Er führt ein Leben wie aus dem Roman. Notlandung im australischen Outback, Elefanten im Zelt, umzingelt vom Militär beim Umsturz in Bolivien – Rolf Hildebrand hat wohl den besten Job der Welt. Seit 43 Jahren ist er Reiseleiter und bringt Touristen in die abgelegensten Ecken der Welt. 274 Länder und unabhängige Territorien hat er bereist, manche bis zu 100 Mal. Nächstes Jahr fliegt er mal wieder nach Madagaskar, dann für einige Wochen nach Südamerika und bei einer Rundreise geht’s durch Zentralasien, also Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und wie sie alle heißen. Angefangen hat alles mit einem, na klar, theatralischen amerikanischen Zufall, der Rest war dann aber harte Arbeit, eisgekühlt und braungebrannt. Als Reiseleiter trägt er die volle Verantwortung für gut und gerne mal 42 Traveler – alle Wünsche wollen stets erfüllt sein: Tiger-Kuscheln, Foto-Marathon oder Sightseeingtour im Krisengebiet. Im Interview erzählt der gebürtige Österreicher von seinem Beruf als internationaler Reiseleiter. Erlebnisse, über die ihr nur gelesen habt, Länder, von denen ihr noch nie gehört habt… Ein Weltenbummler über den wohl coolsten Job der Welt!

Gorilla
Rolf Hildebrand mit wildlebenden Waldgorillas in den Vulkanbergen an der Ländergrenze Ruanda/ Kongo

Das Leben eines Abenteurers: Der beste Job der Welt geht rund um den Globus

Urlaubsguru: Herr Hildebrand, wie viele Reisepässe haben Sie bereits voll bekommen?

Rolf Hildebrand: Meines Wissens nach sind es wohl 32 Reisepässe. Ich war zwar in „nur“ 274 Ländern und unabhängigen Territorien, doch in vielen halt ziemlich häufig. Allein in Pakistan war ich bestimmt 30 Mal, im Fernen Osten, also Tokio, Hongkong, Taipeh und Bangkok, schon unzählige Male. Wenn man zugrunde legt, dass ich 3 Mal im Jahr in diesen Städten war, das ganze mal circa 40 Jahre, sind das über 100 Besuche in einer Stadt.

Wo auf der Welt gefällt es Ihnen am besten?

Nicht ohne Grund habe ich 36 Jahre in Kalifornien gelebt. Santa Barbara und San Diego sind atemberaubende Orte. Der schönste Ort für mich ist aber Cabo Frio. Nordöstlich von Rio de Janeiro liegt diese kleine Stadt direkt am Wasser. Atemberaubende Strände, wahnsinnige Menschen. Selbst die Armen putzen die Schuhe hier im Samba-Rhythmus.

Und wieso leben Sie dann jetzt in der, sagen wir mal, anti-brasilianischsten Stadt Deutschlands? In Frankfurt am Main?

Ja, ich bin hier irgendwie hängen geblieben. 2000 kam ich zurück nach Deutschland, weil ich ein gutes Jobangebot bekommen habe. Aber wenn man älter wird, ja dann wird auch die Gesundheitsversorgung immer wichtiger. In Brasilien muss man erst in die nächst größere Stadt fahren, um versorgt zu werden. Und in Amerika ist das halt wahnsinnig teuer. Gerade versucht Obama ja sein neues System durchzubringen, aber wie erfolgreich „Obamacare“ funktioniert, weiß man ja aus den Medien. Meine Frau und ich haben auch eine Wohnung in Polen, aber wir leben hauptsächlich in Frankfurt, weil hier, klar, der größte internationale Flughafen Deutschlands ist und ich schnell überall hin kann.

Buthan
Nach der Landung in der Kleinstadt Paro im Westen des Himalaya-Königreiches Bhutan

Welches Land gefällt Ihnen so gar nicht?

Also Pakistan und Kaschmir sind wirklich sehr gefährliche Länder. In Kaschmir sind immer nur Krieg und Bombenattentate. Ein Großteil der Menschen in Kaschmir ist muslimisch, das Gebiet gehört aber zu Indien. Aber Pakistan ist, meines Erachtens nach, das gefährlichste Land der Welt. Ich war dort schon an die 30 Mal, aber ich will definitiv nie wieder dahin.

Hunderte Länder in 40 Jahren – So klappte der Aufstieg

Um Ihren abenteuerlichen Beruf beneiden Sie gewiss viele. Aber Reiseleiter kann man ja nicht mal eben an der Uni werden. Wie kamen Sie an diesen Job?

