„Mehr als ein halbes Jahr habe ich ein Doppelleben geführt. Ich ließ Briefe nach Hause schicken, man rief an, um zu bestätigen, dass ich auf Geschäftsreise gehen musste. In dieser Zeit war ich bei einer anderen Frau.“ Andreas* führte gleichzeitig zwei Beziehungen zu zwei Frauen. Was am Anfang noch interessant, ein leichtes Spiel war, entwickelte sich zu einem stressigen und gewagten Unterfangen. „Im Lügen bin ich nicht so fit, ich brauchte etwas Handfestes, das ich meiner Freundin zeigen konnte.“

Auf der Internetseite werben sie so: „Mit unserer Hilfe müssen Sie nie wieder Rechenschaft ablegen. Wecken Sie keine übermäßige Eifersucht, gehen Sie ungestört Ihren Wünschen nach und genießen Sie das Leben! Perfekte Alibis können ebenso die Beziehung schützen und retten. Machen Sie sich völlig unabhängig.“ Immer mal wieder hört man etwas von ihnen, im Fernsehen, mal in der Zeitung, Werbung gibt es keine. Dass so eine Agentur existiert, glauben die wenigsten. Bis sie es googeln, weil neue Ausreden her müssen, Lügen besser verkauft werden sollen. Genau das ist ihre Profession: Die Alibi-Profis bieten ihren Service seit über 15 Jahren an. Mehr als 1000 Ansprechpartner weltweit haben sie.

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In einem exklusiven Interview mit dem Urlaubsguru spricht ein Kunde über sein Doppelleben, seine monatliche Flatrate bei den Alibi-Profis und sein gutes Gewissen.

Fake Reisebestätigungen, Rechnungen, Seminareinladungen – Bei den Alibi-Profis ist alles möglich

„Ich komme ursprünglich aus Bremen. Vor zwei Jahren war ich da mal wieder unterwegs, nichtsahnend und auch nichtsplanend. Bis ich an einem Abend in meine frühere Jugendliebe rannte. Wir haben etwas getrunken, ziemlich viel Spaß gehabt, und, ja, landeten auch im Bett.“ Zu der Zeit lebte Andreas mit seiner festen Freundin in Hannover. „Ich wollte einfach gucken, mit wem es besser läuft.“ Zwar war der 31-jährige Versicherungsangestellte beruflich generell immer viel unterwegs, „doch ich wollte etwas Handfestes haben, das ich meiner Freundin vorlegen konnte, im Lügen bin ich selbst nicht so fit.“ Aus dem TV kannte er die Agentur der Alibi-Profis. „Ich rief da an und erklärte meine Situation. Es wurde nicht bewertet, nicht komisch nachgehakt, man nannte mir ganz selbstverständlich verschiedene Möglichkeiten, was sich organisieren lässt.“ Andreas schloss eine Art Flatrate für 200€ im Monat ab. „Dafür bekam ich dann 1 bis 2 Mal im Monat einen Brief nach Hause, oder einen Anruf für eine Einladung zu einem Seminar.“

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Nicht nur Eventeinladungen organisiert die Agentur. Mit mehr als 1000 Ansprechpartnern weltweit, unzähligen kooperierenden Firmen und Unternehmen können Urkunden ausgestellt werden, Reisebestätigungen werden gedruckt, Doktor-Titel, Rechnungen, Flugtickets – Möglichkeitsbegrenzungen gibt es keine. „Wir arbeiten mit zahllosen Branchen zusammen, die jedes Dokument, jedes Alibi möglich machen“, erklärt mir Stefan Eiben, Gründer von Alibi-Profi. Ob das alles so legal ist? Irgendwie kann ich mir das ja kaum vorstellen, muss ich gestehen. Eiben vergewissert aber: „Die Unternehmen nutzen Muster, auch die Rechtsanwälte für ihre Briefe. Solange das Dokument nur für den eigenen Bedarf genutzt wird, ist das alles kein Problem.“

