Ich finde längere Aufenthalte an Flughäfen ja ganz cool. Man kann Leute ausspionieren, sich endlos viele Proben in den Duty-Free-Shops holen und die Nerven des Servicepersonals testen :-) Alles ganz witzig, solang der Transit-Aufenthalt jetzt nicht länger als 5 Stunden dauert. Spätestens nach dem dritten Meal bei McDonald´s, und dem sechsten Erfrischungsduft von Armani reicht es nämlich auch langsam. Na, zumindest mir. Doch wie ich grade herausfinden musste, gibt es wohl Menschen, die tatsächlich unkaputtbar sind. Kennt ihr den Film „The Terminal“ mit Tom Hanks? Die Story beruht auf der wahren Geschichte eines Mannes, der 18 Jahre am Flughafen lebte, und das 24/7! Das zu glauben, fällt nicht besonders leicht, doch es gibt tatsächlich Nachweise von knapp einem Dutzend Menschen, die zwischen 2 Wochen und 18 Jahren am Flughafen gelebt haben. Diese unglaublichen Storys habe ich für euch mal ein wenig näher recherchiert und 6 Geschichten herausgesucht, die zum Teil absolut unglaublich sind, manchmal ziemlich emotional, häufig aber auch einfach nur bescheuert bzw. zum Kopfschütteln sind. Hier die Top 6 der Menschen, die am längsten in einem Flughafen lebten.

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18 Jahre am Flughafen: Merhan Karimi Nasseri hält den Weltrekord

Die besten Geschichten schreibt das Leben – davon bin ich absolut überzeugt. So zeigt es auch die Story von dem Iraner Merhan Karimi Nasseri, auf dessen ungewöhnliche Erfahrung der Hollywoodfilm „The Terminal“ basiert. 1977, im Alter von 35, wird Merhan aus seinem Heimatland ausgewiesen. Grund dafür: Er protestierte gegen den Iranischen Schah, den Herrscher. In Belgien wurde er als Flüchtling aufgenommen, und bekam das Recht, europaweit zu reisen und leben. Aus bislang ungeklärten Umständen verlor Merhan auf dem Weg nach Großbritannien, wo er sich 1988 niederlassen wollte, seine Papiere. Die britischen Behörden zögerten nicht lange und schickten ihn auf sofortigem Wege zurück an seinen Abflugort, in diesem Falle Paris Charles de Gaulle. Doch auch die Franzosen lehnten seine Anreise ab – no papers, no entry! Da Merhan weder nach Frankreich einreisen durfte, noch in irgendein anderes Land, war er gezwungen, am Pariser Flughafen zu bleiben – von August 1988 bis Juli 2006.

Terminal 1 wurde sein neues Zuhause, eine rote Couch mitten in der Flughafenhalle sein Schlaf- und Wohnzimmer. Es kursieren etliche Geschichten darüber, was Merhan in den 18 Jahren am Flughafen alles anstellte. Inwieweit er tatsächlich bei der Errichtung eines neuen Terminals involviert war, und mit den Flughafenmitarbeitern Geschäfte machte, bleibt wohl Hollywood’s Mysterie. Klar ist aber, dass Steven Spielberg dem Iraner eine nicht allzu geringe Summe für seine Story anbot – von 250.000$ ist die Rede.

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Nach einigen Jahren, heißt es in verschiedenen Meldungen, bot ihm die französische Behörde sogar einen neuen Pass an, den er jedoch mit der Begründung ablehnte, dass er auf dem De-Gaulle-Flughafen sein neues Zuhause gefunden habe, und lieber auf richtige Dokumente warte. 2006 wurde Mehran dann in ein Krankenhaus eingewiesen – und verließ somit nach 18 Jahren zum ersten Mal den Flughafen. Im Anschluss daran lebte er eine Zeit lang in Hotels vom Roten Kreuz und zog später offiziell nach Paris. Wie der 73-Jährige heute lebt, darüber gibt es keine Informationen.

Deutsche seit über 13 Jahren am Flughafen von Mallorca

Drei Koffer, eine Decke, dutzende Bücher und ein Fellknäuel, der neunjährige Kater Mumus – das ist alles, was Bettina besitzt. Die heute 55-jährige Süddeutsche wollte sich ein neues Leben auf Mallorca aufbauen, ihre Beziehung war gescheitert, ihren Job hatte sie verloren, die spanische Insel sollte alles ändern. Doch dann verlor sie ihre Papiere. Bettina konnte keinen richtigen Job ausüben und nach einiger Zeit fielen auch die Hilfsjobs in der Gastronomie weg. Immer wieder schlief sie für einige Nächte am Flughafen, seit 13 Jahren lebt sie nun am Flughafen von Palma de Mallorca.

