„Gehen Sie davon aus, es handelt sich hier um eine Lebensstellung“, sagte ihm der Personalchef. „Klingt für mich wie ein Witz. Oder eine Drohung.“ Als Ausreißer oder Aussätzige bezeichnet man sie schon lange nicht mehr. Digitale Nomaden.

Gerade in den letzten Jahren ist die Anzahl der Menschen, die einen alternativen Lebensstil wählen, rasant gestiegen. Ungebunden, ortsunabhängig und währenddessen Geld verdienen. Der Freiheitsdrang ist es, der sie alle verbindet. Sie arbeiten da, wo Internet angezapft werden kann. Im Café in Ho Chi Minh, am brasilianischen Strand oder im tiefgefrorenen Iglu-Hotel auf Island. Ist das Leben als digitaler Nomade die Lösung all unserer Probleme? Oder nur eine kurze Glücksträhne mit bösem Erwachen?

man_beach_laptop_strand_meer_191622767

Digitale Nomaden: Definition einer neuen Lebensform

Der Begriff treibt sich erst seit einigen Jahren herum – seitdem das digitale Nomadendasein als eine Art Berufsbezeichnung, oder eher als Lebensform aufgeführt, und immer mehr und stärker gelebt wird. Doch was genau sind digitale Nomaden? Aus wirtschaftlichen Gründen zogen früher die Menschen umher, die als Nomaden bezeichnet wurden. Heute entscheiden sie sich aus freien Stücken dazu – den wirtschaftlichen Zugang tragen sie im Handgepäck. Digitale Nomaden sind Menschen, die ortsunabhängig arbeiten. Ohne festen Wohnsitz reisen sie von Ort zu Ort, von Land zu Land und arbeiten von ihrem Laptop aus. Ihre Jobs können sie überall dort erledigen, wo es einen Internetzugriff gibt.

Die Tätigkeiten der digitalen Nomaden sind dabei recht vielfältig. Viele betreiben eigene Websites oder Blogs, arbeiten als freie Autoren oder Übersetzer, generieren Online-Marketing, sind Fotografen, oder werden für Projekte bezahlt aus den Bereichen Grafik- und Webdesign, oder Softwareentwicklung. Ihre Kunden bedienen sie ausschließlich online – digitale Technologie, Skype, Email, Facebook, CMS. Wo auf der Welt sie sich gerade befinden, spielt keine Rolle.

Frau-Laptop-Hängematte

Viele digitale Nomaden kommen nicht direkt aus der digitalen Welt. Viele haben normale Jobs auf dem Lebenslauf. Lehrer, Betriebswirt, Finanzen. Mit den Jahren, auf Workshops und von bekannten Vorbildern, haben sie sich viele Kenntnisse selbst angeeignet und ausprobiert. In welcher Sparte sie im Endeffekt Geld und wie viel davon verdienen, ist unterschiedlich. Was sie jedoch alle verbindet, ist der Drang nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und Ungebundenheit. In den letzten Jahren hat sich daraus eine richtige Lifestyle-Bewegung entwickelt. Es werden Konferenzen veranstaltet, E-Books zum Thema veröffentlicht, Workshops gehalten, Anleitungen gegeben, um neue digitale Nomaden heranzuziehen. Und die Resonanz ist riesig.

Deutschlands bekannteste digitale Nomaden

Sie sind schon kleine Berühmtheiten in der digitalen Welt. Aber auch die deutschen Medien, Süddeutsche, Welt, FAZ berichten immer wieder gerne von Deutschlands bekanntesten digitalen Nomaden. Wie lebt man so einen Lifestyle, wie verdient man Geld, wie sorgt man vor? Seit Jahren reisen sie als digitale Nomaden durch die Welt. Führen erfolgreiche Blogs, haben ihre eigenen Unternehmen. In E-Books und Workshops geben sie ihr Wissen regelmäßig an ambitionierte Neulinge weiter. Entweder ihr kennt sie schon, oder aber ihr solltet euch dringend mal ihre coolen Abenteuer anschauen – das hier sind Deutschlands bekannteste digitale Nomaden:

Conni Biesalski von www.planetbackpack.de:
Planet Backpack ist mit über 100.000 monatlichen Lesern einer der größten Reiseblogs in Deutschland. Die 31-jährige Conni ist seit 2012 on the roads und arbeitet auf der ganzen Welt. Neben ihrem Blog bietet sie einen E-Book-Kurs an – „Digital, unabhängig & frei: Die Kunst überall zu leben und zu arbeiten“ – und einen Blog Camp Onlinekurs.

11401431_842559349154660_1774876092801572582_n
Foto: facebook.com/planetbp

Sebastian Canaves von www.off-the-path.com:
Sein Reiseblog ist für Abenteurer und Flashpacker. Seit 2011 führt der 25-jährige Sebastian das Online-Tagebuch auf deutsch und englisch. Wenn er nicht durch die Welt reist, lebt er in Berlin und Schweden und berät verschiedene Unternehmen zum Thema Blogging Relations, Social Media und Branding. Off the Path hat monatlich 35.000 Besucher.

