Die Bahn streikt. Wir weinen, schreien, weinen und grübeln. Fahren oder fahren? Mit dem Auto oder dem Ersatzfahrplan der Deutschen Bahn? Die 290 Kilometer Stau in NRW Schlagzeile dröhnt mir noch im Kopf. Aber der Ersatzfahrplan der DB ist ja ähnlich zuverlässig wie das Kuscheln mit einem Stachelschwein, hört man. Entweder es klappt oder nicht. Aber dann so richtig nicht.
Wie ihr es jetzt am Besten macht, mit dem Auto oder mit dem Zug, hat mein Leser Philipp getestet. Der Vergleich:

GDL-Streik: Wie schnell geht’s mit dem Auto?

„So 60 Minuten brauche ich normalerweise mit dem Auto zur Arbeit, wenn alles absolut geschmeidig rutscht. Wie viele von euch Schicksalsgefährten muss ich mich auf der A40 durchleiden. Route: Mülheim-Heißen – Holzwickede.

GDL-Streik: Vergleich Auto und Zug

In furchteinflößender Erwartung stehe ich Donnerstagmorgen 40 Minuten früher auf. Ich checke mein Handy alle fünf Minuten nach den aktuellen Staumeldungen: „3km Stau zwischen Duisburg-Homberg und Essen-Zentrum“; „3km Stau zwischen Essen-Krey und Bochum-Stahlhausen“. Ach, das geht aber, denke ich mir. Warum stressen denn alle immer so? Gemütlich mache ich mich fertig, räume auf, streichle meine vernachlässigte Katze, ernähre meine abgemagerten Pflanzen und checke mein Handy: „5km Stau zwischen Duisburg-Häfen und Mülheim-Heißen“; „8km Stau zwischen Essen-Kray und Kreuz Bochum“. Scheiße, ich habe den Absprung verpasst. Ich flitze zum Auto, nehme mir extra einen Löffel für mein Frühstück mit. Den Nagelknipser überlege ich auch mitzunehmen, lass es dann aber. Immer positiv denken. Ich fahre länger durch die Stadt um eine Auffahrt später auf die bewegungsgelähmte Autobahn zu stoßen. Natürlich kann ich mir jeden Autofahrer vor, hinter und neben mir genaustens angucken, der Verkehr stockt, aber das ist normal bis Essen-Zentrum. Kaum haben sich die RWEler, ThyssenKruppler und Sparkassenmitarbeiter in Essen verabschiedet, rollt es. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr denkt: Yes, jetzt mit 120km/h! Oder auch nicht. Kurz hinter Essen-Kray der nächste Stau. Aber auch das ist normal, wegen der Baustelle, die hier schon seit 1867 ist, glaube ich, gefühlt. Hier hab ich dann endlich Zeit mein Müsli zu essen. Schöne Grüße übrigens an den älteren LKW-Fahrer von Edeka, der mich wohl hypnotisieren wollte. Im Radio gibt es natürlich auch nur ein Thema. „300 Kilometer Stau in NRW. 35 Kilometer Stau am Breitscheider Kreuz.“ Bei mir geht es nach 15 Minuten Stillstand schon weiter. Ab Bochum-Stahlhausen fluppt es. Bis ins Dortmunder Zentrum und dann bis nach Holzwickede habe ich keinerlei Probleme mehr. Anstelle von 60 sowieso utopischen Minuten brauche ich heute morgen 90 Minuten. Um 9:20Uhr sitze ich im Büro. Easy.
Am Abend sieht die Situation etwas anders aus. Mit 18.15 Uhr Startzeit habe ich mir aber auch eine stauintensive Uhrzeit ausgesucht, aber es hilft ja alles nichts. Schon ab dem Dortmunder Zentrum geht es nur noch stockend voran.