Für Jahre hing mir mein Vater in den Ohren, dass ich doch Bankkaufmann werden soll. Also bin ich nach der Schule erst einmal in die Banklehre, doch mein großes Ziel stand schon in jungen Jahren fest, eines Tages will ich in die USA auswandern. Nach meiner Ausbildung dann wollten mein Kumpel und ich unbedingt um die Welt reisen. Wir fuhren nach Norddeutschland, stellten uns in den Hafen und fragten herum, welches Schiff uns mitnehmen würde. Von den meisten wurden wir nur belächelt, außer von diesem einen Kapitän, der uns tatsächlich einen Steward Job auf seinem Frachtschiff gab. So ging es für uns 6 Monate auf der MS Hannover über den Orient nach Japan. Von dort sollten wir eigentlich zurück nach Deutschland, doch dann kam irgendeine dringliche Ware dazwischen, die wir in die USA bringen mussten. So waren wir nochmal mehrere Monate unterwegs, über Mexiko, Kolumbien, in die USA. Zuhause in Deutschland wurden wir wie Helden gefeiert. Ich bekam einen Job bei American Express am Genfer See, das war Mitte der 60er. Nach etlichen Bitten wurde ich probeweise in die Reiseabteilung gesteckt. Dort stand ich am Schalter und machte Reservierungen und Buchungen. Zu der Zeit waren super viele Stars in der Schweiz. Ich bediente zum Beispiel Charly Chaplin einige Male.

Mt Everest
Kurz vor dem Rundflug über den Mount Everest

War Charly Chaplin auch privat so lustig und pantomimisch still?

Charly Chaplin war freundlich, aber auch kurz in seinen Wünschen und seinen Unterhaltungen mit mir. Er konnte gerade so über den Schalter sehen, wie Sie ja wissen, war er nicht gerade sehr groß :-)

Wie schafften Sie dann den Sprung vom Schalterjungen zum internationalen Reiseleiter?

Da war dieser Kunde, der einen Reiseführer für eine große Gruppe durch Europa suchte. Ich kontaktierte alle Leute, die ich kannte, doch fand niemanden, der Zeit oder genügend Wissen über europäische Städte hatte. Also bot ich mich selbst an. Tja, 4 Monate später zog ich nach Kalifornien. Durch Beziehungen kam ich an ein Reisebüro, das Touren in die ganze Welt anbot. Die brauchten aber natürlich zu dem Zeitpunkt keine Reiseleiter, und wer war ich schon? Also arbeitete ich erst einmal als Skilehrer in den Bergen. Bis ich eines Tages, mitten im Skiunterricht, einen Anruf bekam. Es werde ein Reiseleiter benötigt für einen zweiwöchigen Trip in den Südpazifik und nach Australien. Super, dachte ich mir, dann kündige ich hier, zieh langsam wieder nach Kalifornien und los geht’s. Pustekuchen. Der Trip startete 2 Tage später. Ich packte meine Sachen, verließ den Job Hals über Kopf und saß Samstag im Flieger nach Australien. Das ist Amerika, so fing meine Karriere an!

Durch Krisengebiete und Wüste – Die krassesten Abenteuer als Reiseleiter

Wie ist das Leben als Reiseleiter?

Ich lebe ein Leben voller Abenteuer. Keine Reise ist wie die andere und keine Gruppe ist wie die vorherige. Aber man darf auch nicht unterschätzen, dass man als Reiseleiter zu jeder Zeit für die gesamte Gruppe verantwortlich ist. Wenn irgendwas passiert, jemand wird krank, ein Flug wird storniert, sich die politische Situation im Land ändert – man ist immer erster Ansprechpartner und muss Lösungen finden.

Somalia
Rolf Hildebrand in der somalischen Wüste mit einer einheimischen Pantherschildkröte

Kam es schon einmal zu krassen Zwischenfällen?

Natürlich gab es hin und wieder Außerplanmäßiges. Auf einem Trip nach Kabul wurde die Gruppe mal stundenlang verhört und gefilzt, weil zu der Zeit anscheinend viele Attentate verübt wurden. Dass wir amerikanische Touristen waren, hat da keinen interessiert. Und wir mussten mal eine Notlandung in Australien machen, mitten in der Wüste, im Outback. Beide Propeller sind ausgefallen, Hilfe war aber schnell da. Wir waren in jeglichen Zeitungen, im Fernsehen, überall. Dann gab es auf Afrikareisen natürlich einige Malaria-Erkrankungen und, das war schon ziemlich gruselig, es kam mal ein Elefant nachts in unser Zeltlager. Ich hatte gedacht, der würde uns alles platt walzen, aber der hat nur herumgeschnüffelt und nach Essen gesucht.