Tim Chimoy von www.earthcity.de:
Tim ist hauptberuflich Architekt und Grafik-Designer, betreibt zusätzlich verschiedene Online-Shops und Websites – alles Tätigkeiten, die er aus der ganzen Welt ausübt. Seinen Blog betreibt er nebenbei. Er schreibt auf seinem Blog über seine Erfahrungen als ortsunabhängiger Unternehmer und digitaler Nomade.

Felicia Hargarten von www.travelicia.de:
Seit über zehn Jahren reist Felicia durch die Welt – hat mittlerweile über 40 Länder erkundet. Sie mag es minimalistisch, bei ihr geht es hauptsächlich um Abenteuer, und wie man sie am besten umsetzen kann. Mit Online Marketing verdient sie ihr Geld, veranstaltet zusätzlich die DNX – Die Konferenz für Digitale Nomaden. Ihren Blog lesen 45.000 Menschen im Monat.

Carina Herrmann von www.pinkcompass.de:
Pink Compass ist ein Reiseblog für alleinreisende Frauen. Carina selbst reist seit Jahren alleine durch die Welt und will mit ihrem Blog andere Frauen unterstützen, alleine zu reisen. 2013 hat sie alles verkauft und ist seitdem unterwegs. In über 200 Artikeln schreibt sie über Vorurteile, Gefahren und großartige Erfahrungen. Bei Facebook hat sie über 11.000 Fans.

11402967_847996188582892_4569468197032106593_n
Foto: facebook.com/citygirltravels

Patrick Hundt von www.101places.de:
Patrick ist absoluter Profi unter den Reisebloggern, auf Google decken seine Texte viele Fragen rund um’s Reisen ab. Im Sommer 2012 startete er seinen Blog, um über seine Weltreise zu berichten. Klein angefangen hat 101 Places mittlerweile über 55.000 Besucher im Monat. Auf seinem Blog gibt Patrick ausführliche Reisetipps, spricht Empfehlungen aus, und erzählt aus seinem Leben als digitaler Nomade. 101 Places gehört zu den erfolgreichsten und populärsten Reiseblogs Deutschlands.

Leben als digitaler Nomade: So fängt’s an…

Vor wenigen Wochen habe ich euch von Johnny Ward erzählt. Seit fünf Jahren reist er durch die Welt und hat währenddessen ein millionenschweres Business auf die Beine gestellt. Dass das Happy End immer gleich 6-stellige Dollarnoten trägt, ist ehrlichweise nur sehr selten der Fall. Den Lebensunterhalt zu finanzieren, schaffen jedoch die meisten digitalen Nomaden. Doch wie funktioniert das?

So unterschiedlich die Geschichten der digitalen Wanderarbeiter auch sind, alle fingen sie an mit einer initialen Feststellung: dem unaufhörlichen Drang nach Unabhängigkeit. Egal auf welchen Blogs digitaler Nomaden man herumspringt, die ersten Schritte sind überall gleich:

1. Sehnsucht nach Unabhängigkeit verspüren und realisieren.

2. Ängste überwinden vor dem Austritt aus dem geregelten Berufsalltag, vor finanzieller Unsicherheit, vor Veränderung.

3. Geld sparen, Workshops besuchen, Blogs lesen, Anleitungen recherchieren, von anderen digitalen Nomaden lernen.

4. Job kündigen, Besitz auf das Minimalste verkleinern.

5. Auf Reise gehen.

6. Geld von unterwegs verdienen.

Sonnenuntergang-meer-backpack-reisen

Geld verdienen als digitaler Nomade

Viele digitale Nomaden haben sich selbst beigebracht, im digitalen Geschäft Geld zu verdienen. Von heute auf morgen ist da nichts passiert. Harte Arbeit und viele Stunden müssen hineingesteckt werden – ganz entgegen der weit verbreiteten Wunschvorstellung. Auf 101places.de haben zahlreiche deutsche digitale Nomaden erklärt, wie sie Geld verdienen. Hier zwei Beispiele.

Conni von Planetbackpack.de:

„Mein Einkommen ist in mehrere Quellen aufgeteilt:
1. Mein Reiseblog Planet Backpack: Vordergründig mit Affiliate Marketing und Werbung
2. Einen Social Media Kunden, für den ich die Facebook-Page betreue
3. Übersetzungen Deutsch – Englisch für eine große Firma in Österreich
4. Blog Camp Workshops und Consulting via Transit Media
Ich würde schätzen, dass Planet Backpack etwa 60-70% meiner Einnahmen ausmacht, wobei ich auch nur davon leben könnte.“

Conni verdient alleine mit ihrem Blog mittlerweile zwischen 4.000 und 6.000 Euro im Monat.

