Das Valley of the Dolls ist ein gruseliger Ort. Kaum eine Handvoll Menschen lebt hier – stattdessen werden Durchreisende von Puppen begrüßt.

„Gegrüßt seid ihr, ihr lebendes Volk und herzlich willkommen in Nagoro! Keine Angst wir tun euch nichts, im Gegensatz zu euch leben wir nicht!“ So oder so ähnlich könnten Touristen begrüßt werden, wenn sie auf der Insel Shikoku im Südwesten von Japan das kleine Dorf Nagoro betreten. Nagoro ist alles andere als ein gewöhnliches Dorf, denn hier wird man auf Schritt und Tritt von leblosen Puppen verfolgt…

Sind die Puppen bösartig?

Kein Lachen, keine Gefühle, keine Bewegung… Oder doch? Nein, das war nur der Wind, Gott sei Dank! Wer durch die Straßen Nagoros geht, sieht sie überall: Puppen – und sie sehen unheimlich echt aus! Ob wartend an der Bushaltestelle oder Puppen, die sich von der Feldarbeit ausruhen, Bauarbeiter, die gerade eine Pause machen oder Lehrer in den Klassenzimmern der verlassenen Schule – es erweckt den Anschein, als gäbe es hier mehr leblose Puppen als lebende Menschen. Aber warum? Haben die Menschen so viel Angst vor den Puppen, dass sie sich nicht mehr aus ihren Häusern trauen?

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Schlechte Lebensumstände in Nagoro

Gott erschuf die Menschen, Ayano Tsukimi erschuf die knapp 350 Puppen – die 65-jährige Ayano Tsukimi hat Antworten auf alle Fragen, die bei diesem skurrilen Szenario aufkommen. Die verheiratete Frau und Mutter einer Tochter lebt mit ihrem 84 Jahre alten Vater alleine in einem Haus in Nagoro. Ihr Mann und ihre Tochter leben in Osaka, einer größeren Stadt in Japan, denn hier haben sie einen Job und ein besseres Leben als in dem toten Dorf. In Nagoro hat bereits vor Jahren die letzte Firma dicht gemacht, sodass die Einwohner keine Chance mehr auf Arbeit haben. Auf den Straßen findet man kaum Menschen und selbst die einzige Schule des Dorfes musste schließen, da sie zuletzt nur noch von zwei Schülern besucht wurde.

Alte Menschen versterben und die jungen Menschen ziehen in größere Städte, da sie in Nagoro längst keine Zukunft mehr haben. Trotz dieses schrecklichen Zustandes ist Ayano Tsukumi vor über 10 Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt. Nach etwa einem Jahr kam sie durch den Entwurf einer Vogelscheuche, die aussah wie ihr Vater, auf die Idee, fortan Puppen zu entwerfen. Das Aussehen der Puppen wird von Familie, alten Freunden und Nachbarn bestimmt – sowohl tot als auch lebendig. Sie will den verstorbenen Bewohnern der Stadt eine neue Seele geben, indem sie die Puppen produziert. Auch Menschen, die die Stadt aufgrund der schlechten Lage verlassen haben, finden sich in ihrer Heimat in Form einer Puppe wieder…

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Bewohner haben Angst vor den Puppen

Haben die Puppen eine eigene Seele? In Japan glauben viele Menschen, dass auch Gegenstände wie Puppen eine eigene Seele annehmen können und so zum Leben erweckt werden – daher wohl auch die Angst einiger Bewohner. Viele Menschen unterstützen die Arbeit von Ayano Tsukimi nicht, da die Puppen im ganzen Dorf verteilt stehen und die wenigen Lebenden des Dorfes auf Schritt und Tritt mit ihren teilweise grimmigen Blicken verfolgen. Das hält Ayano Tsukimi jedoch nicht davon ab, immer mehr und mehr Puppen zu nähen. Die Materialkosten nimmt sie durch Spendengelder ein, denn Touristen sind begeistert von der Idee und kommen extra nach Nagoro, um die zahlreichen Puppen an jeder Ecke zu bestaunen. Für Ayano Tsukimi sind die Puppen wie ihre eigenen Kinder und die beste Medizin gegen ihre Einsamkeit. Auch ihr Haus ist voll von den „leblosen Puppen“, sie kann beinahe an nichts anderes mehr denken als an ihre stummen Genossen. Besonders Großmütter gelingen ihr immer sehr gut. Das Gesicht, speziell der Mund, ist immer sehr schwer zu nähen. Eine falsche Bewegung und der Mund verschiebt sich – das Ergebnis ist eine grimmige Puppe. Auch die Schule, die den Schulbetrieb längst eingestellt hat, ist voll mit Puppen: Schüler, Lehrer und sogar ein Direktor sind im Klassenzimmer und auf den Gängen zu finden. Das Ganze sieht aus wie ein Freeze. Eine Puppe basiert auf der Künstlerin selbst. Wenn sie kein Nickerchen macht, passt sie im Garten auf das Feuer auf. Ayano Tsukimi hat keine Angst vor dem Sterben – sie glaubt an das ewige Leben. Wenn die Einwohner irgendwann alle tot sind, lebt Ayano Tsukimi vielleicht alleine mit den Puppen im Dorf weiter, schließlich fürchtet sie sich vor ihren Puppen nicht!

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