Die Freundin ahnte natürlich nichts. 1 bis 2 Mal im Monat nahm sich Andreas ein Wochenende „frei“ und vergnügte sich mit der anderen. „Ich wollte die Zeit einfach für mich nutzen, ich wollte herausfinden, mit wem ich glücklicher sein kann.“ Irgendwann reichten ihm die Wochenenden nicht mehr. Eine Woche wollte er weg, dies vor der Freundin zu verkaufen, war natürlich etwas mehr Aufwand. „Ich musste spontan auf eine Geschäftsreise nach Russland. Bekam dann auch einen Brief nach Hause, wurde sogar angerufen und eingeladen.“ Und schon war die Geschichte verkauft. Im Flieger saß Andreas natürlich nie, dennoch präsentierte er seiner Freundin jede Menge Fotos von sich mit russischen Background. „Mit Photoshop geht ja mittlerweile alles, und die Fotos sahen auch absolut professionell aus.“ Andreas machte im Vorfeld Fotos von sich vor einer weißen Wand, schickte sie zu den Alibi-Profis, und zurück kam eine sichtbar russische Geschäftsreise. „Ich schickte meiner Freundin auch eine Postkarte aus Russland, damit war das Ding bombensicher.“

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Postkarten aus aller Welt mit eigener Handschrift

Schon drauf gekommen? Also ich musste echt lang überlegen, wie das jetzt genau funktionieren soll, dass man eine Postkarte von irgendwo auf der Welt nach Hause schicken kann, mit der eigenen Handschrift, und natürlich, dass man nicht mal selbst dort gewesen ist. Dann kam der „aha“-Moment. „Wir schicken Ihnen eine Postkarte in einem Umschlag, Sie schreiben dann ein paar nette Urlaubsgrüße drauf, und schicken uns die Karte im Umschlag wieder zurück“, erklärt Eiben. „Wir schicken die Karte dann zu einem unserer Partner in das Land, in dem Sie angeblich Urlaub machen, und dieser schickt sie dann zu Ihnen nach Hause, oder auf die Arbeit, oder zu Freunden – wohin auch immer.“ Denn – auch wenn euch der unanständige Gedanke bestimmt am besten gefällt – dieser Service bietet noch jede Menge andere Möglichkeiten. „Natürlich gibt es einige, die der Frau eine Geschäftsreise vortäuschen wollen“, erklärt Eiben. „Viele wollen aber auch auf der Arbeit angeben, oder bei Freunden – während der WM gab es Tausende, die eine Postkarte aus Brasilien schicken wollten.“

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Mittlerweile gibt es für den Postkarten-Service auch eine eigenständige Internetseite www.move-your-card.com – sodass sich nicht nur untreue Ehemänner angesprochen werden. „Wir schicken auch viele Liebesbriefe aus Paris zurück nach Deutschland, oder Hochzeitseinladungen aus Las Vegas, so nach dem Motto: ‚Wir können zwar nicht in Las Vegas heiraten, aber wollen euch dennoch von dort eine Einladung zukommen lassen.’“ Was den Kostenpunkt angeht, ist es egal, ob ihr eine Karte aus Köln-Porz schicken wollt, oder von den Seychellen. Für eine Karte, inklusive hin und her, um die Postkarte selbst zu beschriften, bezahlt ihr 17,99€ plus 4,50€ Versand. Bestellt ihr zwei oder mehr Postkarten, zahlt ihr keinen Versand. „Aktuell haben wir 2 bis 7 Bestellungen am Tag. Zu Weihnachten oder an irgendwelchen Events bestellen Firmen aber auch mal mehrere Hundert Stück“, erzählt mir Alibi-Profi Eiben. „Dieser Postkarten-Service ist klarer Bestseller bei uns.“ Populärste Städte übrigens – wer hätte das gedacht: Die Postkarte mit Queen Mama aus London, und the City of Lights: New York.