Sebastian von Off the Path:

„Mit meinem Abenteuer Reiseblog verdiene ich ca. 55 % meines Einkommens. Hier ist der Hauptteil der Einnahmen Affiliate Sales von Amazon, die ich in die verschiedenen Artikel eingebaut habe, als auch in meine gratis Ebooks.
Ein weiterer Teil meiner Einnahmen kommt vom Linkselling obwohl ich auf Off The Path selten Links verkaufe. Ich betreibe neben meinem Hauptblog noch 5 weitere Blogs. Unternehmen schreiben mich für Werbung auf Off The Path an und ich verkaufe denen dann Werbung auf meinen anderen Blogs (u.a. Worth-A-Journey.com). Hier macht es natürlich die Masse. Ich habe eine Liste mit über 300 Werbern in Deutschland und im Ausland. Einmal im Monat schicke ich ein Angebot für die verschiedenen Blogs, viele davon springen darauf an!
Durch Affiliate und Linkselling sprechen wir von 1.000 – 1.500 Euro im Monat (mein bester Monat waren 2.500 Euro).“

11128829_824858994261043_5294136056719004574_o
Foto: facebook.com/OffThePathcom

Digitale Nomaden Konferenz – „Das Leben zurück erobern“

„Die DNX verändert Leben und ist der Auslöser, dass Menschen beginnen, ortsunabhängig zu leben.“ Wie rasant und riesig das Interesse am Leben als digitaler Nomade ist, zeigt bereits die vierte Digitale Nomaden Konferenz, kurz: DNX, in zwei Jahren. Nachwuchsnomaden wird bei diesem Treffen in Berlin das Know-How beigebracht, für schlappe 297 Euro. Nächster Termin ist der 10. und 11. Oktober. Auf dem Tagesplan: DNX Talks, Workshops, Brunches, Lunches, und eine große Community von Freigeistern.

„Unsere Vision ist, dass immer mehr Menschen ihr Leben frei und selbstbestimmt führen. Wir glauben daran, dass die Begegnung mit anderen Kulturen uns persönlich reicher macht und die Welt dadurch besser wird. Jeder kann seine Passion finden, seine Träume leben und selbstbestimmter arbeiten.“ Die beiden Gründer Marcus und Feli sind selbst Blogger, auch digitale Nomaden. Alles, was ein digitaler Nomade wissen sollte, was er für sich zu Nutzen machen kann, wird auf der Konferenz aufgezeigt. Workshops unter dem Titel „Ortsunabhängig mit Handel auf Amazon seinen Lebensunterhalt verdienen“ oder „Gründe das geilste Business der Welt: Deines“ werden von bekannten deutschen digitalen Nomaden gegeben. „Die DNX ist Teil der Freiheitsrevolution, in der die Menschen ihren Job, ihre Zeit und das Leben zurück erobern. Menschen kündigen ihre konventionellen Jobs, um die Freiheit zu haben, ihr eigenes Leben zu gestalten.“

11850471_877024935696665_7613109396027071171_o
Die DNX – Konferenz der Digitalen Nomaden – in Berlin. Dieses Jahr am 10. & 11. Oktober. Foto: facebook.com/dnx

Film über digitale Nomaden: „Deutschland zieht aus“

Am Anfang war es nur ein Film. Dann wurde es zum eigenen Lebensweg. Thorsten Kolsch brachte letztes Jahr einen Film heraus, „Deutschland zieht aus“, in dem er die bekanntesten deutschen digitalen Nomaden interviewt und ihr Leben und ihren Erfolg Revue passieren lässt. Die Arbeit am Film brachte ihn dazu, genau dieses Leben anzustreben. Alle Fragen, die sich der Otto Normal Mensch über das Leben als digitaler Nomade stellt, werden hier beantwortet. Ist das der richtige Lifestyle für mich? Wie schaffe ich es, aus der jetzigen Welt auszubrechen? Wie kann ich Geld verdienen? Wie sorge ich vor? Welche Probleme kommen auf mich zu?

Der Film erzählt die mitreißenden Geschichten von fünf etablierten digitalen Nomaden in Deutschland. Es wird nichts schön geredet. Wunschvorstellungen vom digitalen Nomadentum – Reisen, wenig Arbeit, Freiheit, Glück – werden gegen einen lebenswirklichen Einblick in den Alltag der digitalen Nomaden ausgetauscht. Hauptfigur Thorsten entscheidet sich am Ende des Film, nun selbst als digitaler Nomade sein Glück zu versuchen. Erfolgreich – bis heute.

mountain-berg-abgrund-laptop-freiheit

Was haltet ihr von diesem Lifestyle? Könntet ihr euch vorstellen, ein Leben als digitaler Nomade zu führen? Was hält euch davon ab?