Sie fliegen auch in politisch ungewisse Länder. Wie werden Sie dort als Tourist behandelt?

In einigen, vor allem unbekannten Ländern, haben wir zusätzlich einen lokalen Guide, der uns auf Touren begleitet. Ich weiß zwar schon viel, aber die Einheimischen kennen ihre Orte doch noch ganz anders. So haben wir immer einen Ansprechpartner, der die Situation vor Ort gut einschätzen kann. Dennoch kam es hin und wieder zu Zwischenfällen, obwohl ich eher Unannehmlichkeiten sagen würde. Richtig gefährlich wurde es für mich und meine Gruppe zum Glück nie. In asiatischen Ländern kam es gelegentlich vor, dass wir stundenlang festgehalten wurden, bis jede Ecke des Busses kontrolliert wurde. Auch war ich mal auf einem Trip durch Bolivien. Genau am Tag unserer Anreise fand ein Umsturz statt. Überall fielen Schüsse und wurde gekämpft. Wir stiegen nichts ahnend aus dem Flugzeug und machten uns auf in die Innenstadt, um eine Stadtrundfahrt zu machen. Plötzlich waren wir mittendrin, zwischen Soldaten, Polizisten und rebellierenden Bolivianern. Das Militär stoppte uns und fragte entsetzt, was wir denn da verloren hätten. Ich sagte ihm, dass wir eine Stadtrundfahrt gebucht haben. Er lachte mich an und sagte, dass hier niemand durch kommt. Wir wurden zurück zum Flughafen geschickt und mussten halt sofort ausfliegen.

Ruanda
Zur Sicherheit folgten Aufseher der Gruppe durch das Gorillagebiet an der Ländergrenze Kongo/Ruanda.

In welchen Ländern erkennen Sie große Unterschiede zu dem, wie es in den Medien dargestellt wird und wie es in der Realität ist?

Letztes Jahr war ich auf einer dreiwöchigen Reise durch die Türkei, Armenien, Nordirak, Iran, Afghanistan und Dubai. Besonders in Afghanistan ging mir schon ziemlich die Muffe, doch es stellte sich als ein wirklich sehr entspannter Trip heraus. Vor allem aber der Iran fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Entgegen der breiten Mediendarstellung ist der Iran ein sehr, sehr sicheres und vor allem wunderschönes Land. Die Frauen müssen hier nicht verschleiert rumlaufen und die jungen Iraner sind wahnsinnig weltoffen. Viele kamen auf uns zu und wollten mit uns reden. Die wollen einfach so viel lernen, wie möglich, das ist sehr beeindruckend.

Sie sind bereits in 274 Länder und unabhängige Territorien gereist. Aber es soll tatsächlich Menschen geben, die bereits in jedem Land der Erde waren?

Ja, in unserem Club gibt es tatsächlich mehrere Leute, die bereits in allen 324 Ländern und unabhängigen Territorien waren. Mein deutscher Kollege zum Beispiel liegt auch knapp vor mir mit 304 Ländern/Territorien. Der war halt schon in jedem afrikanischen Staat, und das mehrfach.

Travelers‘ Century Club – Reisefanatiker mit über 100 bereisten Ländern

Ja, ich habe schon von Ihrem Travelers‘ Century Club gehört. Da gibt es ja krassere Aufnahmebedienungen als bei der Kelly Family!

Ach, so schlimm ist es auch nicht. Man muss halt mindestens 100 Länder bereist haben, um Mitglied bei uns werden zu können. Aktuell haben wir rund 3000 Mitglieder in 40 Staaten weltweit. Im europäischen Sektor, also Holland, Dänemark, Österreich, Deutschland usw., sind wir um die 50. Den Travelers‘ Century Club gibt es jetzt schon seit 60 Jahren mit dem Hauptsitz in Los Angeles. Die meisten Mitglieder kommen natürlich aus Amerika.

Uganda
Der Reiseleiter hier an den Murchison Falls in Uganda

Was bietet so ein Club?

Mehrmals jährlich gibt es Meetings, bei dem sich alle treffen, Erlebnisse austauschen, neue Ideen sammeln und Party machen. Häufig entstehen so neue Reisegruppen, die zusammen in irgendeine Ecke der Welt reisen wollen. Hauptsächlich bietet der Club aber Touren an, wo dann Orte besucht werden, die kaum oder noch gar nicht von Touristen besucht wurden. Nordpol, Madagaskar, die kleine Insel Komodo oder Osttimor sind so einige Ziele für unsere Mitglieder. Übrigens kann jeder diese Touren buchen, dafür muss man nicht unbedingt Mitglied in unserem Club sein.