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Lügen-Flatrate: Doppelleben über Jahrzehnte

„Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich wollte die Zeit halt für mich nutzen und glücklich sein.“ Klare Sache für Andreas. Ob er es aber auch cool fände, wenn das jemand mit ihm machen würde? „Nein, natürlich nicht, ist ja schon irgendwie gemein, aber wenn ich ja nichts davon weiß…“ 6 Monate spielte Andreas das Spielchen mit beiden Frauen. Mithilfe der Alibi-Profis ist das Doppelleben nicht aufgeflogen. „Das halbe Jahr hat mir dann auch gereicht, und ich bin zurück zu meiner festen Freundin gegangen – mit der bin ich mittlerweile aber auch nicht mehr zusammen“, lacht der 31-Jährige. Viel länger würde er das aber auch nicht machen – Das sehen Andere aber deutlich anders!

„Wir haben einen Kunden, der seit über 16 Jahren zwei Ehen führt“, erzählt Stefan Eiben. „Mit der einen Frau hat er zwei Kinder, und mit seiner Jugendliebe ist er auch verheiratet.“ Möglich ist das, weil er einmal in Spanien, ein anderes Mal in Deutschland geheiratet hat. Extrem kurios – tatsächlich aber wahr, vergewissert mir Eiben. „Seit nun mehr als 12 Jahren betreuen wird ihn, das kann auf Dauer ja auch echt anstrengend und stressig werden. Mit unserer Unterstützung kriegt er alles unter einen Hut.“

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Homosexuelle, Krebskranke, Weihnachtsmuffel – Nicht immer nur Sexaffären

Durch jegliche Betten schlafen, und dabei den Partner anlügen – nicht so cool, aber muss ja jeder für sich entscheiden. Etwas verständnisvoller ist man aber wohl mit den Menschen, die den Alibi-Service nutzen, um eine Krankheit, vielleicht sogar ihre sexuelle Neigung zu verheimlichen. „Wir haben viele Kunden, die an Krebs, manche sogar an HIV erkrankt sind, das aber nicht ihren Familien oder ihrem Chef sagen wollen“, erzählt Eiben. „Wir sorgen dann dafür, dass offizielle Termine anstehen, in der Zeit, wo der Kunde zum Arzt muss, zum Beispiel.“ Ein Krebspatient wandte sich an die Alibi-Profis, da seine Frau ihn verlassen wollte, wenn sie aber von der Krankheit wüsste, würde sie womöglich aus Mitleid bei ihm bleiben. „Sehr populär im Moment sind die Fake Facebook-Profile“, so Eiden. „Ob es Homosexuelle sind, die so tun, als hätten sie eine Freundin. Oder der Verlassene, der auf Facebook mit seiner neuen Freundin angeben will, um die alte eifersüchtig zu machen.“

Es müssen aber auch nicht immer diese großen Geheimnisse sein, „viele Menschen wollen auch einfach mal ein Wochenende frei haben, und ein Buch lesen, oder auf der Xbox zocken“, erklärt mir Alibi-Profi Eiben. „Ohne große Diskussion will man mal Zeit für sich alleine haben, da hilft schon eine kurze Seminareinladung, oder eine Flugbestätigung.“ Gerade an Weihnachten ist so einiges los. „Viele haben dann halt auch mal keine Lust auf die ganze Familie und die Feiertage. Da erzählt man dann halt, dass man einen Urlaub gewonnen hat, und deswegen nicht da ist“, erzählt Eiben. „Dann schicken wir eine Bestätigung vom Reiseveranstalter, vielleicht machen wir ein paar Fotos fertig und schicken eine Postkarte, und schon hat man 2 Wochen Ruhe.“

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Wie viel die freie Zeit kostet, ist natürlich je nach Umfang und Dauer unterschiedlich. „Sagen wir aber mal, sie wollen das ganze Wochenende auf eine Lan-Party gehen, und wir schicken eine Einladung zum Geschäftsmeeting, oder eine Gewinnbestätigung nach Hause, dann kostet das 99€ inklusive Vorbesprechung.“

