Wer sich mit Ernährung beschäftigt, der kennt sich sicherlich schon mit dem derzeitigen Trend „Detox“ aus. Eigentlich geht es hier um eine Entgiftung und Entschlackung des Körpers. Überflüssige Salze und diverse Hormone und Umweltgifte sollen so aus dem Körper geschwemmt werden. Danach, so kann man in den Fitnesszeitschriften lesen, kann der Körper wieder voll durchstarten und man ist fitter und gesünder. Soweit, so gut!

Was muss man sich dann aber unter Digital Detox vorstellen? Dieser neue Trend kommt, wie kann es auch anders sein, aus dem kalifornischen Silicon Valley und meint einen Zeitraum, in dem eine Person sich vornimmt, keine elektronischen Geräte wie Smartphones oder Computer zu benutzen. Das soll das Stresslevel senken und den Blickwinkel wieder auf den direkten Kontakt und die physische Aktivität lenken.

Es gibt bereits eine ganze Digital Detox-Bewegung und einige Angebote, bei denen die Leute in einem eigens angelegten Digital Detox Camp an ihrer inneren Entgiftung arbeiten können. Hier gibt es keine Handys und auch Gespräche über die Arbeit sollen weitestgehend vermieden werden. In Seminaren wird das Bewusstsein für eine aktive Beeinflussung der Abhängigkeit zu den digitalen Begleitern gestärkt. Es gibt Yoga, Gespräche und Team Building-Maßnahmen, an denen die Detoxer teilnehmen können. Viele der Teilnehmer melden sich hier an, weil sie selbst in der Freizeit und im Urlaub noch arbeiten und nicht von ihren Mails und Nachrichten loskommen.

Digital Detox

Gründer dieser Camps sind Brooke Dean und Levi Felix. Diese entschlossen sich nach einer Nahtod-Erfahrung im Jahr 2009 eine Auszeit zu nehmen und starteten zu einer Weltreise. Mehr als zwei Jahre waren die beiden unterwegs und führten unter anderem ein Gästehaus in Kambodscha. Zurück in Amerika begannen ihre Bemühungen um ein Camp der besonderen Art.

Greg Hindy detoxt extrem

Ein anderer Amerikaner hat diese Art der digitalen Entgiftung noch einen Schritt weiter getrieben. Greg Hindy ist Yale-Absolvent und hat sich ein spannendes, aber auch extremes Ziel gesetzt. Ein Jahr lang gelobt er, auf Geräusche zu verzichten und sich auf sich selbst und die Fotografie zu fokussieren. Er nimmt sich vor weder zu reden noch zu schreiben oder zu lesen. Außerdem verzichtet er auch auf Musik und Fernsehen. Alle Arten der Unterhaltung sind ihm in diesem Jahr verboten. Im Grunde besteht sein Tag also aus wandern und fotografieren. Sollte er sich doch einmal  mit Mitmenschen austauschen oder seine Regeln brechen, dann nur, um überleben zu können. Er muss sich also ganz einfach mit seinen eigenen Gedanken unterhalten. Kontakt zu anderen Menschen hat er höchstens mit Papier und Stift.

Greg hindy Ein Jahr der Stille
Facebook: Greg Hindy — One Year Performance: Walking, Silence

„Einfach mal etwas tun, was du komplett selbst steuern kannst!“

In seinem Erklärungsvideo vor seinem Aufbruch versucht er seine Beweggründe zu erklären, denn es ist nicht einfach nur die Abwendung von allen digitalen Medien, die ihn antreibt. Inspiriert von anderen Künstlern und von einem Drang, einfach mal etwas zu tun, was er komplett selbst steuern kann, geht seine Wanderung los. Erst während dieser Reise, so scheint es, wird ihm selbst letztendlich klar werden,  was ihm dieses Projekt bedeuten wird. Er nimmt sich zu Beginn seiner Wanderung einfach nur vor, seinem Bauchgefühl zu folgen und zu schauen, wohin ihn seine Reise führen wird.

