Dass meine Leserin Minna Couchsurfing in Marokko testet, habe ich euch bereits in Teil 1 der Serie erzählt. In diesem Teil erfahrt ihr, wie ihre Reise durch das fernöstliche Land weiterging.

Es ist bei Dunkelheit unglaublich einfach, sich in den verwinkelten Gassen der Slums zu verirren. Statt regulären zehn Minuten, laufen wir  knapp 40 Minuten zurück ins Riad. Am nächsten Morgen brummt uns ein wenig der Schädel, denn wir haben nicht viel geschlafen. Da wir in drei Stunden unsere Bleibe verlassen müssen, hoffe ich darauf, dass uns Jamal, ein weiterer Couchsurfer aus dem Westen Marokkos, bei sich aufnehmen kann. Allerdings haben wir bei ihm kein Glück, da er spontan von seinem Arbeitgeber für die Nachtschicht eingeteilt wurde und aus diesem Grunde keine Zeit für uns hat.

Weiter geht das Abenteuer in Marokko

Spontane Planänderung| Ankunft in Zagora

Erstens kommt es anders…

Was nun? Wir wollen in Kürze raus aus Marrakesch, vorzugsweise ans Meer. Agadir oder Essouira würden sich da perfekt anbieten, da wir tolle Reiseberichte über diese Orte gelesen haben. Nichtsdestotrotz haben wir nicht genügend Geld, um uns dort für weitere fünf Tage ein Riad zu leisten. Doch dann kommt mir der rettende Einfall. Auf couchsurfing.com gibt es für jede größere Region dazugehörige Rubriken, in denen User Statusmeldungen teilen können. Diese sind besonders bei Notfall-Couchanfragen praktisch, da eine größere Gruppe erreicht werden kann. In der Hoffnung auf einen spontanen Schlafplatz posten wir unsere Anfrage in den jeweiligen Regionsrubriken. Schon nach kurzer Zeit erhalte ich einige Antworten von Mitgliedern, die uns Ortsführungen anbieten, jedoch keine Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen können. Dementgegen erhalten wir eine Einladung nach Zagora, eine Oasenstadt, die zur Provinz Souss-Massa-Daraâ gehört, jedoch ca. 470 km von unserem eigentlichen Zielort entfernt liegt. Um dorthin zu gelangen, müssten wir das Atlasgebirge überqueren, was als Ortsfremder mit dem Auto jedoch nicht ganz ungefährlich ist. Doch Busse sind für den Tag völlig ausgebucht. Aber wenn das Leben solch einmalige Gelegenheiten darbietet, wäre es fahrlässig von uns, diese abzulehnen. Man lebt schließlich nur einmal. Also packen wir unsere sieben Sachen und machen uns auf dem Weg zu Omar, unserem nächsten Gastgeber, der uns die nicht-touristische Seite Marokkos zeigen möchte.

Weg Ich kann mich noch genau an den halb verdutzten, teils erschrockenen Blick des Autohändlers erinnern, als wir erklären, wir würden gerne ein Auto mieten, um das Atlasgebirge auf eigene Faust überqueren. Ohne Navigationssystem, dafür aber mit einer gigantischen marokkanische Landkarte, die fast so groß ist wie ich. Er murmelt irgendwas von wegen „très dangeroux, pas bien“ und rät uns, doch lieber zum Meer zu fahren, da dort ein direkter Weg hinführe. Allerdings lassen wir uns den ausgeklügelten Plan nicht mehr aus dem Kopf schlagen und machen uns voller Übermut auf den Weg in die Oasen-Stadt.

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Wir überqueren mit einem hochmodernen Suzuki Swift das Atlasgebirge. Im Radio laufen marokkanische Songs, die wir mitgröhlen, ohne ein Wort zu verstehen. Die Pässe sind sehr kurvig und teilweise unausgebaut, weswegen es an manchen Stellen gerade wegen des entgegenkommenden Verkehrs ziemlich eng wird. Allerdings sind die Landschaften unvergleichlich schön – im Wechsel von grünen Tälern, Felsen- und Steinwüstenlandschaften traue ich mich trotz Müdigkeit kaum, ein Auge zuzudrücken, aus Angst, etwas von diesen atemberaubenden Aussichten zu verpassen. Wir passieren viele kleine Berberdörfer, die zum größten Teil aus brüchigen Lehmhäusern bestehen. Ab und zu werden wir von Kindern angehalten, die uns Fossilien verkaufen möchten. Irgendwann, nach knapp acht Stunden Fahrt und zwei Polizeikontrollen, kommen wir endlich nach Mitternacht in Zagora an.

Lehmhäuser

Ankunft in Zagora

Omar erwartet uns bereits mit seinem Freund an der African Gasoline Station. Er gibt uns ein Zeichen, ihm zu folgen. Nach einigen Minuten befinden wir uns schon in einem kleinen Resort inmitten der Stadt. Vor der Tür sitzen weitere Freunde von ihm, die uns herzlich in Empfang nehmen und uns sogleich traditionellen „Berber Whisky“ anbieten. Es handelt sich hierbei keineswegs um ein alkoholisches Getränk. So wird in Marokko ein sehr aromatischer Minztee bezeichnet. Selbst Essen haben sie für uns vorbereitet: eine klassische Tajine, bestehend aus Lammfleisch, Gemüse und einer feinen Currysoße. Wir lassen es uns schmecken und fahren anschließend zu unserer Unterkunft, einem selbst gebauten Berberhaus außerhalb des Zentrums. Eigentlich hätten wir auch im städtisch gelegenen Haus seiner Familie nächtigen können, doch klang Ersteres abenteuerlicher.

Omars Bett

Das Berberhaus liegt etwa 15 Minuten Fahrt mit dem Auto vom Zentrum entfernt, mitten in der Einöde. Der Temperaturunterschied zur Stadt ist hier deutlich zu spüren, wo sich die Temperaturen zu den Mittagsstunden auf bis zu 50 Grad Celsius belaufen. Hier hingegen ist es angenehm mild. Allerdings ist es stockfinster, denn im Inneren des Hauses gibt es nachts weder Strom noch Wasser. Als Omar die Eingangstür aufschließt und mit einer Taschenlampe die Räume beleuchtet, bin ich durchaus verblüfft. Das Haus, in dem wir uns befinden, hat keine verlegten Böden, keine Tapeten, kein Dach. Es ist quasi im Rohbau. Über uns sehe ich den klaren Sternenhimmel, der ein wenig Licht in die Finsternis wirft. Das Haus ist riesig. Es besteht aus zwei Etagen und mindestens sieben Räumen. Abgesehen von einem winzigen Badezimmer und einer ebenfalls selbstgebauten Lehmküche, sind die restlichen Räume leer stehend. Lediglich Matratzen und Decken befinden sich in mehreren Räumen für die hier nächtigenden Gäste. Omar erklärt uns, dass dieses Haus sein Zufluchtsort ist und er hier gerne seine Zeit verbringt, um dem Arbeitsalltag zu entkommen. Er verzichtet freiwillig auf den ganzen Luxus, da er die Einfachheit des Lebens schätzt. Weit weg vom Kapitalismus genießt er es, an diesem stolzen Ort ein nomadisches Leben zu führen und die Natur zu genießen. Wir können gut verstehen, weshalb er es hier so liebt.

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