Das Geschäft mit dem Lügen

Wie unglaublich umfangreich das ganze Alibi-Geschäft ist, könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Je mehr Beispiele Stefan Eiben vorbringt, desto mehr staune ich. „Wir arbeiten mit etlichen Schauspielern zusammen, wenn die Eltern unbedingt die Freundin kennenlernen wollen, dann liefern wir die Tanja halt nach Hause.“ Noch nicht genug. „Wenn man die Oma in Berlin regelmäßig besuchen geht, brauchen wir halt eine 60-jähirge Oma, die mit sächsischem Akzent zuhause anruft. Wir schicken Bußgeldbescheide mit dem richtigen bzw. vorgetäuschten Ort nach Hause, wenn man geblitzt wurde. Es gibt nichts, was wir nicht hinbekommen.“

So weit vernetzt, und so umfangreich sah es vor 15 Jahren noch nicht aus. Überhaupt auf die Idee zu kommen, zeugt ja schon von… hmm, wovon eigentlich? Lügentalent? Moralische Flexibilität? Alles begann an einem Abend unter Männern. „Ich wollte mit meinen zwei Freunden ausgehen, doch in letzter Minute sagten mir beide ab, weil die Freundinnen es ihnen nicht erlaubten.“ Noch in der Nacht stellte Eiben eine Website online, auf der er Alibis zum Verkauf anbietet. Seitdem geht es steil bergauf. Am Standort in Bremen, wo alles koordiniert wird, sitzt er nur mit einer Handvoll Mitarbeitern, alle anderen sind Freie und auf Abruf bereit. Hauptsächlich in Deutschland, der Schweiz und in Österreich wird der Service angeboten, „doch seit einigen Jahren haben wir nun eine Zweigstelle in Spanien, weil hier halt viele Deutsche leben.“

Jetzt mal halblang! Ist ja nicht so, dass nur wir Deutschen gerne lügen, und das noch bitte auf professionellem Niveau. Nein, auch in anderen Ländern wird gelogen und betrogen bis der Arzt kommt. Also expandieren? Alibis in die Welt streuen? Nein, darauf hat Eiben keine Lust. „Noch in andere Länder zu expandieren wäre mir zu anstrengend, auch wenn es vielleicht klappen könnte. Wir arbeiten lieber an dem Ausbau unserer Produktpalette.“ Und das ziemlich erfolgreich. Aktuell wirbt alibi-profi.de mit Fake Lügendetektortests, auch mit umfangreichen Fake Facebook-Profilen, die nach Bedarf auch persönlich vorbeikommen. „Vor 15 Jahren ging es mehr um eine SMS hier und da, mittlerweile mussten auch wir technisch aufrüsten.

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Moralisch verwerflich?

Herr Eiben, Sie machen ihr Geschäft damit, andere Leute anzulügen und Schmerzen zuzufügen! Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

„Nein, ich würde eins haben, wenn ich es nicht machen würde“, sagt mir Alibi-Chef Eiben. „Ich bekomme so viele Anrufe von Menschen, die absolut verzweifelt sind, weinen, die sich so eingeengt und unglücklich fühlen, dass sie keinen Ausweg mehr wissen.“ Es seien ja nicht nur die Leute, die die liebe gute Ehefrau zuhause eiskalt betrügen wollen, „wir haben viele Menschen, die sich in einer ausweglosen Situation befinden, weil sie krank sind, absolut gestresst, weil sie keinen Partner finden, oder schlichtweg einem gesellschaftlich nicht akzeptierten Beruf nachgehen. Diese Menschen wollen wir unterstützen und Ihnen ein Stück ihrer Last abnehmen.“

Was sagt ihr dazu? Findet ihr es okay, Alibis zu nutzen, um einer Sache aus dem Weg zu gehen? Sagt ihr, dass es in Ordnung ist, wen man in dieser und jener Situation steckt, aber nicht, wenn man von einem Bett ins andere hüpfen will? Ich bin da ja ganz neutral, leben und leben lassen! Aber umso gespannter bin ich auf eure Meinungen!
Übrigens, bevor wir hier mal wieder alle bösen Männer an die Wand nageln, es steht hier 50/50! Die Hälfte aller Kunden, sagt mir Alibi-Chef Stefan Eiben, seien weiblich, 50%männlich. Wer hätte das gedacht? ;-)

* Name von der Redaktion geändert