Zu Fuß einmal quer durchs Land

Gestartet ist Greg in Nashua, New Hampshire im Osten der USA. Von dort führt ihn der Weg nach West Virgina und durch Virgina, North und South Carolina in Richtung Florida. Er folgt einem wahren Zick-Zack-Kurs Richtung Tennessee und wieder gen Süden Richtung New Orleans und Houston. Nach einem Monat Aufenthalt in Texas und Arizona führt ihn sein Weg immer weiter nördlich Richtung Yellowstone Nationalpark und westlich nach Portland. Erst dann wendet er sich entlang der Küste wieder in Richtung Süden. In Kalifornien beendet er an seinem 23. Geburtstag nach genau einem Jahr und über 9000 gelaufenen Meilen (rund 15 000 Kilometer) seine Wanderung. Seitdem ist er auf einer etwas direkteren Route wieder in Richtung seiner Heimat unterwegs. Mittlerweile hat er sein Schweige-Gelübde beendet und antwortet sogar gelegentlich auf Mails.

Greg hindy
Facebook: Greg Hindy — One Year Performance: Walking, Silence

Erst bei einem Blick auf die Karte mit seinen vielen Stationen wird so richtig deutlich, welch eine enorme Strecke Greg in einem Jahr zurückgelegt hat. Wer schon einmal einem Roadtrip durch die USA gemacht hat, der weiß, wie einschüchternd die weiten Ebenen und Wüsten wirken können. Und das, obwohl man mit dem Auto unterwegs ist. Zu Fuß müssen diese Entfernungen noch viel eindrucksvoller wirken. Noch nicht einmal während einer Lebensmittelvergiftung, die ihm einen Aufenthalt im Krankenhaus einbringt, bricht Greg sein Gelübde. Und nur zweimal kann er eine kurze Strecke seines Weges nicht zu Fuß zurücklegen. Einmal muss er sich über eine Brücke bringen lassen und einmal einen Tunnel mit einem Fahrzeug durchqueren, da hier kein Fußgängerverkehr gestattet ist. Da er selbst keinen Kontakt zu elektronischen Geräten sucht, werden seine Fortschritte während der gesamten Reise von seinem Vater dokumentiert. Er rief alle Menschen, denen Greg während des Jahres über den Weg lief dazu auf, Fotos zu machen, die er dann auf seiner Facebookseite veröffentlichte. So waren interessierte User aus aller Welt quasi live auf der Digital Detox-Reise dabei. Paradox, nicht wahr? Die Reaktionen, von denen ich dort lesen konnte, waren großartig.

„It´s about speaking through silence“

Sein Video ist nicht nur wegen seines außergewöhnlichen Vorhabens sehenswert. Auch die optische Veränderung, die Greg innerhalb von 365 Tagen erlebt, ist unübersehbar. Er kämpft mit der Fassung, als er seine ersten Worte seit einem Jahr über die Lippen bringt und man nimmt ihm ab, dass er überwältigt ist von seinen eindrucksvollen Erlebnissen. Als er über die Grenzerfahrungen wie den unstillbaren Durst spricht, den er verspürt, als er durch die Wüste wandert, wird er beinahe hysterisch. Gerade dieser Kontrast zwischen seinen Erklärungen vor der Wanderung und seinem emotionalen Ausbruch nach dem Ende seines Abenteuers zeigen, wie extrem ein derartiges Projekt einen Einfluss auf die psychische Stabilität nehmen kann. „Sprechen durch Stille“ – das ist es, was Greg mit seinem Projekt eindrucksvoll vormacht.

Greg Hindy Digital Detox extrem
Facebook: Greg Hindy — One Year Performance: Walking, Silence

Was wir von Greg lernen können

Greg Hindy ist ein sehr drastisches Beispiel dafür, wie man mit den Anforderungen der digitalen Welt umgehen kann. Er hat seine Ansprüche an sich selbst sehr hoch und die Ansprüche an den Komfort seiner Reise sehr niedrig gesetzt. Als Vorbild kann er uns allen dienen und es reicht ja schon, wenn ihr euch vornehmt, bei Treffen mit Freunden einfach mal die Smartphones zur Seite zu legen oder auf einer langen Bahnfahrt auf künstliche Unterhaltung zu verzichten. Manchmal ist es sehr entspannend, den eigenen Gedanken nachzuhängen und dabei einfach mal aus dem Fenster zu schauen. Ungelesene Mails und Facebook-Benachrichtigungen laufen ja nicht weg, sondern warten auch nach einigen Stunden digitaler Abstinenz immer noch auf euch.