmen“, sagt Mareike von „Flüchtlinge Willkommen“. Selbst in den USA und in Australien hat das Projekt Anhänger gefunden. „Es ist Zeit für eine neue Willkommenskultur!“ Ich finde auch. Und ihr?