Die „Katzenfrau“ wird sie genannt. Die Flughafenmitarbeiter mögen sie. Sie bettele nicht und würde niemanden stören. Zweimal in der Woche wird sie von einer Angestellten mit Essen versorgt, finanzielle Unterstützung bekommt sie von einem Bekannten. Auch die Verwalter des Flughafens drücken ein Auge zu – als öffentliches Gebäude sei es ihr erlaubt, die Einrichtungen zu benutzen, sich in der Toilette zu waschen und ihre Kleidung zu säubern. Jemals zurück nach Deutschland zu gehen, kann sich Bettina nicht vorstellen. Der Flughafen ist ihr neues Zuhause geworden – und sie und Kater Mumus zum Maskottchen des Aeropuerto.

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Jaime Reina / AFP

Verfolgt und gestrandet: Mutter mit 2 Kindern lebt 318 Tage in russischem Flughafen

Nicht an jedem Flughafen werden Gestrandete jedoch so verständnisvoll und freundlich behandelt wie in Paris oder Spanien. In einem sehr emotionalen Video wandte sich im Jahr 2006 eine Mutter an die Öffentlichkeit, die mit ihren zwei Kindern im russischen Sheremetyevo International Airport festsaß. „Wir können nirgendwo schlafen, uns nirgendwo ausruhen, nirgendwo waschen. Meine Kinder haben seit 16 Monaten keine Sonne gesehen, kein Sonnenlicht. Sie haben keine Tages- und keine Nachtzeit gesehen. Das Leben ist hier sehr hart. Das Wasser hier kommt aus der Toilette, wir trinken das Wasser aus der Toilette. Es gibt keine Möglichkeit für mich, die Kleidung zu waschen – alle Türen sind verschlossen für uns. Es gibt keine Menschlichkeit hier, keine Menschenrechte, niemand interessiert sich für uns, keiner hört unsere Schreie. Wir schlafen auf kaltem Boden. Bitte helfen Sie uns.“

Zahra Kamalfar und ihre zwei Kinder Davood und Anna flohen 2005 aus dem Iran, nachdem ihr Ehemann und Vater im Gefängnis hingerichtet wurde und auch sie wegen ihres Glaubens von der Regierung verfolgt wurden. Mit dem Auto gelangten die drei in die Türkei, von dort flogen sie über Moskau nach Frankfurt am Main. Ihr Plan war es, nach Kanada zu fliehen und um politisches Asyl zu bitten. Da ihre Reisedokumente jedoch gefälscht waren, schickte die deutsche Behörde die iranische Familie zurück nach Moskau. Die russischen Behörden wollten sie sodann zurück in den Iran deportieren – dazu kam es jedoch nie. Kamalfar bentragte dreimal den Flüchtlingsstatus bei der UNO, jedoch ohne Erfolg. 13 Monate lebte die Familie in einem Deportationszentrum in der Nähe des Moskauer Flughafens. Als das Zentrum im Frühjahr 2006 geschlossen wurde, mussten die drei in den Transitbereich des Flughafens ziehen. Zahra Kamalfar lebte mit ihren 2 Kindern sodann 10 Monate lang, von Mai 2006 bis März 2007, am Sheremetyevo Flughafen in Moskau. Die Umstände, unter denen die Familie dort leben musste, waren erschreckend. Auch dank der flehenden Videonachricht, die um die Welt ging, erhielten sie nach Monaten des Wartens endlich die Erlaubnis, als politische Flüchtlinge nach Kanada einzureisen. Dort traf Zahra nach mehr als einem Jahrzehnt auf ihren Bruder. Die bewegende Story ging 2007 durch internationale Medien.

 

150 Tage ohne Sonnenlicht – Mohammed Al Bahish kämpft gegen Bürokratie

In Zeiten von zementierter und extremer Bürokratie kann schon der Verlust von Papieren ein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Mohammed ist ein im Irak geborener Palästinenser, der mit einer befristeten Einreiseerlaubnis in Kasachstan lebte. Bei der Registrierung für seine Hochzeit mit Freundin Olesya verschwanden jedoch seine Reisepapiere für Flüchtlinge – zur gleichen Zeit liefen auch seine Visa für Kasachstan und die Arabischen Emirate aus. Um sein kasachisches Visum zu erneuern, flog er in die Türkei, wurde jedoch bei der Einreise bereits abgewiesen. Innerhalb der nächsten Monate flog Mohammed vier Mal zwischen beiden Ländern her, erhielt jedoch keine neue Einreisegenehmigung. So blieb ihm keine Chance als 150 Tage lang, vom 20. März bis zum 17. August, am Almaty International Airport in Kasachstan zu leben.