IMG_9430

Nach 30 Minuten habe ich es auf die A40 geschafft. Und dann dieser Moment wieder: „Yes, 120km/h, ab dafür.“ Leider nur bis Dortmund-Lütgendortmund. Hunderte Fahrzeuge quetschen sich hier auf unsere zwei Fahrbahnen. Ab jetzt geht es nur noch stockend, teilweise gar nicht weiter. Kennt ihr diese Leute, die dann alle zwei Minuten die Spur wechseln und sich einen Meter vor dich hineinquetschen? Meine Laune hat diesen Moment eingeplant. Ich dreh das Radio auf, genau in diesem Moment spielt WDR 2 Micheal Jackson mit „Black and White“. Wenn es ein Musikprogramm für frustrierte Autofahrer im Stau gibt, dann hat es WDR 2 perfektioniert. Direkt nach Michael Jackson und zwei zurückgelegten Metern kommt der nächste Laut-Mitgröl-Hit: Bruno Mars‘ „Locked Out of Heaven“. Mit durchschnittlichen 8km/h schaffe ich es bis Bochum-Stahlhausen. Zeitverlust knappe 40 Minuten. Ab dann läuft es aber rund, dank vier Wohlfühl-Fahrbahnen. Nach einer Stunde und 50 Minuten bin ich zuhause. Müde, aber guter Laune, Dank an Bruno und Michael.

Wie lange dauert’s mit dem Zug?

Abends um 23.14 checke ich noch einmal das Handy, meine Lieblingsapp: Der DB Navigator. Der RE1 soll ganz normal fahren, außer zwischen Hamm und Paderborn gibt es keinen Halt, aber da will ich sowieso nicht hin. Am Donnerstag habe ich schon ab und an mein Handy gecheckt und es war weder eine Verspätung noch ein Ausfall notiert. Auf anderen Strecken sieht es etwas anders aus, einige S-Bahnen fallen komplett aus, Halts werden nicht angefahren, manche Züge verkehren nur im 2-Stunden-Takt. Aber die Hauptlinien im Regionalverkehr laufen anscheinend nahezu reibungslos im Ersatzfahrplan. Ich stehe nicht früher auf, ich habe Vertrauen. Und keine Lust früher aufzustehen. Laut App kommt der RE1 pünktlich um 7:21Uhr. Im 5-Minuten-Takt klicke ich auf „Update“, aber keine Veränderung. Noch nicht einmal vier Minuten. Das kann doch nicht wahr sein. Am Tag des Streiks kommt die Bahn pünktlicher als an normalen Tagen?

IMG_9440

Ich hetze aus dem Haus, sprinte zum Bahnhof, toll so im Wintermantel. 7:22Uhr, der Zug fährt mir vor der Nase weg. Ganz schön leer hier. Der nächste kommt um 7:44 Uhr, eine Minute zu spät. Die Bahnfahrer, die hier aussteigen, sehen äußerst entspannt aus, die Bahnfahrer im Zug ebenfalls. So viel Platz hatte ich noch nie um diese Uhrzeit. Fünf Minuten zu spät kommen wir in Dortmund an. Durchsagen erläutern, dass die S-Bahn von… nach… aufgrund des Streiks heute nicht fahren. Ich sehe keine weinenden Menschen, niemanden, der neben dem Koffer eingeschlafen ist. Mein Anschlusszug der Eurobahn ist nicht vom Streik betroffen. Pünktlich kommt er und liefert mich in Holzwickede ab. Hätte ich den ersten unverschämt pünktlichen Zug nicht verpasst, wäre ich noch früher, aber auch so bin ich pünktlich um 9:10Uhr bei der Arbeit. Auch für den Abend alarmieren momentan keine Verspätungs- oder gar Ausfallmeldungen.

Fazit: Auto vs. Zug

Die Bahn fährt pünktlich auf vielen Strecken, zuverlässig besonders zwischen Aachen und Hamm. Viele Bahnfahrer ahnen wohl Schlimmeres und suchen sich eine Fahralternative oder bleiben zuhause, in der Bahn sind sie zumindest nicht. Der Ersatzfahrplan der Bahn läuft ohne große Probleme. Wer mit dem Auto fährt, muss mit geringfügig mehr Staus rechnen. Vor allem auf der A40 ist abends viel los, doch alles überschaubar. Mehr als 40 Minuten Zeitverlust gibt es hier nicht. Egal wofür ihr euch entscheidet, lasst euch nicht von den Wahnsinnigen stressen, die das große Chaos und Weltuntergang prophezeien. Bahn-Streik hin oder her, die DB hat gut vorgesorgt und dank zahlreicher Fernbusse, die vielen als Alternative dienen, sind die Straßen nur partiell voller.“