Geht es für die meisten Reisenden denn wirklich darum, die fernen Länder kennenzulernen, oder doch eher darum, die Länderliste weiter abhaken zu können?

Also, man kann da schon deutlich zwischen Amerikanern und Europäern unterscheiden. Den Amis reicht es häufig schon, eine einstündige Stadtrundfahrt zu machen und dann ab ins nächste Land. Viele sind mittlerweile darauf aus, Listen abzuhaken, da geht’s dann schon mal in 9 oder 10 Länder auf einem Trip, nur um die fehlenden Länder abzuklappern. Die Europäer sind da etwas anders. Die wollen mehr vom Land sehen, die Leute kennenlernen – deswegen haben sie zumeist noch nicht so viele Länder auf der Liste.

So wird man Reiseleiter – Sprachen, Empathie und BIG Luck

Früher brauchte man Organisationen, um in ferne Länder reisen zu können. Heute kann jeder seine eigene Reise buchen. Was für Kunden buchen Sie als Reiseleiter und was ist besonders angesagt?

Ja, mittlerweile kann wirklich jede Hausfrau durch Südamerika reisen. Doch meine Kunden legen besonders viel Wert auf detaillierte Organisation, auf exotische Ziele und, ja, ein einwandfreies Programm. Man muss auch sagen, dass die meisten über 50 und ziemlich gut betucht sind, also sich so eine exquisite Tour locker mehrmals im Jahr leisten können. Es gibt aber auch Leute, nicht viele, aber es gibt sie, die ihr Leben lang für so einen Urlaub gespart haben und so viel erleben wollen, wie möglich. Was die Ziele angeht, da hat sich über die Jahre nicht so viel geändert. Natürlich ist die Dominikanische Republik nicht mehr so ein Geheimtipp wie vor 40 Jahren. Aktuell sind aber ganz stark unsere Weihnachtsmärkte im Kommen. Wer hätte das gedacht? Erst letzte Woche hatte ich 42 Spanier hier und ich habe ihnen die schönsten deutschen Weihnachtsmärkte gezeigt.

Pantanal
In einer Aufzuchtstation von verwundeten Jaguaren im südamerikanischen Pantanal. „Ich weiß bis heute nicht wie ich da noch lachen konnte!“

Was für Eigenschaften muss man als Reiseleiter mitbringen?

Ich war immer gut mit Menschen – das ist wohl mein größtes Gut. Menschenkenntnis ist sehr wichtig, um mit diesen vielen unterschiedlichen Leuten klar zu kommen, um sie zu führen. Zwar kommen 90% meiner Kunden aus den USA, dennoch spreche ich fünf Sprachen fließend, als Reiseleiter ist das unumgänglich. Mein ganzes Leben lang war ich Tour Guide mit Herz und Seele. Ich wollte immer reisen und Abenteuer erleben, das hat mir dieser Job ermöglicht. Doch er bedeutet auch absolute Verantwortung. Egal was passiert, man ist der erste Ansprechpartner, man muss Probleme lösen und das am besten sofort. Selbst krank werden – niemals! Ein Reiseleiter wird nicht krank. Und wenn doch, dann darf man sich nie etwas anmerken lassen. Ich war mal mit einer Gruppe auf dem Loinbo Kangri Pass in Tibet. Am Abend vorher hatte ich ein paar Drinks und auf 5500 Metern Höhe war mir dann so richtig schlecht und schwindelig. Pech gehabt halt. Also, gute Gesundheit muss man auf jeden Fall auch mitbringen. Humor, Persönlichkeit und, ja, Einfühlungsvermögen.

Das hört sich, trotz wenn und aber, nach einem verdammt tollen Job an. Wie schafft man es heute noch Reiseleiter zu werden?

Tatsächlich beneiden mich viele um mein Leben – ein Leben voller Abenteuer. Es hat sich aber sehr viel geändert, so easy wie damals ist das nicht mehr. Früher reichte ein Kontakt, ein Fünkchen Glück, heute gibt es Tourismusschulen und Akademien, wo man alles irgendwie erlernen muss. Früher wurden wir einfach losgeschickt, rein ins kalte Wasser. Aber auch heute gibt es noch Möglichkeiten. Wer die richtigen Attribute mitbringt, kann auch heute noch Reiseleiter werden.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Hildebrand!