In zahlreichen Interviews erzählte Mohammed später, wie er die Zeit am Flughafen erlebte. Er hatte keinen Zutritt zu den Duty-Free-Shops, durfte in keinem Café Platz nehmen, musste sich stetig in der „sterilen Zone“ aufhalten. „Ich fühlte mich, als wäre ich kurz vor’m verrückt werden.“ Mohammed schlief in einem fensterlosen 2 x 3 Meter großen Zimmer innerhalb der Ankunftshalle. Zu essen gab es die Tablets, die auch Passagiere im Flugzeug bekämen – 3 Mal täglich. „Den gesamten Juni über habe ich lediglich Bœuf Stroganoff gegessen. Ich werde nie mehr in meinem Leben Rind essen.“ Mit den Flughafenmitarbeitern verstand sich Mohammed recht gut, er durfte sogar die Duschen der Gepäckarbeiter nutzen. Dennoch wurde er von Polizisten bzw. Flughafenwachmännern auf Schritt und Tritt verfolgt.

Nach fünf langen Monaten wurde Mohammed die Einreise nach Rumänien erlaubt. Heute lebt er mit seiner Frau und seinem Kind in Finnland.

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Auf der Flucht vor der NSA – Edward Snowden lebte 39 Tage am Flughafen in Russland

Der Fall Edward Snowden, der US-amerikanische „Whistleblower“, ging um die ganze Welt. Der ehemalige Agent, der für die US-Geheimdienste CIA, NSA und DIA arbeitete, enthüllte 2013 die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten – überwiegend der Vereinigten Staaten und Großbritannien. Von den USA wegen Spionage und mit Haftbefehl verfolgt, schaffte Snowden die Ausreise aus Hongkong am 25. Juni 2013, von wo aus er die Informationen preisgab, zum internationalen Flughafen in Moskau zu fliegen. Offiziell einreisen nach Russland konnte er sodann jedoch nicht, da sein Reisepass von der US-Regierung eingezogen wurde.

Während seines Aufenthaltes am Flughafen wurde auf diplomatischer Ebene um das weitere Vorgehen gestritten. Wie enge Beobachter schilderten, beschäftigte sich Snowden in dieser Zeit mit der russischen Sprache, mit Literatur und Geschichte des Landes, um die Kultur und Mentalität der Menschen kennenzulernen. Sein Anwalt brachte ihm ausreichend frische Kleidung, Schuhe und eine Auswahl an Büchern. Nicht nur der begrenzte Bewegungsfreiraum, vor allem der psychische Stress nagte an Snowden, der für mehrere Wochen nicht wusste, ob er möglicherweise an die USA ausgeliefert werden würde. Nach 39 Tagen genehmigte Präsident Putin ihm jedoch vorläufiges Asyl in Russland. Am 1. August 2013 verließ Snowden den Flughafen, seine Aufenthaltserlaubnis gilt bis Mitte 2017.

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Tobias Schwarz / AFP

Blind vor Liebe – Deutscher Heinz Müller 13 Tage in Brasilien gestrandet

In brasilianischen Zeitungen und im TV wurde ausführlich über das Schicksal des Deutschen berichtet. In Deutschland hielt man sich etwas zurück – ob es die Scham am unüberlegten und missglückten Handeln des Landsmanns war? Heinz Müller reiste im Oktober 2009 ganz normal nach Brasilien ein. Er wollte dort seine große Liebe „Josiane“ treffen, die er einige Monate zuvor übers Internet kennen gelernt hatte. Ob sie jetzt tatsächlich am Flughafen auftauchte, oder ihn direkt versetzte, ist nicht klar. Der Kontakt zu der Brasilianerin bracht jedoch ab und der Deutsche sah sich ohne Geld gestrandet am Viracopos-Campinas International Airport in Brasilien.

13 Tage schlief der damals 46-Jährige auf Plastiksesseln im Terminal, wusch sich in öffentlichen Toilettenräumen und bekam von Passagieren und Flughafenmitarbeitern gelegentlich Essen und Geld zugesteckt. In den letzten Tagen seines Aufenthaltes zeigte der Deutsche jedoch aggressives Verhalten gegenüber anderen Passagieren und wurde am 29. Oktober 2009 in die psychische Universitätsklinik in Campinas eingeliefert. Nach eigenen Angaben war Heinz früher übrigens Pilot und lebte bereits 2006 für einige Monate in Brasilien. Was aus dem liebestrunken Heinz geworden ist, lässt sich leider nicht verfolgen.

 

Am Flughafen festzusitzen ist nicht ganz ohne, wie wir sehen konnten. Ob nun aus politischen Gründen, aus bürokratischen oder auch mal aus schusseligen Gründen – es ist ja nicht nur der Platzmangel, die hygienischen Umstände, die einen staunen lassen, wie Menschen auf so lange Zeit am Flughafen ausharren können – oftmals sind es die Geschichten dahinter, die Geschichten von Verzweiflung, von Heimatlosigkeit und Angst, die diese Storys besonders, und vor allem aktueller denn je machen. Viele Menschen geben das Stückchen Leben auf, was sie noch haben, um irgendwo auf ein Neues, ein Besseres zu hoffen. Und selbst 18 Jahre Flughafen können ihrem Willen nichts anhaben, ein neues Leben anzusteuern.